Generalintendant Johannes Weigand spielt das Johann-Strauß-Meisterwerk als totales Theaterereignis
Johann Strauß’ Operette „Die Fledermaus“ ist äußerst beliebt und wird entsprechend häufig inszeniert. Umso schwerer ist es für die beteiligten Künstlerinnen und Künstler, dem Werk immer wieder neue Facetten abzugewinnen und diese zugleich so zu präsentieren, dass sie zwischen opulenter Ausstattung und angedeutetem Sozialdrama bestehen und den hohen, oft widersprüchlichen Erwartungen und modernen Gesellschaftsbildern gerecht werden.
Von Moritz Jähnig

Leipziger Erinnerungen und prägende Vorbilder
Leipziger Lokalkulturpatrioten – und nicht nur diese schwindende Spezies – haben bei Aufführungen des Strauß’schen Meisterwerks unweigerlich die bildstarke Ruth-Berghaus-„Fledermaus“ von 1995 vor Augen. Es war Berghaus letzte, bereits nicht mehr vollständig selbst vollendete Regiearbeit. Teile der Presse apostrophierten die Inszenierung damals als publikumsfeindlich. „Gesellschaftskritik“, wie man es nannte, war den Bewegungen der Figuren regelrecht „einchoreografiert“.
Andere ziehen gernder-diskursive zeitgeistige Interpretation heran, so n.a. von Barrie Kosky in München 2023. Interpretation heißt hier: die Vermittlung von Einsichten in gesellschaftliche Abläufe und menschliches Zusammenleben weit über die bürgerliche Sphäre des Uraufführungsjahres 1874 hinaus. Ein Jahr, das geprägt war von Wertverlust und Inflation, Arbeitslosigkeit und einer wenig verlässlichen Justiz.
Johannes Weigands Theater der großen Bilder
Die Welt, in der die „Fledermaus“-Inszenierung von Johannes Weigand spielt, ist pures Theater. Der Dessauer Generalintendant bringt das Werk nach 17 Jahren mit breit ausgebreiteten Armen auf die Anhaltische Bühne zurück. Er lässt all seinen Facetten Raum und die Augen des Publikums groß werden, wenn sich zum ersten Finale Prinz Orlowsky mit einer Mongolfiere aus dem Park (Georgieum) in die Lüfte erhebt und der russische Potentat Gold über die jubelnde Gesellschaft regnen lässt. Und in der Tat: Ist das wirklich ein Russe? Trägt Orlowsky nicht vielmehr die Züge eines im Gold badenden amtierenden US-Präsidenten?
Auch die Kostümabteilung feiert eine wahre Ausstattungsorgie. Schon das ist ein Genuss für das Auge, gerade im Kontrast zur sonstigen Fundus-Paraden in Sperrholzkisten-Optik. Der getriebene Aufwand (Bühne: Moritz Nitsche, Kostüme: Judith Fischer) zahlt sich aus.
Die Gesellschaft bewegt sich räumlich aus einem gefängnisartigen Bürgerwohnzimmer der Eisensteins hinaus in einen adelsständischen Park, wo hinter künstlichen Gewächsen der Champagner wie Wodka fließt. Danach geht es zurück ins Gefängnis, das – welch Überraschung – genauso aussieht wie Eisensteins gute Stube.
Gesellschaftskritik und szenischer Witz
Viel weiter reicht die Gesellschaftskritik allerdings kaum, sieht man von der kaum zu übersehenden Ähnlichkeit des Prinzen Orlowsky mit einem anderen ab. Joslyn Rechter gestaltet die Rolle stimmlich prächtig, ohne ihre bekannten „Hits“ in den Vordergrund zu spielen. Mit ihrer fünfköpfigen Entourage sorgt sie vor allem durch witziges, dem Schalk verpflichtetes Spiel für zahlreiche Extralacher.
Überhaupt ist das Anhaltische Theater hervorragend besetzt und hält für viele anspruchsvolle Operettenpartien sogar gleichwertige Zweitbesetzungen bereit. Den heiklen Part des Gerichtsdieners Frosch gestaltet der Komiker Philipp Buder auf ganz eigene, einmalige Weise. Er ist nicht der übliche alte Trunkenbold; seine Sliwowitzflasche ist winzig und hinter einem riesigen Kaiserbild versteckt. Der Frosch dieser Inszenierung ist ein jung-dynamischer Bürokrat, der sich die Aufmerksamkeit der großen Welt ersehnt. Über diesen Typ lacht man, aber geheuer ist einem dieser Paragraphenreiter nicht.

Musikalische Brillanz und begeisterter Applaus
Herr und Frau Eisenstein (Kay Stiefermann und Anja Vegry) treiben mit ihrem Ehekonflikt die Handlung unaufdringlich voran. Den eigentlichen Anlass des konfusen Treibens, die Rache der Fledermaus, erzählt Notar Falke (Barış Yavuz) beinahe nebenbei. Der Gefängnisdirektor Frank, dargestellt von Michael Raschle, ist ein harmloserer Zeitgenosse.
Adele (kristallklar im Gesang: Bogna Bernagiewicz) und ihre künstlerisch ambitionierte Schwester Ida (Theresa Zschunke) spielen die nach gesellschaftlichem Aufstieg strebenden Damen erfrischend klischeefrei.
Philipp Werner als Dr. Blind gerät mit den weniger subtilen Mitteln dieser Inszenierung in Berührung: gefülltes Nachtgeschirr wird herumgereicht, Herrschaften werden auf dem stillen Örtchen überrascht. Dagegen ist nichts einzuwenden. Hier scheint das Wiener Volkstheater auf, aus dem sich die Librettisten Karl Haffner und Richard Genée reichlich bedienten. Weigands „Theater pur“ verachtet die Klamotte nicht, sondern beherrscht sie handwerklich souverän.
Dazu gehören auch zwei Souterrain-Fenster im Gefängnis, durch die das Publikum die herbeistrebende Gesellschaft zunächst unter den Rock sehen und zugleich begreifen, wie sich Notdurft nach durchfeierter Nacht Bahn bricht.
Das Knie beugen sollte man auch diesmal wieder vor der Anhaltischen Philharmonie. Unter der Stabführung von KM Wolfgang Kluge gibt sie bereits in der (vor geschlossenem Vorhang) gespielten Ouvertüre den perfekten Dreivierteltakt vor, lockt in die Quadrille und reißt alle 190 Minuten lang mit. So, wie es sich für Johann Strauß (Sohn) gehört.
Das Premierenpublikum dankte mit selten erlebtem, starkem Applaus für eine Aufführung, die es versteht, künstlerischen Anspruch ebenso wie regionale und überregionale Publikumserwartungen zu erfüllen.
Annotation
“Die Fledermaus”. Operette in drei Akten von Johann Strauß (Sohn), Libretto von Karl Haffner und Richard Genée, nach dem Lustspiel Le Réveillon von Henri Meilhac und Ludovic Halévy.
Anhaltisches Theater Dessau. Musikalische Leitung: KM Wolfgang Kluge, Inszenierung: Johannes Weigand, Bühne: Moritz Nitsche, Kostüme: Judith Fischer, Leitung Opernchor: Sebastian Kennerknecht, Dramaturgie: Yuri Colossale, Gabriel von Eisenstein: Kay Stiefermann, Dr. Falke, Notar: Barış Yavuz, Frank, Gefängnisdirektor: Michael Tews / Michael Raschle / Rainer Zaun, Rosalinde, Gabriels Frau: Ania Vegry / Anke Krabbe, Adele, Kammermädchen: Bogna Bernagiewicz, Frosch, Gerichtsdiener: Philipp Buder, Prinz Orlofsky: Joslyn Rechter, Dr. Blind, Advokat: Edilson Silva Junior / Philipp Werner, Alfred, Gesangslehrer: Edilson Silva Junior / Costa Latsos, Ida, Schwester Adele: Theresa Zschunke.
Opernchor des Anhaltischen Theaters Dessau
Anhaltische Philharmonie Dessau
Statisterie des Anhaltischen Theaters Dessau
Credits
Premiere und besuchte Vorstellung 16.1.2026; veröffentlicht 18.1.2026; aktualisiert 19.1.2026, 20:30 Uhr
Text: Moritz Jähnig, freier Theaterkritiker, Leipzig
Foto: © Claudia Heysel
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