Wiederaufnahme einer Kultstatus anstrebenden „Tosca“
Mit vier Vorstellungen steht in dieser Spielzeit an der Oper Leipzig wieder Giacomo Puccinis Meisteroper „Tosca“ in einer herausragenden Neubesetzung der Titelrolle mit Liana Aleksanyan auf dem Programm. Diese Inszenierung von Michael Dijkema gehört wie Verdis „La Traviata“ in der Regie von Andreas Homoki zu den Schätzen des Hauses am Augustusplatz.
Von Moritz Jähnig

Die “Tosca”-Inszenierung von Michiel Dijkema aus dem Jahr 2011 hat von jeher einen besonderen Stellenwert gehabt. Von der Premiere an zog sie viel publizistische Schelte auf sich und forderte Widerspruch heraus. Was die einen als rückwärtsgewandt oder eine verkitschte Parodie bezeichneten, fanden andere herzerfrischend neu. Wie überhaupt diese erste Premiere der Intendanten-Ära Ulf Schirmer einen Aufbruch markieren wollte. Lange hatte das Leipziger Repertoire von Übernahmen der Inszenierungen des Chefregisseurs Peter Konwitschny gelebt. Jetzt kündigte sich endlich ein Konzept mit weit in die Zukunft reichenden Visionen an, und dann – „Tosca“. Das Leipziger Publikum feierte die Aufführung geradezu enthusiastisch.
Eine eigenwillige Regie
Der holländische Opernregisseur und Bühnenausstatter Michiel Dijkema ist in Leipzig durch seine „Rusalka“ (2017) und besonders durch das berühmt gewordene Schiff im „Fliegenden Holländer“ (2019) kein Unbekannter. In dieser „Tosca“ stellt er über die gesamte Bühnenbreite einen Opferkerzentisch, auf welchem sich – dem Vernehmen nach – 1.000 brennende Kerzen während der zweistündigen Vorstellung verzehren. Auch diese Idee ist üppig und wirkungsvoll. Im ersten Akt macht sie die Bühne schmaler, und die Sänger liefern ihre Arien direkt an der Rampe ab. An dieser Stelle muss gesagt werden, dass Personenregie insgesamt weniger stattfindet.

Alegorie auf die Kirche nach oben (2017)
Zu den Klängen Te Deums schiebt sich hinter den Kerzen eine riesige pyramidenförmige Orgel nach oben, auf deren Simsen der Opernchor die römisch-katholische Hierarchie wie in mittelalterlichen Allegorien darstellt.
Ein Einwand zu diesen Überwältigungsversuchen lautete schon in der Premierenzeit, Dijkema vermeide jeden aktuellen Bezug. Die Regie bleibt in den ersten beiden Akten historisch genau und folgt den Intentionen Puccinis. Aber der dritte Akt läuft dann ab wie durchgeknallt. Nichts ist zu spüren von der Morgenstimmung im ewigen Rom (übrigens war auch die Glocke auf der Bühne nicht zu sehen). Der große Bühnenraum bleibt finster. Dann krabbelt der Schließer (Frank Wernstedt) aus einer übermannshohen, dampfenden Kiste – von der Anmutung her ein schlechtgelaunter Gott-Vater mit Tabakspfeife oder ein silvestertrunkener Weihnachtswichtel mit verrutschtem Rauschebart. Dramaturgische Gründe, warum Cavaradossi von einem Erschießungskommando aus durch den Raum schwebenden weißen Engeln mit langen Flinten abgeknallt wird, sind nicht nachvollziehbar. Aber wer stellte bei Salvador Dalí den Anspruch, seine Bildwelt realistisch nachvollziehen zu wollen?
Die Tosca selbst stürzt sich im herzzerreißendsten Moment der Musik nicht von den Mauern der Engelsburg in den Tiber, sondern klatscht wie ein nasser Sack von irgendwoher oben auf den Bühnenboden – direkt vor die Füße des erstarrenden Publikums.
Ein musikalisches Erlebnis
Was ist gegen solche surrealen Spielzüge zu sagen? Sie helfen dem Menschen doch, mit der Erkenntnis fertigzuwerden, dass – für ihn unbegreiflich – das Böse in der Welt nur scheinbar triumphieren kann. Aktueller kann Operntheater kaum sein.

schwebt heran.
Die Besetzung der Wiederaufnahme am 4. Januar war sensationell. Die Armenierin Liana Aleksanyan gibt eine Tosca wie aus dem Bilderbuch, mit einer kräftigen, sehr einnehmend klingenden Höhe, etwas zu wenig Dramatik und leidenschaftlichem Gefühlsausbruch. Randall Jakobsh macht Angelotti zu einer sehr starken, markanten Figur. Irakli Kakhidze ist als Maler Cavaradossi eine stattliche Erscheinung und zeigt mit Leichtigkeit, was tenoraler Glanz bedeutet. Der Scarpia von Ólafur Sigurdarson ist ein kreuzgefährlicher Bösewicht, der sich um keine Biedermannsmaske bemüht.
„Tosca“ an der Oper Leipzig
weitere Termine
26.1.2025,
5.4.2025
Christoph Gedschold leitete das Gewandhausorchester zu einem herrschten, Wucht und Pathos vermeidenden Spiel, wobei das Austarieren zur Lautstärke der einzelnen Solisten noch vollendeter werden wird. Der Beifall des Leipziger Publikums galt wie zur Premiere seinem Orchester, seinem Chor und seinen Solisten.
Fazit in einem Satz
Hingehen!
Annotation
“Tosca”. Oper in drei Akten von Giacomo Puccini. Text von Giuseppe Giacosa und Luigi Illica. Oper Leipzig. Musikalische Leitung: Christoph Gedschold, Inszenierung: Michiel Dijkema, Bühne: Michiel Dijkema , Kostüme: Claudia Damm, Licht: Michael Münster, Dramaturgie: Christian Geltinger, Einstudierung Chor Thomas Eitler de Lint
Besetzung
Tosca: Liana Aleksanyan, Cavaradossi: Irakli Kakhidze, Scarpia: Ólafur Sigurdarson / Tuomas Pursio, Angelotti: Andrei Nicoara / Randall Jakobsh, Der Mesner: Marcel Brunner / Peter Dolinšek, Spoletta: Einar Dagur Jónsson / Sven Hjörleifsson / Dan Karlström, Sciarrone: Anton Haupt, Kerkermeister: Frank Wernstedt / Klaus Bernewitz, Stimme des Hirtenmädchens: Merit Nath-Göbl / Carmen Boatella, Chor der Oper Leipzig, Kinderchor der Oper Leipzig, Komparserie der Oper Leipzig, Gewandhausorchester
Premiere 16. Oktober 2011; eine Wiederaufnahme 1. Oktober 2017; Wiederaufnahme und besuchte Vorstellung 4. Januar 2025; veröffentlicht 5. Januar 2025
Credits
Text: Moritz Jähnig, freier Theaterkritiker Leipzig, Herausgeber
Fotos: © Tom Schulze (alle Bilder aus dem Jahr 2017)
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