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Semperoper: „Falstaff“, ein abgehalferter Rockstar

Semperoper: „Falstaff“, ein abgehalferter Rockstar

Damiano Michieletto rückt Verdis Meisterwerk in eine suspekte Gegenwart

Der schon geraume Weile amtierende neue Chefdirigent der Sächsischen Staatsoper Dresden Daniele Gatti hat sich vor einer Wagner-Premiere, „Parsifal“ im März 2026, für seinen Einstand im Graben der Semperoper Verdis „Falstaff“ gewünscht.

Von Moritz Jähnig

Szene mit Nicole Chirka (Mrs. Meg Page), Marie-Nicole Lemieux (Mrs. Quickly), Eleonora Buratto (Mrs. Alice Ford), im Hintergrund: Rosalia Cid (Nannetta) v.l.

Ein ostdeutscher Unterton

Man möge verzeihen, doch in diesem Dresdner „Falstaff“ klingt ein unverkennbar ostdeutscher Unterton mit. Regisseur Damiano Michieletto hat, unterstützt von Paolo Fantin (Bühne) und Agathe MacQueen (Kostüme), Verdis Spätwerk geschickt aus dem Windsor des 15. Jahrhunderts in die mitteleuropäische Gegenwart der 1970er und 1980er Jahre übertragen. Diese „lustigen Weiber von Windsor“ erinnern an die ausgelassenen, bissigen Wiener Vorstadtweiber aus der bekannten ORF-Serie.

Die Fallhöhe bleibt bestehen

Damit verringert sich die Falstaff-Fallhöhe der Figur keineswegs. Shakespeares haltloser Ritter wird in Dresden zu einem abgehalfterten Rockstar. Beide Typen sind getrieben von Existenzangst, beide überfordert von einer Welt, die sich grundlegend verändert hat.

Sir John Falstaff, wie schon sein literarisches Vorbild Sir John Fastolf, entstammt dem Adel und hat sich reale Verdienste erworben. Doch für einstige Leistungen und Privilegien gibt es in der Gegenwart kein Bewusstsein mehr.

Falstaff erscheint hier wie ein Sinnbild des gesellschaftlichen Absteigers: ein „gemeiner Ossi“, den die neuen Wohlhabenden belächeln und ausmanövrieren – Symbol einer verlorenen gesellschaftlichen Stellung im Wandel der Zeiten. Tragischerweise erkennt Falstaff die Zeichen der Zeit nicht. Er glaubt, alles gehe weiter wie bisher, seine Masche ziehe ewig. Ein Schuft aus Verzweiflung, ein peinlicher Quertreiber, und doch bleibt er Sympathieträger.

Der Falstaff des Nicola Alaimo

Nicola Alaimo gestaltete die Titelpartie mit staunenswerter Souveränität – und ist, das sei ausdrücklich hervorgehoben, ein großer Schauspieler.
Sein machtvoller, farbenreicher Bassbariton verband clowneske Leichtigkeit mit der Tragik des Scheiterns. Alaimo sang kraftvoll, nie polternd, und verlieh Falstaff eine eindrucksvolle Mischung aus Würde, Witz und Verzweiflung.

Nicola Alaimo in der Partie des Falstaff


Unvergesslich bleibt sein Kampf mit dem Kühlschrank, aus dem er verzweifelt den nächsten Alkoholvorrat rettet, eine Szene zwischen Groteske und Tragödie, die in einem Bierdosen-Unwetter endet.
Dirigent Daniele Gatti ließ dem Sänger dabei Raum zur Entfaltung, beobachtete fein sein Tempo und seinen Interpretationsrhythmus. Falstaffs große Arie im dritten Akt wurde so zu einem der musikalischen Höhepunkte des erlebten Abends.

Verwechslungen, Witz und Wände

Um das viele Hin und Her der Handlung szenisch zu strukturieren, ersetzten Michieletto und Fantin die Paravents aus Boitos Original durch rollende Säulen und tanzende Kleiderständer.
Das ist nicht nur einfallsreich, sondern auch höchst unterhaltsam. Besonders beim jüngeren Publikum trifft es, wie erlebt, den Nerv.
Der Handlungsverlauf bleibt klar und nachvollziehbar, bis zur Feenhochzeit unter der Eiche von Herne. Hier gerät Falstaff in eine tranceartige Raserei, die Parkszene löst sich ins Traumhafte auf: Sind die Vorgänge real, oder öffnet sich hier Falstaffs innere Welt?
Wie ein Kind der Natur steht er da, umwirbelt von den „lustigen Weibern“, die wie ein funkelnder Backgroundchor aus Las Vegas aufmarschieren.

„Falstaff“. Szene Dritter Akt, mit Eleonora Buratto (Mrs. Alice Ford), Nicola Alaimo (Sir John Falstaff), Marie-Nicole Lemieux (Mrs. Quickly), Nicole Chirka (Mrs. Meg Page), Staatsopernchor; v.l.

Gesellschaftlicher Abstieg

Dann verdunkelt sich die Szenerie. Aus dem Hintergrund treten Versehrte hervor, Menschen mit Krücken, Betthemden, Infusionsständern.
Falstaff wird von der Gesellschaft, die ihn nicht mehr erträgt, buchstäblich in den Rollstuhl gedrängt. Das ist weniger Strafe als ein Akt brutaler Gleichschaltung: die Zwangsintegration eines Außenseiters.

Diese Szenen des dritten Aktes spalten das Publikum. Während Traditionalisten im Parkett entschlossen den silber-beknauften Faltkrückstock raussuchen, nippen jüngere Zuschauer gelassen an ihren Trinkflaschen aus bebürstetem Edelstahl und zeigen sich bestens unterhalten.

Die musikalische Seite

Für seinen ersten (Bühnen-)Auftritt hatte sich Chefdirigent Daniele Gatti ausdrücklich Verdis/Boitos späte, weise Komödie gewünscht. Mit Temperament und Präzision formte er aus der Staatskapelle Dresden ein leuchtendes Klanginstrument. Stets konzentriert, atmend, auf das Ensemble abgestimmt erklingen zarteste Streichertöne und wildes Aufbrausen.

Gesanglich präsentierte sich das Ensemble geschlossen auf hohem Niveau. Eleonora Buratto ließ als Alice Ford mit glanzvoll wandelbarem Sopran aufhorchen; ihre klangliche Brillanz und Eleganz setzten markante Akzente.


Szene mit Rosalia Cid (Nannetta), Marie-Nicole Lemieux (Mrs. Quickly), im Hintergrund: Nicole Chirka (Mrs. Meg Page), Eleonora Buratto (Mrs. Alice Ford)

Marie-Nicole Lemieux überzeugte als Mrs. Quickly mit warmem, farbenreichem Mezzosopran und perfekter Balance zwischen Lyrik und Burleske.
Nicole Chirka verlieh der oft übersehenen Meg Page subtile Präsenz und schöne Mezzo-Farbigkeit.
Das junge Paar Rosalia Cid (Nannetta) und Juan Francisco Gatell (Fenton) bezauberte durch Frische und Natürlichkeit, Cid mit zarter, leuchtender Stimme, Gatell mit lyrischem Schmelz.
Lodovico Ravizza gestaltete den eifersüchtigen Ford mit markanter Ausdruckskraft; seine große Arie geriet zu einem furiosen Ausbruch und sängerischen Höhepunkt.
Marco Spotti als Pistola und Didier Pieri als Dr. Cajus rundeten das Ensemble mit Spielfreude und prägnanter Stimmführung ab.

„Tutto nel mondo è burla“

Im Finale, wenn die entmenschte Gesellschaft den unbequemen Falstaff als Pflegefall akzeptiert, kulminieren Gesang, Spiel und Regie in einer beklemmend gegenwärtigen Pointe.
„Alles auf der Welt ist Scherz“. Verdis oder Boitos oder Shakespeares Motto erklingt nicht heiter, sondern bitter. Ein Besuch der Aufführung zur Meinungsbildung sei dringend empfohlen.

Annotation

“Falstaff” von Guiseppe Verdi. Commedia lirica in drei Akten. Libretto von Arrigo Boito nach The Merry Wives of Windsor und King Henry IV. von William Shakespeare. Semperoper, Sächsische Staatsoper Dresden. Musikalische Leitung: Daniele Gatti, Inszenierung: Damiano Michieletto: Bühnenbild: Paolo Fantin, Kostüme: Agathe MacQueen, Licht: Alessandro Carletti, Chor: Jan Hoffmann. Dramaturgie: Dorothee Harpain, Sächsischer Staatsopernchor und Sächsische Staatskapelle Dresden

Besetzung

Sir John Falstaff: Nicola Alaimo, Ford: Lodovico Ravizza, Fenton: Juan Francisco Gatell, Dottore Cajus: Didier Pieri, Bardolfo: Simeon Esper, Pistola: Marco Spotti, Mrs. Alice Ford: Eleonora Buratto, Nannetta: Rosalia Cid, Mrs. Quickly: Marie-Nicole Lemieux, Mrs. Meg Page: Nicole Chirka

Credits

Premiere 5.10.2025; besuchte Vorstellung 8.10.2025; veröffentlicht 9.10.2025; aktualisiert 16:16 Uhr & 17:13 Uhr

Text: Moritz Jähnig, freier Theaterkritiker, Leipzig; Herausgeber

Foto: © Jochen Quast

Bild oben eine Szene mit Simeon Esper (Bardolfo), Nicola Alaimo (Sir John Falstaff), Marco Spotti (Pistola)

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