Jetske Mijnssen inszenierte Händels „Agrippina“ parabelhaft als knallhartes Machspiel
Die aktuelle Inszenierung von Georg Friedrich Händels „Agrippina“ am Opernhaus Zürich bietet eine spannende Neuinterpretation dieses barocken Meisterwerks.
Von Matthias Wiessner
Ein barockes Meisterwerk mit zeitloser Relevanz
Händels „Agrippina“ wurde im opernverwöhnten Venedig 1709 erfolgreich uraufgeführt und markiert einen frühen Höhepunkt seines Opernschaffens. Eine raffinierte musikalische Gestaltung und eine außergewöhnlich expressive Figurenzeichnung zeichnet dieses Jugendwerk aus. Das Libretto von Vincenzo Grimani – Kardinal und Vizekönig von Neapel – verbindet politische Satire mit psychologischer Tiefe und zeichnet ein subtiles Bild der Machenschaften am römischen Hof, mit denen er die zeitgenössischen Verhältnisse beleuchtete. Im Vergleich zu Händels späteren Londoner Opern zeigt sich hier bereits das Talent für ausdrucksstarke Arien und lebendige Charaktere, die die Grenzen zwischen Komik und Tragik verschwimmen lassen.

Intrigen und Machtspiele am römischen Hof
Die Handlung der Oper ist voller Intrigen, Täuschung und Manipulation und dreht sich um die machthungrige Kaiserin Agrippina, die alles daransetzt, ihren Sohn Nero (Nerone) aus erster Ehe auf den Thron zu bringen. Als die Nachricht eintrifft, dass Kaiser Claudius (Claudio) bei einem Sturm auf See den Tod gefunden hat, sieht Agrippina ihre Chance, Nero zum Herrscher auszurufen. Doch Claudius lebt und kehrt zurück, unterstützt von Ottone, der ihn gerettet hat und dafür als Thronfolger bestimmt werden soll. Agrippina schmiedet ein Netz aus Lügen und Intrigen, um Ottone zu diskreditieren und Claudius in ihrem Sinne zu manipulieren. Als nützliche Akteure spannt die attraktive Kaiserin dazu ihre Vertrauten Narciso und Pallante sowie den in sie verliebten Narciso ein.
Liebe, Leidenschaft und Verwirrung
Auch die schöne Poppea spielt eine zentrale Rolle, da sie sowohl von Claudius als auch von Nero und Ottone begehrt wird. Die Geschichte ist geprägt von plötzlichen Wendungen und Enthüllungen, bis schließlich Agrippinas Pläne durchschaut und durchkreuzt werden. Dennoch endet die Oper mit einer scheinbaren Ordnung: Claudius gibt den Thron schließlich an Nero. Die Oper ist eine Mischung aus tiefgründigem Drama und satirischer Komödie – ein Meisterwerk der barocken Erzählkunst.
Die niederländische Regisseurin Jetske Mijnssen, die in Zürich bereits „Platée“ von Jean-Philippe Rameau inszenierte, transportiert das römische Intrigenspiel um die Nachfolge des Kaisers mit ihren zentralen Aussagen zum Thema Machterwerb und -erhalt in einen zeitgenössischen Kontext. Die Oper entfaltet sich nicht im antiken Rom, sondern in einer heutigen Welt der politischen und wirtschaftlichen Eliten, was die Zeitlosigkeit der Thematik unterstreicht. Mijnssen inszeniert die Charaktere mit psychologischer Tiefe und einer Prise Komödie und lässt sie überzeugend agieren. Besonders intensiv sind die Szenen in einer Küche des zweiten Aktes, in denen Poppea sowohl Ottone als auch Nero ihre Zuneigung vorgaukelt und diese sich liebestrunken jeweils in Küchenschränken voreinander verstecken müssen. Hier gelingt es besonders, den Händelschen barocken Sinn für Witz und Satire ins Heute zu übertragen.
Starke musikalische Besetzung
Musikalisch besticht die Zürcher Produktion mit einer herausragenden Besetzung. Anna Bonitatibus in der Titelrolle liefert eine überzeugende darstellerische wie gesangliche Leistung. Ihr warmer, samtiger Mezzosopran verleiht der Rolle der Agrippina sowohl die intrigante Schärfe als auch die nuancierte emotionale Tiefe. Christophe Dumaux als ihr Sohn Nerone begeistert mit seinem flexiblen Countertenor und einer Bühnenpräsenz, die die jugendliche Impulsivität als Muttersöhnchen und ebenso die Manipulationskunst des späteren Kaisers eindrucksvoll einfängt.
Das Orchester als klangliches Rückgrat
Das Orchestra La Scintilla unter der Leitung des anerkannten Spezialisten für Barockmusik Harry Bicket bietet eine lebendige und stilistisch hochdifferenzierte Interpretation von Händels Partitur. Besonders hervorzuheben sind die Holzblasinstrumente, die mit ihrem warmen, facettenreichen Klang die subtilen Stimmungswechsel und die feinen ironischen Nuancen der Musik meisterhaft unterstreichen. Auch die Continuo-Gruppe brilliert mit rhythmischer Präzision und feinem Gespür für die dramatische Gestaltung.
Bühnenbild und Kostüme als raffinierte Erzählinstrumente
Szenisch überzeugt die Produktion u.a. durch Ben Baurs minimalistisches, doch effektives Bühnenbild, das als elegantes Apartment die Machtspiele der Figuren in den Vordergrund rückt. Die klaren Linien und edlen Materialien verleihen der zeitgenössischen Szenerie eine kühle, distanzierte Atmosphäre, die perfekt zu den subtilen Intrigen der historisch basierten Handlung passt. Die modernen Kostüme von Hannah Clark tragen dazu bei, die Handlung in die Gegenwart zu verlegen, ohne den barocken Geist der Oper zu verfremden. Besonders Agrippinas stilvolle, aber streng geschnittene Garderobe unterstreicht ihre berechnende, manipulative Natur, während Nerones extravagante Kleidung seine launische, unberechenbare Persönlichkeit widerspiegelt.
Fazit: Eine beeindruckende Produktion
Der Inszenierung gelingt es, die musikalisch und durch das Libretto angelegte psychologische Vielschichtigkeit der Figuren herauszuarbeiten und die Machtspiele in ihrer zeitlosen Relevanz zu zeigen. Mit dieser klugen, musikalisch hochkarätigen und inszenatorisch durchdachten „Agrippina“ beweist das Opernhaus Zürich erneut sein Gespür für barocke Opern. Die Mischung aus psychologischer Tiefe, ironischer Distanz und packender musikalischer Gestaltung macht die Aufführung zu einem eindrucksvollen Erlebnis und zeigt, dass Händels Meisterwerk nichts von seiner Aktualität verloren hat. Eine Reise an die Limmat lohnt sich!
Annotation
„Agrippina“. Dramma per musica in drei Akten von Georg Friedrich Händel, Libretto von Kardinal Vincenzo Grimani, Opernhaus Zürich. Musikalische Leitung: Harry Bicket, Inszenierung: Jetske Mijnssen, Bühnenbild: Ben Baur, Kostüme: Hannah Clark, Lichtgestaltung: Bernd Purkrabek, Video: Kevin Graber, Dramaturgie: Kathrin Brunner,
Besetzung
Claudio: Nahuel Di Pierro
Agrippina: Anna Bonitatibus
Nerone: Christophe Dumaux
Poppea: Lea Desandre
Ottone: Jakub Józef Orliński
Pallante: José Coca Loza
Narciso: Alois Mühlbacher
Lesbo: Yannick Debus
Orchestra La Scintilla
Premiere 5.3.2025; veröffentlicht 3.4.2025
Credits
Text: Matthias Wiessner, freier Theaterkritiker Basel und Leipzig
Foto: © Monika Rittershaus
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