Palazzetto Bru Zane und BR Klassik präsentieren die Ukraine-Oper „Mazeppa“ der Französin Clémence de Grandval
Der französische Biograph François-Joseph Fétis bezeichnete sie wegen ihres Vermögens als Amateurin. Aber Camille Saint-Saëns hielt auf seine Kompositionsschülerin Clémence de Grandval (1828 bis 1907) ganz große Stücke. Diese trat mit Liedern, einem zum Prüfungsstück gewordenen Oboenkonzert, einem viel gespielten Stabat mater und mehreren unter Pseudonym veröffentlichten Opern an die Öffentlichkeit. Am 19. Januar erklang de Grandvals 1892 in Bordeaux uraufgeführte große Oper “Mazeppa” im Sonntagskonzert des Münchner Rundfunkorchesters. Es war die zehnte Zusammenarbeit mit Palazzetto Bru Zane: Französische Hochkultur in Bestform!
Von Roland H. Dippel
Opernarchäologie mit französischem Fokus
In der CD-Buchreihe von Palazzetto Bru Zane unter der musikalischen Leitung des früheren Leipziger Opernintendanten Ulf Schirmer erschien unter anderem auch der am Augustusplatz gespielte „Cinq-Mars“ von Charles Gounod. In Zusammenarbeit mit französischen und deutschen Opernhäusern betreibt Bru Zane spannende Opernarchäologie. „Mazeppa“ ist nach „La Montagne noire“ (Paris 1895) von Augusta Holmès in Dortmund und „Fausto“ (Paris 1831) von Louise Bertin in Essen innerhalb eines Jahres die dritte Oper einer Komponistin, welche das Zentrum für französische Musik der Romantik erschließt.
Eine Oper mit aktueller Relevanz
Das ist weit mehr als ausbalancierende Quoten-Wiedergutmachung. „Mazeppa“ erweist sich als Edelstück auf der Höhe der Zeit. Die Werkgruppe später französischer Opern aus den letzten Jahrzehnten vor 1900 ist auch deshalb spannend, weil große Partituren wie „Mazeppa“, Francks „Hulda“ und „Frédégonde“ von Guiraud, Dukas und Saint-Saëns überwiegend frei von Richard Wagners Einfluss blieben, dabei aber von Meyerbeer bis Verdi etablierte Handlungsmuster beibehielten.
Das Sujet von de Grandvals Oper hat während des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine sogar aktuelle Relevanz. Die historische Figur des polnisch-ukrainischen Kosaken Iwan Stepanowytsch Masepa (1639 bis 1709), der in den Opern Tschaikowskis (1885) und de Grandvals die diplomatischen Weichen zur Hinrichtung des Vaters seiner Geliebten stellt, ist in ihrer Positionierung zwischen Bündnisabsichten mit Schweden im Nordischen Krieg, wechselnden Vasallenverhältnissen zum russischen Zarenhof und ukrainischen Kosaken ambivalent. Für die Nationaloper Lemberg entsteht derzeit eine neue Oper über diese schillernde Persönlichkeit. Darin soll das Profil Mazeppas revidiert werden, der in Tschaikowskis spröder Oper nach Puschkins Gedicht „Poltawa“ tatsächlich als Erzschuft und Schuldiger an der Vernichtung seiner Geliebten mitsamt ihrer Familie dargestellt wird.
Subtilität im Textbuch und musikalische Raffinesse
Das Textbuch von Charles Grandmougin und Georges Hartmann für de Grandval bleibt weitaus subtiler als Tschaikowskis toxische Interpretation. Bei de Grandval gibt eine Verleumdung durch Matrékas abgewiesenen Geliebten Iskra den Anlass zur – wie bei Tschaikowski – in die Hinrichtung von Matrékas Vater Kotchoubey und deren Wahnsinn gleitende Unglücksspirale. Vorab steht bei de Grandval ein Orchestervorspiel für Mazeppas „Todesritt“, als dieser von höfischen Gegnern nach einer erotischen Verstrickung auf ein Pferd gebunden wird und überlebt.
„Ich glücklicher Held“ frohlockt Mazeppa bei de Grandval mit großem Bariton-Ton nach seinem ersten Sieg. „Verkauftes Land“ flucht Mazeppas lyrischer Tenor-Rivale Iskra. Dann wagnert es ein einziges Mal hörbar und „holländernd“ im Liebesdreieck. Natürlich siegt physisch Mazeppa, eine der wenigen echten französischen Heldenbariton-Partien, und scheitert Matréka zwangsläufig. Dabei ist auch die strapazierende Beanspruchung von Sopranstimmen seit Wagner in deren Partie spürbar. Nur in der Ballettmusik des vierten Aufzugs setzte de Grandval geographisches Kolorit ein – allerdings mehr ungarisch als ukrainisch.
De Grandvals Instrumentierung und Gestaltung der Vokalpartien sind erlesen, pikant und bewegen sich auf einem Edelton, welcher die zeitlos pathetische Rhetorik des Textbuchs ins Kantable abfedert. Man hört: Debussys „Pelléas“ entstand weniger als tönendes Anti-Wagner-Pamphlet, sondern als Schlankheitskur gegen diesen wirkungsvollen und das voll besetzte Prinzregententheater am Sonntagabend in Bann schlagenden Operntypus.
Erstklassige musikalische Umsetzung
Das Münchner Rundfunkorchester spielt in der Spitzenliga für dieses Repertoire und hat dank Bru Zane ständige Weiterbildungsmaßnahmen durch Sahnefilets wie Massenets „Ariane“ und Frischkost wie Hahns „L’Île du rêve“. Mihhail Gerts erweist sich als äußerst partnerschaftlicher Dirigent für Instrumente und Stimmen. Gerade weil er ständig kleine Hilfen setzt – etwa dem Solistenquintett bei lyrischen Melodien, die beträchtlich langen Atem erfordern – trifft er den Gestus zwischen Fülle und Filigranität genau. Gerts findet dadurch wirkungsvolle Klangbögen für de Grandvals soghafte Szenenblöcke und die wenigen abtrennbaren Einzelnummern.
Nicole Car besitzt noch das hellklare Timbre und zeigt bereits die dramatische Power für die von ihr souverän gestaltete Matréka. Bru-Zane-Recke Tassis Christoyannis entwickelt die Titelfigur aus bewusster Deklamation und melodischer Degustation. So singt kein Schurke, sondern ein Stratege mit emotionaler Kompetenz. Auch Julien Dran, der in der jüngsten Bru-Zane-CD mit Massenets „Grisélidis“ einen der schönsten Opernanfänge überhaupt singen durfte, gibt eher den Liebenden als den Intriganten, was kein Fehler sein muss. Ante Jerkunica tritt als qualitativer Top-Konkurrent zum Traummann seiner Tochter auf. Paweł Trowak gibt einen wenig vergeistigten, dafür überaus weltläufigen Archimandrit.
Auf diesem Niveau gelingen faszinierende Repertoire-Anregungen. Nach dem Schlussakkord möchte man das Ganze von Mazeppas Erschöpfungsseufzer bis zur Verzweiflungsattacke Matrénas noch einmal hören. Die dramatische Tragfähigkeit im Vergleich zum nicht kleinen Konkurrenzrepertoire sollte jetzt ein Theater überprüfen. Auf alle Fälle sind die musikalische Substanz und dramatische Stoßkraft in de Grandvals „Mazeppa“ weitaus größer als in Bertins „Fausto“. Ovationen.
Annotation
„Mazeppa“. Oper in fünf Akten von Clémence de Grandval. Libretto von Charles Grandmougin und Georges Hartmann. Konzertante Aufführung in französischer Sprache mit deutschen Übertiteln (Übertitel-Inspizienz: Urte Regler).
Besetzung
Nicole Car (Matréna), Julien Dran (Iskra), Tassis Christoyannis (Mazeppa), Paweł Trojak (Der Archimandrit), Ante Jerkunica (Kotchoubey). Chor des Bayerischen Rundfunks (Einstudierung: Stellario Fagone), Münchner Rundfunkorchester, Musikalische Leitung: Mihhail Gerts
Münchner Rundfunkorchester: 3. Sonntagskonzert 2024 / 2025, Prinzregententheater. Besuchte Aufführung 19.1.2025; veröffentlicht 21.1.2025
Eine Koproduktion des Münchner Rundfunkorchester mit Palazzetto Bru Zane, Centre de musique romantique française. Livemitschnitt für die Reihe der CD-Bücher „Opéra français“ unter dem Bru Zane Label.
Das Konzert kann bis 18. Februar 2025 nachgehört werden: rundfunkorchester.de/audio-video br-klassik.de/programm/radio
Credits
Text: Roland H. Dippel, freier Musik- und Theaterkritiker, Leipzig/München
Bildquelle: Foto Autor
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