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Leipzig: Lortzings „Regina“ zwischen Anspruch und Zurückhaltung
Oper Leipzig - „Regina“ GP am 23.04.2026

Leipzig: Lortzings „Regina“ zwischen Anspruch und Zurückhaltung

Ambitionierte Festivalpremiere zeigt künstlerische Stärke, trifft jedoch auf reserviertes Publikum

Mit ihrem diesjährigen großen Festival LORTZING 26 prüft die Musikstadt Leipzig den hier erfolgreichen Dichterkomponisten Albert Lortzing anlässlich seines 225. Geburtstag und 175. Todestag auf seine Gegenwartsrelevanz. Gespannt warteten Publikum und Fachwelt jetzt besonders auf die als „Revolutionsoper“ angekündigte „Regina“.

Von Roland H. Dippel

Szene aus „Regina“ mit Jacquelyn Wagner (Regina) und Mathias Hausmann (Stephan), Chor der Oper Leipzig

Verhaltene Resonanz auf ambitionierte Premiere
Die ambitionierte und bei weitem nicht ausverkaufte Premiere der Oper „Regina“ hat weitaus mehr künstlerisches Glück als die hier widersprüchlich aufgenommene Spielplanposition „Undine“ von 2022. Auf „Regina“ reagierte das Publikum mit Schweigen und eher verhaltenem Applaus.

Das sagt einiges über die gesellschaftliche Situation und zeigt, dass in Leipzig Werbung mit Regionalstolz nicht zwingend ein volles Haus garantiert – zumindest nicht, wenn man das Werk so ernst nimmt wie Bernd Mottl, sein Team und Dirigent Constantin Trinks, der Lortzing im Spannungsfeld von Weber, Wagner und Meyerbeer verortet.

Ein Werk gegen das Lortzing-Klischee
Warum die 1848 in Wien entstandene „Regina“, die zu Lortzings Lebzeiten nie aufgeführt wurde, trotz Peter Konwitschnys Inszenierung 1998 in Gelsenkirchen keine Renaissance erlebte, hat wohl einen Grund: das hartnäckige Bild Lortzings als leichter Unterhaltungskomponist. Die Leipziger Produktion – mit nur fünf Vorstellungen ohne Wiederaufnahme – rückt das Werk nun in ein anderes Licht. Die Handlung: Ein Angestellter wird zum Sozialrebellen, entführt die Tochter eines Fabrikanten, die ihn aus Notwehr erschießt und in ihr Milieu zum Verlobten Richard zurückkehrt. Was einst progressiv gemeint war, wirkt heute befremdlich. Genau daraus entwickelt Mottl eine kluge, kurzweilige Inszenierung.

Musikalische Tiefe und dramaturgische Grenzen
Mottl strafft die Dialoge und setzt auf präzise Personenregie mit Ironie, Pathos und Sarkasmus. Anders als in „Undine“ erreicht Lortzing hier neue Ausdruckstiefe, orchestriert nahe bei Beethoven und Weber, mit Anklängen an Wagner und Meyerbeer. Trotz dieser Einflüsse bleibt „Regina“ fest im deutschen Stil verankert. Die Figurenkonstellation erinnert an Marschner und Wagner, doch bestätigt sich auch das Vorurteil: Regina bleibt letztlich in ihrer Sphäre. Musikalisch realistisch im Sinne Carl Dahlhaus’, fehlt dem Werk die letzte Entgrenzung, und das Finale wirkt bei genauer Betrachtung eher ernüchternd.

Regiekonzept zwischen Historie und Gegenwart
Im Beziehungsdreieck ergänzt Mottl plausibel: Regina empfindet durchaus etwas für Stephan. Erst die zweite Entführung bringt die Eskalation, und das Trauma ihres Handelns bleibt bestehen. Raffiniert verschränken Mottl und Bühnenbildner Friedrich Eggert Gründerzeit und Gegenwart. Streikende Arbeiter dringen in den holzgetäfelten Ahnensaal ein, Regina wird in die sterile Konzernwelt verschleppt. Dort kontrastieren ihre Rituale mit Bildern militärischer Macht, die ihr Vater Simon finanziert. Während Gegner betäubt werden, feiert die Elite abgeschottet weiter. Lortzings Einheitssehnsucht wird bei Mottl zur bitteren Gegenwartssatire über Abschottung, Profitgier und innere Aufrüstung. Das ist beklemmend aktuell und vom Publikum spürbar aufgenommen.

Im Finale kippt die äußere Feindprojektion in interne Gewalt: Figuren in Tarnmänteln attackieren sich, während Regina traumatisiert zurückbleibt. Mottl täuscht sein Publikum nicht über das Gewicht der Musik. Seine Regie verbindet Realismus, Ironie und Ernsthaftigkeit und hebt sich damit wohltuend von herablassenden Lortzing-Deutungen ab.

Szene aus „Regina“ mit Lora lentner (Beate) und dem starke Leistungen bietenden Opernchores Leipzig

Starkes Ensemble und differenzierter Klang
Auch musikalisch überzeugt die Produktion. Jacquelyn Wagner gestaltet die Titelrolle mit jugendlich-dramatischem Glanz und szenischer Kontrolle. Andreas Hermann zeigt als Richard opportunistische Glätte, während Mathias Hausmann den „wilden Stephan“ intensiv zeichnet. Gerade in den Duetten entfaltet sich starke emotionale Spannung.

In den Nebenrollen überzeugt ein homogenes Ensemble: Nora Lentner als nervlich überforderte Beate, Oliver Weidinger als machtbewusster Stefan, Dan Karlström als Kilian, Marie-Luise Dreßen als prägnante Barbara und Marian Müller als überraschend sympathischer Wolfgang. Der Chor unter Thomas Eitler-de Lint trägt wesentlich zur Wirkung dieses vielschichtigen Gesellschaftsbildes bei.

Das Gewandhausorchester unter Constantin Trinks spielt engagiert und differenziert, mit starkem Sinn für dramatische Zuspitzung. Insgesamt entsteht ein lebendiges, fast romanhaftes Musiktheater, das jedoch beim Premierenpublikum auf reservierte Resonanz stieß.

So bleibt ein widersprüchlicher Eindruck: eine künstlerisch gelungene Produktion, die Lortzings Relevanz eindrucksvoll zeigt, aber viel zu schnell vom Spielplan verschwindet. Schade für Lortzing und für die Oper Leipzig, die hier Mut zum Außergewöhnlichen beweist, ihn aber nicht nachhaltig nutzt.

Annotation

„Regina“, Oper in drei Akten von Albert Lortzing. Oper Leipzig. Musikalische Leitung: Constantin Trinks, Inszenierung: Bernd Mottl. Bühne: Friedrich Eggert, Kostüme: Alfred Mayerhofer., Licht: Thomas Hupe, Dramaturgie: Inken Meents

Besetzung

Simon Oliver: Weidinger / Peter Dolinšek, Regina: Jacquelyn Wagner / Netta Or, Stephan: Mathias Hausmann / Henryk Böhm, Richard: Andreas Hermann / Matthias Stier, Wolfgang: Vincent Turregano / Marian Müller, Kilian: Dan Karlström / Daniel Arnaldos, Beate: Nora Lentner / Mirjam Neururer, Barbara: Nina Schumertl / Marie-Luise Dreßen, Ein Freischärler: Ruben Olivares / Máté Gál, Chor der Oper Leipzig, Komparserie der Oper Leipzig, Gewandhausorchester

Credits

Premiere und besuchte Vorstellung 25.4.2026; veröffentlicht 26.4.2026

Text: Roland Dippel, freier Theaterkritiker, Leipzig/München

Fotos: © Tom Schulze

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