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Leipzig: Die Leere, die alles erzählt

Leipzig: Die Leere, die alles erzählt

Zur aktuellen Ausstellung in der Alten Handelsschule Leipzig

Arina Heinze zeigt mit „The Empty Moment Festival“ verlassene Orte in schillernden Farben – und stellt dabei die Frage, ob es Momente ohne Inhalt überhaupt geben kann

Von Dr. Barbara Röhner

© Arina Heinze: Campingplatz, 2026, Acryl auf Leinwand, 100 cm x 155 cm

„The Empty Moment Festival – Malerei von Arina Heinze“ – dieser Titel mag auf den ersten Blick irritieren, doch er passt perfekt zur Ausstellung. Irritation durch Paradoxa scheint hier das große Thema zu sein.

The Empty Moment Festival suggeriert nicht nur ein Festival, wo im Grunde eine Ausstellung stattfindet, sondern verweist auch auf einen oder mehrere Momente, die angeblich nichts beinhalten. So wird aus dem Moments Festival, wie es etwa am Chiemsee stattfindet, hier in der Alten Handelsschule ein Empty Moment Festival.

Aber kann es überhaupt Momente ohne Inhalt geben? Ist Leere existent? Solche Fragen scheinen Arina Heinze umzutreiben, wenn sie sich in ihrer Malerei vornehmlich leeren oder eher verlassenen Orten widmet, die im Allgemeinen mit Menschenansammlungen assoziiert werden.

Vom Foto zur Abstraktion

Momentaufnahmen realer Gegebenheiten bilden dabei den Ausgangspunkt ihrer Bilder, die dann Stück für Stück verändert werden. Diese Veränderungen gehen teilweise so weit, dass von der eigentlichen Momentaufnahme kaum noch etwas übrig bleibt und die abstrahierten Malereien ein Eigenleben entwickeln. So lösen sich manche Bilder in reine Farbfetzen auf, die höchstens ein Dickicht vermuten lassen, aber ebenso gut als gegenstandslose Farbfläche und Musterung wahrgenommen werden können.

Daneben finden sich immer wieder Orte – oder eher Nichtorte –, die Arina Heinze zum Thema erhebt. Nichtorte, laut dem Philosophen Marc Augé etwa Parkplätze, Shoppingmalls oder Fast-Food-Ketten, fördern seiner These nach Einsamkeit und Gleichförmigkeit. Von dieser Einsamkeit ist hier einiges zu spüren. Und doch mischt sich eine Farbpalette hinein, die das komplette Gegenteil ausstrahlt: Knallige Blau-, Grün- oder Rottöne bilden oft den Eyecatcher von Szenerien, in denen offensichtlich nichts oder zumindest kaum etwas passiert.

Lost Places zwischen Abenteuerlust und Unbehagen

Ich muss gestehen, dass ich selbst eine gewisse Affinität zu Lost Places habe. Sie wecken Abenteuerlust und können wilde Geschichten heraufbeschwören. Wenn alles schläft, werden alle Sinne geschärft, und Orte wie verlassene Spiel- und Campingplätze erscheinen in einem anderen Licht. Die zu anderen Tageszeiten von Gewusel und Lachen erfüllten Orte bleiben als Nichtorte zurück.

In Heinzes Arbeiten erkennt man allenfalls Schemen von Menschen, die bisweilen seltsam stoisch das Inferno eines brennenden Autos beobachten. Gerade beim Betrachten der Spielplatzmotive kommen zudem schlimme Erinnerungen aus der Coronazeit hoch, als Absperrbänder an Spielplätzen und Bänken jeglichen Zugang untersagten.

Blick in die Ausstellung

Heute, da die Geburtenrate rapide sinkt, geraten selbst öffentliche Spielplätze zunehmend in den Fokus von Sparmaßnahmen, während private Spielplätze hinter hohen Hecken und Zäunen verschwinden. Das lässt sich durchaus auch im kleinen Bild „Vorstadt“ vermuten: Eigenheimsiedlungen, in denen jeder Bewohner paradoxerweise ganz individuell sein eigenes Reich bauen will – und dabei erschreckend gleichförmig und monoton wirkt. Auch die auf den ersten Blick recht farbfreudigen Malereien lösen einen leichten Schauer aus. Wieder begegnet uns das Paradox aus farbenfroher Gestaltung und inhaltlicher Tristesse oder gar Gefahr, wie im erwähnten Bild mit dem brennenden Auto.

© Arina Heinze: Suburb on Fire, Acryl auf Leinwand, 155 x 200 cm

Ordnung, die sich auflöst

Manche Bilder sind mit Rastern unterlegt, wie etwa das Bild „HGB Innenhof“. Dem Ordnungsdrang des Menschen folgend, steht dort eine Sitzgruppe auf kariertem Untergrund – doch an den Rändern löst sich das Raster auf und bildet chaotische Strukturen, die an Uferzonen erinnern. Ähnliches zeigt die Schildergruppe, deren nach unten gerichtete Pfeile den Weg weisen. Ordnung und Normierung überall, sogar an Stränden mit ihren heiß umkämpften Liegeplätzen. Doch anstelle des Strandes finden sich auch hier flammenartige Gebilde – der touristisch maximierte Strand als Vorhölle?

Die Meisterschülerin von Christian Weihrauch, geboren in Krasnojarsk und seit mehr als 20 Jahren in Leipzig lebend, bedient sich in ihren Werken stets mehrerer Bedeutungsebenen, die das Unheimliche in Ordnung und Struktur der Nichtorte mit einschließen.

So möchte ich mit einem Paradoxon-Zitat von Antoine de Saint-Exupéry enden: „Das Leben und die Inbrunst und das Streben nach etwas erschaffen die Ordnung. Die Ordnung aber erschafft weder Leben noch Inbrunst noch Streben nach etwas.“ In diesem Sinne: Lassen wir es uns heute gut gehen, seien wir inbrünstig und feiern wir das Leben.

Informationen zur Ausstellung

„The Empty Moment Festival“ mit Malerei und Grafik von Arina Heinze im ARS AVANTI Kunstraum der Alten Handelsschule vom Freitag, den 21. August bis Freitag, den 11. September 2026.

Vernissage: 21.08.2026, 19 Uhr
Ausstellungsdauer: 22.08.-11.09.2026
Finissage: Artist-Talk im Rahmen der Tage der Industriekultur Leipzig,11.09.2026, 16 – 18 Uhr
Öffnungszeiten: Mo–Do: 9:00–11:30 Uhr, Fr+Sa: 15:00–18:00 Uhr
Alte Handelsschule, Kunstraum ars avanti e.V., 2. OG, Gießerstr. 75, 04229 Leipzig
Kontakt: info@arsavanti.de // www.arsavanti.de // @arsavanti

Credits

Text: Dr. Barbara Röhner, leicht gekürzter text einer Laudatio gehalten am 21.8.2026 im ARS AVANTI Kunstraum

Bildquelle: (c) Ariana Heinze

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