Home | Theater/Musik | Musik | Leipzig: Durchhalten als Wäschenummer
Leipzig: Durchhalten als Wäschenummer

Leipzig: Durchhalten als Wäschenummer

„Letzte Station Torgau“ gibt dem Grauen Raum

Etwa zwei Stunden lang schildern sechs Schauspieler und Schauspielerinnen ohne jede Emotionalisierung in Stimme und Geste Schikanen, die jeder besser für undenkbar hielte. Und die doch so real existierten und existieren. Nicht nur in Torgau, damals im Unrechtsstaat.

Von Moritz Jähnig

Teresa Schergaut, Paulina Bittner, Ronja Rath (v.l.n.r)

Die Szene in Leipzigs Kammerspielbühne „Diskothek“ ist spartanisch gestaltet: Ihr Boden ist ein von unten beleuchtbarer Gitterrost, den Raum beherrscht eine weiße Wippe. Eine solche Wippe stand auch auf der „Sturmbahn“ im Jugendwerkhof Torgau. Sie diente dort nicht als Spielzeug für die Jugend, sondern als Folterinstrument. Zusätzlich wird eine Projektionswand benötigt sowie ein paar Matratzen, eine Art Absperrung und ein Thronsessel für Genosse Horst Kretzschmar, Direktor und Diplompädagoge. Später nimmt der IM (Inoffizieller Mitarbeiter) der Erziehungsanstalt darauf Platz, um aus seinem Bericht über die anderen Erzieher vorzutragen. Für den Bericht erhielt er vom Ministerium für Staatssicherheit einer Flasche Schnaps plus 10 Zigaretten.

Isolation wird Bild

Es gibt keine geschlossene Handlung. Ereignisse und Situationen werden in Collagen berichtet und ein paar balladenhafte Lieder vorgetragen. Die sechs Schauspielerinnen und Schauspieler agieren einzeln oder in Gruppen, bleiben dabei zurückgenommen. Keiner schaut dem anderen in die Augen. Alle sind miteinander verbunden, aber scheinen jegliches Gefühl füreinander verloren zu haben. Keiner gibt seinem Affen Zucker. Das ist der Grund, warum das Publikum nach diesem Abend das Theater fast durchweg stark angefasst verlässt.

Die Texte, die in dem Stück verwendet werden, sind Zeitzeugenberichte oder stammen aus Aktennotizen, pädagogischen Richtlinien, Aufgabenbeschreibungen und Spitzelprotokollen. Ihre präzise und distanzierte sprachliche Darbietung ist das methodische Kennzeichen von Regine Dura und Hans-Werner Kroesingers Dokumentationstheater. Die beiden arbeiten seit zwanzig Jahren schwerpunktmäßig an Themen von Interesse für Westdeutschland.

In Leipzig führten Dura/Kroesinger 2020 „Brennende Erde“ auf, ein Dokumentarstück über den Braunkohlebergbau. Damals war es noch längere Zeit als Steam erlebbar. Angesichts der realen Themenvielfalt und politischen Brisanz erwies sich „Brennende Erde“ als enttäuschendes Fragment, wie unser Rezensent feststellte.

Rezension zu „Brennende Erde“ von Henner Kotte, Kunst und Technik 17.01.2020

Dichtung an der Zellenwand

Etwas anders verhält es sich bei „Letzte Station Torgau“. In dieser Inszenierung gewinnen die zusammengestellten und recherchierten Texte durch das beeindruckende Spiel des Ensembles Allgemeingültigkeit und Leben. Die kalkulierte sprachliche und schauspielerische Reduktion hebt die Banalität des Bösen, die zum Beispiel in der Bestrafung mit Marmeladeessen liegt, bis an die Grenze des uns Erträglichen hervor. Ihren künstlerischen Höhepunkt erreicht die Inszenierung von Kroesinger/Dura am Schluss, wenn minutiös und wie mit einer Bildbeschreibung alle Graffiti, Ritzungen und Eintragungen an den Wänden und auf den Pritschen der Torgauer Arrestzellen vorgetragen werden. Dadurch entsteht ein reines Destillat von Gefühlen, das sofort und für jeden verständlich ist. Es ist ein Moment von hoher literarischer Qualität. Dennoch bleibt das Stück als Dokumentation unvollständig.

Gedanken nach der Aufführung

In der DDR gab es insgesamt 26 Jugendwerkhöfe, von denen der verrufendste in Torgau in einem ehemaligen Gefängnis untergebracht war. Das Unrecht, das in ihm verübt wurde, soll mit keinem Wort relativiert werden. Diese Jugendwerkhöfe waren Teil des Erziehungssystems und dienten der Betreuung und Umerziehung von Jugendlichen, die als „schwer erziehbar“ oder politisch unzuverlässig eingestuft wurden. Das Ziel der Jugendwerkhöfe der DDR war es, die Jugendlichen auf ein Leben im sozialistischen System vorzubereiten. Es konnte viel Unrecht mit stillschweigender Billigung einer spießigen DDR-Gesellschaft geschehen, die keine jugendlichen Unruhestifter mochte.

Die pädagogischen Grundlagen, sofern man davon sprechen kann, basierten auf den Ideen des in der Ukraine geborenen sowjetischen Schriftstellers und Pädagogen Anton Semyonovich („Der Weg ins Leben. Ein pädagogisches Poem“, 1939). In den 1920er Jahren gründete er die berühmte „Gorki-Kolonie“, eine staatliche Erziehungsanstalt für straffällige Jugendliche. Jugendliche sollten sich in Arbeits- und Kulturgruppen selbst erziehen. Seine pädagogische Innovation bestand darin, die hartnäckigen und widerwilligen Jugendlichen so zu erschüttern, dass sie bereit wären, sich zu verändern. In Torgau setzten die Erzieher dies um, indem sie den Zöglingen nur noch eine Wäschenummer gaben und sie von früh bis spät körperlich belasteten. Die DDR nutzte den von Makarenko gepriesenen heldenhaften Wert der Arbeit eiskalt aus und zwang die Jugendlichen zur Kinderarbeit, um Devisen für die westdeutsche Wirtschaft zu erwirtschaften.

In Westdeutschland gab es keine Jugendwerkhöfe im Sinne der Einrichtungen in der DDR. Es gab jedoch „Jugendheime“, „Jugendwerke“ oder „Jugendhilfeeinrichtungen“, die sich um die Betreuung und Erziehung schwieriger Jugendlicher kümmerten. Sie hatten einen anderen pädagogischen Ansatz und eine andere rechtliche Grundlage. War dies gerechter für die einzelnen Jugendlichen? Es gab auch hier Gewalt und Fehlverhalten, das von Einzelfällen bis zu systematischen Missständen reicht.

Annotation

Letzte Station Torgau. Eine kalte Umarmung” (UA), Dokumentartheaterprojekt von dura & kroesinger. Schauspiel Leipzig. Diskothek. Regie: Hans-Werner Kroesinger, Regine Dura; Konzept und Text: Regine Dura; Musik: Jonas Wehner / Warm Graves; Bühne und Kostüme: Hugo Gretler; Dramaturgie: Georg Mellert; Licht: Mattheo Fehse; Video: Fabian Polinski; Ton: Heribert Weitz

Besetzung: Paulina Bittner, Denis Grafe, Christoph Müller, Ronja Rath, Teresa Schergaut, Leonard Wilhelm

Premiere 11.03.2023; besuchte Vorstellung 03.06.2023; veröffentlicht 04.06.2023; weitere Vorstellung auf www.schauspiel-leipzig.de

Credits

Text: Moritz Jähnig, freier Theaterkritiker und Herausgeber, Leipzig

Fotos: © Susann Friedrichs

Szenenbilder

Scroll To Top