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MuKo Leipzig: Ein Klassiker, der nicht verblasst

MuKo Leipzig: Ein Klassiker, der nicht verblasst

Andrew Lloyd Webbers „Evita“ an der Musikalischen Komödie

47 Jahre sind vergangen, seit Andrew Lloyd Webbers Musical „Evita“ erstmals das Licht der Bühnenwelt erblickte. Seit der deutschen Erstaufführung 1982 gehört das Werk fest zum Repertoire der Theaterlandschaft – gespielt wird es seither in großen privaten Häusern wie kleinen Stadttheatern. „Evita“ zählt zu den prägenden Musiktheaterwerken Webbers, gleichrangig mit „Jesus Christ Superstar“, „Cats“ und „Das Phantom der Oper“ – allesamt Stücke, die zu Selbstläufern avancierten.

Von Moritz Jähnig

Szene aus „Evita“ an der Muko Leipzig

Im Grunde bedarf „Evita“ nur zwei tragender Säulen: einer charismatischen Eva Duarte und einem markanten Ché. Die Musikalische Komödie Leipzig kann beides vorweisen: Olivia Delauré und Dominik Hees a.G. brillieren in diesen Rollen, getragen von einem stilsicheren Ensemble, einem ebensolchen Ballett (Choreografie Mirko Mahr)  und dem klangstarken Orchester der Musikalischen Komödie unter der Leitung von Christoph-Johannes Eichhorn.
Andere Darsteller wie Michael Raschle als gefühlvoller Perón oder sängerisch schön Da-yung Cho als entsorgte Geliebte, bekamen von Webber weniger exponierte Auftritte geschrieben.

Zwischen Unschuld und Macht

Olivia Delauré gelingt eine differenzierte Darstellung der Evita. Sie punktet weniger mit lupenreinen Spitzentönen als mit ihrer Fähigkeit, Charakter und Seelenzustand klanglich zu gestalten. Ihr Sopran erzählt von Aufstieg und Abgrund, von Machtgier und Zerbrechlichkeit. Eindrucksvoll gestaltet sie den Weg vom aufstiegswilligen Mädchen aus der Provinz — das mit einem Tangosänger (Jeffery Krueger, herrlich parodistisch in der Rolle des schmierigen Unterhaltungskünstlers) durchbrennt — zur skrupellosen Medienikone und korrupten Stiftungspräsidentin. Bis in die bewegende Sterbeszene hinein ringt Delauré um die politische Träume und Illusionen der Evita, die nicht zuletzt als Frau auf Verachtung stieß.

Das Mädchen Eva macht sich mit einem Tangosänger auf den Weg in die große Stadt

Politische Schärfe bleibt außen vor

Kitsch as kitsch can. Das nimmt man in „Evita“ gern so hin. Webber und Rice gelang es damit, Schlaglichter auf eine Figur zu werfen, die alle Züge einer Populistin trägt — ein Aspekt, den Cusch Jung’s Inszenierung indes ausklammert. Peinlich genau vermeidet sie jede konkrete Anspielung auf die historischen und politischen Verstrickungen des Peronismus. Auch aktuelle Parallelen zum gegenwärtigen argentinischen Präsidenten Milei, der offiziell mit der Kettensäge den Schaden vorangegangener peronistischer Regierungen zu beheben sucht, bleiben außen vor.

Glanzvolle Bilder und präzises Theaterhandwerk

Was dem Stück an inhaltlicher Schärfe genommen wird, macht die Inszenierung durch, Optik, handwerkliche Präzision und temporeichen Spielwitz wett. Cusch Jung liefert eine in sich stimmige, fein durchchoreografierte Aufführung. Besonders das Bühnenbild von Beate Zoff verdient Erwähnung: Mit geschwungenen Logen und prachtvoll verzierten Portalen beschwört es den kolonialen Glanz des Teatro Colón in Buenos Aires herauf und bietet gleichzeitig zwei funktionale Spielebenen, die das Geschehen lebendig gliedern. Differenzierte Lichtstimmungen und Scheinwerfer schaffen wirkungsvolle Spielszenen.

Dominik Hees a.G als Ché

Beifall für das Erwartbare

In der Rolle des Ché überzeugt der junge Musicaldarsteller Dominik Hees a.G. Mit Charme, Witz und Bühnenpräsenz wandelt er die als Erzähler konzipierte Rolle zur dominanten Figur des Abends. Verdientermaßen wurde sein sympathischer Ché vom Publikum mit anhaltendem Beifall bedacht — ebenso wie die Gesamtproduktion.
Dennoch beklatschte das Publikum hier vornehmlich das Erwartbare. Ché zum Beispiel bleibt ein Abziehbild des ikonischen Ernesto Guevara (Kostüme: Aleksandra Kica). Wie erfrischend mutig hingegen war 2023 die Magdeburger „Evita“-Inszenierung, die Ché als Medizinstudenten aus der Mittelklasse und damit als modernen Kommentar ins Heute holte. Solche transformierenden Details: in Leipzig leider Fehlanzeige.

Tangotänzer Larissa Gomes und Claudio Valentim

Was bleibt

Unterm Strich bleibt „Evita“ — wie so viele Werke der Populärkultur — ein Stück über Macht, Mythos und Populismus. Dass Cusch Jungs Inszenierung dabei auf jede Bezugnahme zur Aktualität verzichtet, mag konsequent gedacht sein, erscheint aber in einer von politischen Selbstdarstellern überhitzten Gegenwart fast schon mutlos.

Annotation

„Evita“. Musical von Andrew Lloyd Webber, Gesangstexte Tim Rice, Inszenierung der Originalproduktion von Harold Prince, Deutsch von Michael Kunze; Musikalische Komödie Leipzig; Musikalische Leitung: Christoph-Johannes Eichhorn / Michael Nündel, Inszenierung und Licht: Cusch Jung, Choreographie: Mirko Mahr, Bühne: Beate Zoff, Kostüme: Aleksandra Kica, Dramaturgie: Inken Meents, Choreinstudierung: Mathias Drechsler, Einstudierung Kinderchor: Sophie Bauer

Besetzung

Eva (Evita) Perón: Olivia Delauré, Che: Dominik Hees a.G., Juan Perón: Michael Raschle , Augustín Magaldi: Jeffery Krueger, Juan Peróns Geliebte: Da-yung Cho / Maria Hammermann, Eva Peróns Mutter: Claudia Otte, Eva Peróns Schwester 1: Maria-Teresa Martini, Eva Peróns Schwester 2: Miranda Caasmann, Eva Peróns Bruder: Hernán Atilio Vuga, Eva Peróns Tante: Cornelia Drechsler, Eva Peróns Onkel, Radoslaw Rydlewski, Offizier 1: Tobias Latte, Offizier 2: Georg Führer,

Offizier 3: Richard Mauersberger, Offizier 4: Peter Waelsch / Johannes Hoffmann, Offizier 5: Björn Grandt, Geheimpolizist 1: Stefan Dittko, Geheimpolizist 2: Björn Grandt, Admiral: Thomas Mierzwa a.G. , Tangotänzerin: Larissa Gomes / Stella Perniceni, Tangotänzer: Claudio Valentim / Pietro Pelleri, Chor und Extrachor der Musikalischen Komödie, Ballett der Musikalischen Komödie, Kinderchor der Oper Leipzig, Orchester der Musikalischen Komödie

Credits

Uraufführung 1946 Prince Edward Theatre in London, Premiere 29.3.2025; besuchte Vorstellung 20.4.2025; veröffentlicht 21.4.2025

Text: Moritz Jähnig, freier Theaterkritiker, Leipzig, Herausgeber „Kunst und Technik Magazin“

Foto: © Kirsten Niejhof


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