„Das grosse Feuer“ – Glanzvolle Uraufführung von Beat Furrers neuem Musiktheaterwerk
Die bislang politischste Oper aus der Feder des schweizer-österreichischen Komponisten Beat Furrer über die koloniale Ausbeutung der indigenen Völker besticht durch grandios aufgebaute Ensembleszenen.
Von Šimon Voseček

Vom ehemaligen Urwald ist nicht viel übriggeblieben: Schwarze Baumstümpfe ragen aus dem Boden, andere schweben bedrohlich über der Bühne, die durch trostlose Mauern zu allen Seiten hin abgeriegelt ist. Ein Bild der Verwüstung. Doch die Stimmen der abgefackelten Bäume, ihr Flüstern, Rufen, Klagen und Stöhnen, sie sind noch da, und sie beherrschen den Klang der fast zwei Stunden dauernden Aufführung. Die Stimmen der Bäume lassen den ehemals lebendigen Wald noch erahnen.
Zwischen Flucht und Verachtung
In diese Landschaft ist der indigene Schamane Eisejuaz aus der christlichen Mission geflüchtet, in der er aufgewachsen ist. Er ist es, der die Stimmen hören kann. Hier findet er den hoffnungslos rassistischen weißen Paqui, der für Eisejuaz bloß Verachtung übrig hat und den Urwald als Drecksloch bezeichnet. Aus der Interaktion der beiden entspinnt sich eine Art Handlung, an deren Ende sich Paqui selbst als Wunderheiler ausgibt und Eisejuaz beschuldigt, ihn in die Wildnis entführt zu haben, bevor die beiden, ganz zum Schluss, versehentlich vergiftet werden.

Starke Stimmen und intensive Darstellungen
Beide Hauptrollen sind hervorragend besetzt, gleichermaßen stimmlich wie darstellerisch: Leigh Melrose als Eisejuaz, verzweifelt im Konflikt zwischen seinen indigenen Wurzeln und dem Christentum gefangen, ununterbrochen um seine Identität kämpfend und im Laufe des Abends mehr und mehr gebrochen. Andrew Moore wiederum als sein Widersacher Paqui, ohne Skrupel, ohne Moral, ein Hochstapler und Rassist – seine Abhängigkeit von Eisejuaz hindert ihn nicht auf ihn herabzusehen und ihn bei jeder Gelegenheit zu demütigen. Beide Rollen sind sehr anspruchsvoll und werden bravourös gemeistert, doch überwog bei mir der Eindruck, als ob beide vor allem gesprochenen Text hätten (obwohl es nicht stimmt).
Die wirklichen musikalischen Höhepunkte ereigneten sich vielmehr in den Szenen des zwölfstimmigen Ensembles Cantando Admont (Einstudierung: Cordula Bürgi). Da tönen, zu Beginn, die Stimmen der Bäume wie ein flirrender Klangteppich. Da baut sich, im zweiten Akt, die Verzweiflung des ausgebeuteten Volks zu einer dramatischen Explosion auf.
Bleibende musikalischen Eindrücke bescherten auch die Auftritte der drei wichtigen Frauenfiguren: Mauricia, die Eisejuaz zur Rückkehr in die christliche Mission (samt einem Sägewerk) zu bewegen versucht (Elina Viluma-Helling). Lucia, deren verstorbene Schwester, die Eisejuaz im Traum erscheint, tritt als Duo auf, und die Stimmen von Friederike Kühl und Patricia Auchterlonie überlagern sich, einmal einander ergänzend, andermal zu einer traumhaften Einheit verschmelzend. Zuletzt die alte Seherin aus dem Volk der Chahuanca, die dreigeteilt ist (Helena Sorokina, Cornelia Sonnleithner und Piroska Aristidou) und deren Dreieinigkeit von der Kontrabassklarinette im tiefsten Register untermalt wird.
Wer das Werk von Beat Furrer kennt, weiß, dass man keine lineare und selbsterklärende Handlung erwarten darf. Ich kann jedem Besucher empfehlen, zumindest die Inhaltsangabe vorher zu lesen, damit man der Geschichte folgen kann. Auch dann bleibt freilich einiges offen, was wohl nur aus der Romanvorlage von Sara Gallardo erschließbar wäre. Die Sprache des Librettos (Thomas Stangl) wechselt permanent zwischen Deutsch und Spanisch. Der solistische Text ist in beiden Sprachen zwar gut verständlich, dennoch entsteht durch den Sprachwechsel eine Unruhe und letztlich auch Distanz zu den Figuren.

Bühne verbrannt
Eine Inszenierung voller Kontraste
Die Inszenierung von Tatjana Gürbaca und Vivien Hohnholz bildet einen recht starken Kontrast zum magischen Klanggeschehen und wirkt insgesamt etwas zu konkret und anschaulich, etwa wenn Eisejuaz’ Hemden verbrannt werden (insgesamt dreimal). Das fahle Licht von Stefan Bolliger untermalt kraftvoll die düstere Atmosphäre des Bühnenbilds von Henrik Ahr, beide erzeugen aber letzlich eine andere Stimmung als die Musik. Die realistischen Kostüme von Silke Willrett sind vornehm zurückhaltend und helfen stets die Figuren zu charakterisieren.
Der dramatische Höhepunkt der Oper gehört der groß besetzten Philharmonia Zürich unter der Leitung des Komponisten höchstselbst. Paqui gibt vor, übernatürliche Kräfte zu besitzen und entfacht eine Massenhysterie, die er gegen Eisejuaz lenkt. Als das Volk auf ihn einschlägt, erklingt im Fortissimo ein bis zur Unkenntlichkeit verzerrtes Zitat aus Monteverdis Marienvesper. Der Mob erstarrt. Das Orchester wird zur handelnden Person und verhindert, dass Eisejuaz erschlagen wird, der Stimme Gottes gleich.

Wenn neue Opern in Auftrag gegeben werden, geht der Auftraggeber ein nicht zu unterschätzendes Risiko ein: Wird das neue Werk gut werden? Überzeugt es das Publikum ins Theater zu kommen? Das Opernhaus Zürich sieht dieses Risiko als Auftrag und bringt regelmäßig zeitgenössische Werke zur Aufführung. Dabei wird es unterstützt vom Publikum, das dem zugegebenermaßen anspruchsvollen und schwierigem Stück konzentriert zuhörte und zusah, und das am Ende alle Beteiligten mit einem großer Applaus für die außergewöhnliche Leistung belohnte.
Annotation
„Das grosse Feuer“, Oper von Beat Furrer. Libretto: Thomas Stangl. Auftragswerk der Opernhauses Zürich. Uraufführung. Inszenierung: Tatjana Gürbaca, Co-Regie: Vivien Hohnholz. Bühnenbild: Henrik Ahr. Kostüme: Silke Willrett. Licht: Stefan Bolliger. Einstudierung Vokalensemble: Cordula Bürgi. Dramaturgie: Claus Spahn.
Besetzung
Eisejuaz: Leigh Melrose, Paqui: Andrew Moore, Die alte Chahuanca 1: Cornelia Sonnleithner, Die alte Chahuanca 2: Helena Sorokina, Die alte Chahuanca 3: Piroska Nyffenegger, Aquella Muchacha: Sarah Aristidou: Selim: Christoph Brunner, Lucia 1: Friederike Kühl, Lucia 2: Patricia Auchterlonie, Mauricia, Lucias Schwester: Elina Viluma-Helling, Reverendo, Missionar: Hugo Paulsson Stove, Ayo, Schamane: Ruben Drole, Gomez: Piotr Pieron, Pocho Zavalla/Yadi, Eisejuaz Freund: Ferdinand Junghänel, Eine Frau/Stimme einer Krankenschwester: Filippa Möres Busch, Ein Jäger: David de Winter, Der hinkende Alte: Bernd Lambauer, Philharmonia Zürich, Cantando Admont, Statistenverein am Opernhaus Zürich
Premiere und besuchte Vorstellung 23.3.2025; veröffentlicht 25.3.2025
Credits
Text: Šimon Voseček, freier Theaterkritiker, Wien
Fotos: © Herwig Prammer
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