Home | Theater/Musik | Gera: Gewalt, Gefühl und Symbol
Gera: Gewalt, Gefühl und Symbol

Gera: Gewalt, Gefühl und Symbol

Prokowjews „Romeo und Julia“ sehr gelungen zwischen Tradition und Bildfantasie


Das Thüringer Staatsballett zeigt am Theater Gera eine eigenständige, bildstarke Neuinterpretation von Prokofjews Klassiker, die sich bewusst von den großen Traditionen löst und zugleich in ihnen verankert bleibt.

Von Moritz Jähnig

Szene mit Ruika Yokoyama und Giordano Bozza als Romeo und Julia

Figuren als psychologische Körperporträts

Dem Thüringer Staatsballett gelingt mit Sergej Prokofjews Romeo und Julia am Theater Gera ein besonderer Ballettabend. Die Choreografie von Emanuele Babici setzt sich deutlich von den dominierenden Versionen der großen Meister ab, führt deren Tradition jedoch zugleich weiter.

Der noch junge Choreograf, selbst am Beginn seiner Karriere, nutzt seine ästhetische Prägung durch die Stuttgarter Tanzschule und die Cranko-Tradition konsequent: Klassischer Tanz und Theatralität, großer Geste und lesbarere, schauspielerisch-pantomimischer Erzählweise, gestisch, der Musik verbunden.

Jede Figur erhält bei Babici eine eigene Bewegungswelt. Aus einer psychologisch fundierten Körpersprache entstehen prägnante Charaktere, die weit über reine Typen hinausgehen.

So erscheint Mercutio in der Interpretation von Cristian Emanuel Amuchastegui als überschäumendes Feuerwerk der Lebenslust, dessen unbändige Energie ihn zugleich in den Tod treibt. Sein Gegenspieler Tybalt wird von Filippo Zoppellaro als aggressiver, von seiner eigenen Autorität besessener Charakter gezeichnet.

Aiste Stankeviciute verkörpert Rosalinde kühl und unnahbar, später als fassungslose Zeugin von Romeos Abwendung hin zu Julia, eindringlich dargestellt von Artem Pshenychnykov und Jéssyca Rett.

Gesellschaft im Spannungsfeld von Macht und Kontrolle

Die Capulets planen, ihre Tochter mit Graf Paris zu verheiraten, der von Adrian Lujan Manzano verkörpert wird. Kurz vor der geplanten Verlobung begegnet Julia jedoch unwissentlich dem Sohn der verfeindeten Familie Montague, gespielt von Pablo Bueno Tierz und Julia Figueras. Die Feindschaft zwischen den Häusern ist allgegenwärtig und greifbar; nur vor dem majestätisch auftretenden Herzog, dargestellt von Davit Vardanyan, wahrt die Gesellschaft den äußeren Schein von Ordnung und Unterwerfung.

Szene mit Mitte Giordano Bozza, hinter ihm links Filippo Zoppellaro

Bildwelt zwischen Symbol und Bedrohung

In einem auberginefarbenen Bühnenraum fahren stilisierte Gassen und Soffitten ein, durchzogen vom Schwertmotiv. Klinge und Parierstange formen ein Kreuzsymbol – ein Bild, das weniger Frieden als vielmehr permanente Gefahr signalisiert.

Diese Schwertzeichen heben und senken sich, sobald die jungen Männer ihre Kräfte messen, und erweitern die psychologisch erzählte Handlung um eine gesellschaftliche Dimension struktureller Gewalt. Auf der Drehbühne kreist ein zentrales Element, das sich ständig verwandelt: Das Rapier wird zur Gondel, in bäuerlichen Szenen zum rauchenden Brotbackofen. Die Muschel fungiert als Julias Balkon und später als schützender Rückzugsraum, in dem sie sich wie eine verborgene Perle wiederfindet.

Die Kostüme verbinden Renaissance-Italien mit einer märchenhaft überhöhten, fast ins Fantastische reichenden Bildwelt. Umhänge erinnern an Insektenflügel, Helme und Masken zitieren historische Vorbilder und wirken zugleich futuristisch überzeichnet. Die Anleihen an sowjetische Realismen sind verschwunden; stattdessen schwingt bewusst eine Märchenfilm-Ästhetik mit, die als stilistisches Element integriert wird.

Liebe, Bruch und Untergang

Romeo erscheint zunächst als introvertierter Schwärmer, dessen Welt sich nach dem Tod seines Freundes radikal verändert. Aus dem verliebten Träumer wird ein von Schuld, Trauer und Wut getriebener Rächer. Der Mord geschieht im Zustand völligen Kontrollverlusts.

Für den Choreografen bildet dieser Moment den zentralen Wendepunkt der Handlung. Der Kontrast zwischen dem zarten Liebenden der Balkonszene und dem entfesselten Kämpfer, der die Waffe wegwirft und mit bloßen Fäusten agiert, markiert den Beginn des unausweichlichen Untergangs.

Romeo, getanzt von Carlos Boeira, und Julia, verkörpert von Emilie Siqueira, gestalten in zwei innigen Pas de deux – der Balkonszene und dem finalen Abschied – die emotionalen Höhepunkte eines Abends, den das Publikum, vielfach jung und gebannt, still verfolgt. Die Wirkung dieser Szenen wird durch das Philharmonische Orchester unter GMD Ruben Gazarian zusätzlich intensiviert.

Annotation

“Romeo und Julia”. Choreografie von Emanuele Babici
Ballett in zwei Akten von Sergej Prokofjew, Adrian Piotrowski, Leonid Lawrowski und Sergei Radlow. Thüringer Staatsballett am Theater Altenburg Gera.

Musikalische Leitung: Ruben Grazian, Choreografie: Emanuele Babici, Kampf-Choreografie:  Nils Stracke, Bühne, Kostüme: Duncan Hayler, Dramaturgie Liubov Morozova

Tagesbesetzung

Romeo – Carlos Boeira

Julia – Emilie Siqueira

Paris – Adrian Lujan Manzano

Mercutio – Emanuel Amuchastegui

Lady Capulet – Jéssyca Rett

Tybalt – Filippo Zoppellaro

Benvolio – Pol Dominguez Pérez

Amme – Avril Llevara Quesada

Rosalinde – Aiste Stankeviciute

Pater Lorenzo – Giordano Bozza

Lord Capulet – Artem Pshenychnykov

Herzog de Verona – Davit Vardanyan

Lord Montague – Pablo Bueno Tierz

Lady Montague – Julia Figueras

Philharmonisches Orchester Altenburg Gera

Thüringer Staatsballett, Eleven des Thüringer Staatsballetts.

Credits

Premiere 8.5.2026; besuchte Vorstellung 14.6.2026; veröffentlicht 15.6.2026

Text: Moritz Jähnig, freier Theaterkritiker, Leipzig

Fotos: © Ronny Ristok

Scroll To Top