Vasily Barkhatovs Sicht auf Tschaikowskis „Eugen Onegin“ jetzt am Augustusplatz
Mit großem Beifall aufgenommen, erweist sich Peter Tschaikowskis „Eugen Onegin“ in der Neuinszenierung der Oper Leipzig schon in den ersten Vorstellungen als verheißungsvoller Auftakt einer erfolgreichen Saison. Die exzellente Besetzung schöpft aus den Reihen des hauseigenen Ensembles. Diese Entscheidung verrät gleichermaßen künstlerisches Selbstbewusstsein wie kluge Theaterpolitik und erweist sich zugleich als die andere Seite des gebotenen Sparzwangs. Denn was könnte eine Theaterleitung, die um das Renommee ihres Hauses weiß und dessen Wertschätzung stärken will, besser tun, als ihre eigenen Schätze ins Schaufenster zu stellen? Das Publikum bleibt stehen, schaut hin und lässt sich überzeugen.
Von Moritz Jähnig

Ein Häuschen auf dem Land links, rechts davor ein Konzertflügel, dahinter zwei mächtige Holzschrägen: Zinovy Margolins Bühne schafft mit wenigen Elementen eine Welt, die zwischen ländlicher Idylle und sozialem Schaukasten changiert. Das Haus wird herein- und herausgeschoben, die Schräge zur Spielfläche für Dorfgesellschaft, Wintervergnügen und Schlittenfahrten, aber auch Sommerküche. Olga saust mit dem Fahrrad durchs Bild, während Tatjana in ihrer eigenen, stilleren Gefühlswelt unter dem Flügel oder ganz rechts bei einem kleinen Brunnen gefangen bleibt.
Im letzten Akt verwandelt sich der Raum in eine großzügige Bahnhofshalle. Eine riesige Uhr steht für die alles unumkehrbar treibende Zeit. Es gibt nur wenige Wartebänke.
In einem abgetrennten VIP-Bereich empfängt Fürst Gremin die feine Gesellschaft. Olga Shaishmelashvilis Kostüme unterscheiden die Milieus prägnant, ohne die Figuren zu bloßen Typen zu reduzieren. Nicht nur in diesen Milieuszenen agiert das gesamte Ensemble individuell und mit an der Oper Leipzig lange nicht mehr gesehenen Spielfreude.
Vasily Barkhatov erzählt die Geschichte mit Sinn für Komik und seelische Brüche. Tatjanas Liebesbrief wird zum intimen Zentrum des Abends, Onegins Zurückweisung zum ersten unwiderruflichen Verlust. Auf dem Ball zu Tatjanas Namenstag, den Vasily Barkhatov zu einer Schlittenpartie gestaltet, eskaliert die Auseinandersetzung der beiden eifersüchtig ringenden Männer zur kollektiven Prügelei auf der Schräge: Lenskij stürzt in einen bereitstehenden Bottich und stirbt. Sein Abtransport auf dem Schlitten wirkt grotesk und erschütternd zugleich.
Die anschließende Polonaise beginnt wie ein Scherz- und Wimmelbild, ehe das Gewandhausorchester den festlichen Glanz der Musik entfaltet.

Im Schlussbild verweigert Tatjana dem inzwischen verzweifelten Onegin die gemeinsame Zukunft. Die Inszenierung findet so ein sprechendes Bild für die Unumkehrbarkeit verstrichener Zeit.
Olena Tokar gestaltet Tatjanas Entwicklung vom verletzlichen Mädchen zur selbstbestimmten Frau mit berührender vokaler Feinheit. Franz Xaver Schlecht zeichnet Onegins späte Reue mit nobler Klanggebung und glaubwürdigem innerem Zerfall. Matthias Stier verleiht Lenskij lyrischen Glanz und tragische Verletzlichkeit. Maya Gour gibt Olga temperamentvolle Leichtigkeit. Kathrin Göring zeichnet Larina lebensnah, Ulrike Schneider die Amme Filipjewna mit warmer Autorität. Yorck Felix Speer überzeugt als Gremin durch vokale Noblesse und souveräne Ruhe. Daniel Arnaldos setzt als Triquet einen pointierten, eigenständigen Akzent; Randall Jakobsh profiliert Hauptmann und Saretzkij mit markanter Basspräsenz. Ruben Olivares rundet als Vorsänger das Ensemble stimmig ab.
Der Chor der Oper Leipzig überzeugt durch Spielfreude und klangliche Geschlossenheit; Thomas Eitler de Lint sorgt für präzise Einstudierung und differenzierte Präsenz.
Ivan Repušić formt mit dem Gewandhausorchester in der erlebten Aufführung einen zunehmend fein ausbalancierten Tschaikowski. Auf betont kraftvolle Ausbrüche folgen transparente Streicher, sprechende Holzbläser und kammermusikalische Zwischentöne. So erhält die Partitur emotionale Tiefe, ohne ins Sentimentale abzugleiten.
Die Oper Leipzig wird mit dieser neuen Inszenierung großen Zuspruch beim ihrem Publikum finden. Die nächste Möglichkeit, Tschaikowskis Lyrische Szenen mit dem Gewandhaus-Orchester unter Leitung von Ivan Repušić zu hören und in der Inszenierung von Vasily Barkhatov zu sehen sind:
8. November 2026, 17:00 Uhr
28. November 2026, 19:00 Uhr
26. Dezember 2026, 17:00 Uhr
Im neuen Jahr dann wieder:
7. Februar 2027, 17:00 Uhr
Auf die schon 2013 am Litauischen Nationaltheater für Oper und Ballett (LNOBT) in Vilnius uraufgeführte Regiearbeit im Kontext der Leipziger Inszenierungen auf unserem Blog gesondert ein.
Annotation
“Eugen Onegin”. Lyrische Szenen in drei Akten von Peter I. Tschaikowski, Libretto von Peter I. Tschaikowski und Konstantin S.Schilowsky nach dem Versroman von Alexander Puschkin. Oper Leipzig.
MusikalischeLeitung: Ivan Repušić / Yura Yang, Inszenierung: Vasily Barkhatov, Szenische Einstudierung: Jurate Sodyte, Bühne Zinovy Margolin, Kostüme: Olga Shaishmelashvili, Licht: Alexander Sivaev, Dramaturgie: Kara McKechnie
Besetzung
Larina: Kathrin Göring
Tatjana: Olena Tokar / Olesya Golovneva
Olga: Gabrielė Kupšytė / Maya Gour
Filipjewna: Ulrike Schneider
Eugen Onegin: Franz Xaver Schlecht / Mathias Hausmann
Lenskij:Tomislav Jukic / Matthias Stier
Fürst Gremin: Yorck Felix Speer / Peter Dolinšek
Triquet: Daniel Arnaldos / Dan Karlström
Saretzkij/Ein Hauptmann: Randall Jakobsh / Peter Dolinšek
Vorsänger: Jacob Paul Romero Kressin / Ruben Olivares
Credits
Uraufführung 28.3.1879, Maly Theater Moskau; Premiere der Inszenierung 18. Mai 2012, Litauischen Nationaloper in Vilnius; Premiere Leipzig 10.10.2026; besuchte Vorstellung 16.10.2026; veröffentlicht 22.10.2026
Fotos: © Kirsten Nijhof
Text: Moritz Jähnig, freier Theaterkritiker, Leipzig
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