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Leipzig; Voll ausgetickt

Leipzig; Voll ausgetickt

Zur Leipziger Neuinszenierung von Tschaikowskis „Pique Dame“ von Lorenzo Fioroni

Mit starkem Beifall, wenn auch weniger enthusiastisch und ohne die in Leipzig usus geworden Standing Ovation erlebte Peter I. Tschaikowskis Meisteroper „Pique Dame“ Premiere. Ein paar halbherzige Buhs hatten keine Chance. Es ist die Arbeit eines hochkarätigen, internationalen Regietems, gestützt auf handwerklichen und technischen Aufwand des Opernhauses.

Von Moritz Jähnig

Szene mit Tomskij (Tuomas Pursio, l), Tschekalinskij (Dan Karlström), Surin (Evert Sooster, r)

Es war an der Zeit. Die letzte Leipziger Inszenierung von Peter Tschaikowskis Pique Dame, 1890 in St. Petersburg uraufgeführt, stammt aus dem Jahr 1964. Regie führte damals Boris A. Pokrowski, musikalisch geleitet wurde die Produktion von Boris A. Chalkin, das Bühnenbild gestaltete Boris A. Messerer – eine Dreifachsignatur sowjetischer Theaterprominenz, versehen mit Ehrentiteln wie „Volkskünstler der RSFSR“ und „der UdSSR“. Die Sängerinnen und Sänger jener Aufführung – Edgar Wählte als Tschaplitzkij, Eva Fleischer als Gräfin, Ursula Brömme als Lisa – sind bis heute in Leipzig unvergessen und mögen vom Publikum verdient gefeiert worden sein.

Doch man darf unbesehen von der Inszenierung behaupten, sie war Produkt ihrer Zeit: Im Juni 1964 unterzeichnete Walter Ulbricht in Moskau den Vertrag über Freundschaft, gegenseitigen Beistand und Zusammenarbeit zwischen DDR und Sowjetunion.

61 Jahre und ein Menschenleben später begegnen wir erneut Pique Dame im Opernhaus am Karl-Marx-Platz, der heute Augustusplatz heißt – wieder Peter Tschaikowski, wieder russischer Kontext. Gegenüber im Gewandhaus wird das Schostakowitsch Festival zelebriert.

Hermann (Brenden Gunnell), Lisa (Solen Mainguené)

Ein zerstörter Garten Eden

Regisseur Lorenzo Fioroni setzt das Libretto – nach der Puschkin-Novelle von Modest Tschaikowski – in einen komplett anderen Rahmen. Gemeinsam mit dem international bekannten Bühnenraumbildner Sebastian Hannak und der Kostümbildnerin Katharina Gault entwirft er ein Szenario fern der Petersburger Noblesse: ein apokalyptisches Weingut, überzogen von Furchen und ausgehöhlt wie eine gequälte Landschaft. Frühling? Sommergarten? Kinderlachen? – Fehlanzeige. Die Idylle des Originals wird zum zerfurchten Acker, auf dem die Gräfin – eine gealterte Mutter Courage – mit einem Bullerwagen zwei Puppen über die trostlose Erde schleppt. In einer der Furchen vollzieht sie eine mysteriöse Zeremonie: Vielleicht eine Bestattung, vielleicht ein letzter Akt der Erinnerung.

Zwischen Wahnsinn, Symbolik und Surrealismus

In diesem Szenario vermengen sich Realitäten: Ein russisches Landgut fährt wie ein Trugbild aus dem Boden und bildet Kulisse für Lisas Junggesellinnenabschied. Lisa säuft heimlich. Pussy Riot ist anwesend. Alle stehen hier kurz vor dem Austicken. Graffiti ziert die Fassadenrückseite.

Doppelung der Handlungsorte

Und noch einmal wächst das Gebäude, verdoppelt sich – ein choreografierter Wahnsinn zwischen Spaltung, Sucht und Ruin.

Krieg, Gefahr und Angst dominieren. Zeiten und Räume verschwimmen. Das Gestern tanzt im Kostüm des Vorgestern. Herman (Brenden Gunnell diesen Monent einmalig gestaltend) im silbernen Rokokokleid, das die Gräfin zum Tee bei Madame Pompadour trug. Darunter trägt Lisas Oma geile Strapse. Sie legt sich lüstern zu ihrer Puppe auf die Matratze, wo Herman sie wie in einem aus dem Ruder laufenden Coitus erwürgt.

Der Alptraum steigert sich in einem Video vor dem letzten Bild: Die Kamera tastet den Bühnenboden wie eine Drohne ab und entdeckt ein Grab, markiert durch einen mit hoher Sicherheit deutschen Stahlhelm – eine stille Antikriegsgeste. Sie liegt auch über der letzten, den Zuschauer Schrecken machenden Szene: Herman erschießt sich. Jeletzkij geht einsam ab. Lisa erscheint dem sterbenden Hermann, jedoch nicht als tröstender Engel, sondern sie plündert als cracksüchtiges Wrack die Leichen im Weinberg. – Der Weinberg ist in der christlichen Vorstellungswelt das Reich Gottes und die Ernte der Seelen.

KS Ulrike Schneider, Gräfin

Einzelleistungen mit Wucht und Präsenz

Dirigentin Anna Skryleva entfesselt Tschaikowskis Musik in eruptiver Leidenschaft. Nach einem etwas verhaltenen Auftakt mit Kinderchor und „Chor der Kindermädchen“ wächst das Gewandhausorchester in orchestraler Weite und Klangtiefe. Der Opernchor brilliert mit differenzierter Stimmkraft. Brenden Gunnell, stimmlich souverän, gestaltet den Hermann eindringlich, mehr lyrisch angelegt und mit großer szenischer Finesse, darstellerisch bis an die Schmerzgrenze überzeugend.

Solen Mainguené überzeugte stimmlich vor allem im zweiten Teil. Auch sie verpflichtete sich voll der ungewöhnlichen Sicht auf die Partie der Lisa und fürchtet sich mit ihrem farbschönen Sopran nicht vor der Gestaltung auch eines Zerrbildes. Zu ihrem Klang passt der feine Alt-Kontrast von Nora Steuerwald als Polina. Mathias Hausmanns Wärme verströmenden Bariton bringen uns den verstoßenen Fürst Jeletzkij innerhalb dieser vielen Militärs menschlich sehr nah.

KS Ulrike Schneider ist keine erhabene Klischee-Gräfin“. Sie öffnet sich und gestaltet die Erinnerungsarie mit unerhört viel Sentiment. Dabei glänzt sie durch unübertroffene Bühnenpräsenz. Tuomas Pursio fügt mit seinem markanten Tomskij eine weitere Facette zu seinem Leipziger Rollenspektrum hinzu.

Zwischen Leere und Sehnsucht

Diese Neuinszenierung ist keine narrative Opernreise, sondern eine Abwärtsspirale. Hermann und Lisa erscheinen als Ko-Abhängige – Sucht, Verzweiflung und emotionale Deformation treiben sie gegenseitig ins Verderben. Der Weinberg, der in christlicher Symbolik das Reich Gottes repräsentiert, wird hier zum Friedhof der zerstörten Seelen. Keine Erlösung, kein Trost. Lisa plündert im Weinberg Gottes die Leichen. Hermann bittet um Vergebung – vergeblich. In dieser Welt gibt es keine Trauer mehr. Und gerade das – das Fehlen jeglicher Trauer – ist die größere Entmenschlichung.

Es ist ein Gnadenakt, dass das Gewandhausorchester mit russischer Melodik dagegenhält und das Publikum mit dem Trost aus Tschaikowskis Musik in eine noch recht kühle Leipziger Mainacht entlässt.

Szene „Pique Dame“ Oper Leipzig

Nachgedanke

Es ist mit Sicherheit so, dass in 61 Jahren die Rückschau auf diese Inszenierung die Feststellung treffen wird: sie war ein Produkt ihrer Zeit.

Annotation

„Pique Dame“. Oper in drei Akten und sieben Bildern von Peter I. Tschaikowski | Libretto von Modest Tschaikowski, nach Alexander Puschkin. Oper Leipzig. Musikalische Leitung: Anna Skryleva / Christoph Gedschold, Inszenierung: Lorenzo Fioroni, Bühne: Sebastian Hannak, Kostüme: Katharina Gault, Licht: Sebastian Alphons, Dramaturgie: Marlene Hahn, Choreinstudierung Thomas Eitler de Lint, Einstudierung Kinderchor: Sophie Bauer

Besetzung

Hermann: Brenden Gunnell, Graf Tomskij / Zlatagor: Tuomas Pursio, Fürst Jeletzkij:  Mathias Hausmann, Tschekalinskij: Dan Karlström, Surin: Evert Sooster, Tschaplitzkij: Daniel Arnaldos, Narumow: Peter Dolinšek, Zeremonienmeister: Máté Gál / Ruben Olivares, Gräfin: Ulrike Schneider, Lisa: Solen Mainguené, Polina / Milovzor: Nora Steuerwald / Maya Gour, Gouvernante: Kathrin Göring, Mascha / Prilepa: Merit Nath-Göbl / Olena Tokar, Pianistin: Pelinnur Isıkcı / Younghwi Ko, Chor und Kinderchor der Oper Leipzig, Komparserie der Oper Leipzig, Gewandhausorchester;  Violoncello: Vincent Lo, Englischhorn: Gundel Jannemann-Fischer, Bass-Klarinette: Christina Dreiner, Bühnenmusik: Trompete Michael Schlabes

Credits

Premiere und besuchte Vorstellung 10.5.2025; veröffentlicht 12.5.2025

Text: Moritz Jähnig, freier Theaterkritiker, Leipzig, Herausgeber Kunst und Technik Magazin

Foto: © Kirsten Nijhof

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