Saisonstart mit „Valse“ und „Der grüne Tisch“ am Anhaltischen Theater
Das Anhaltische Theater eröffnete seine 231. Spielzeit – passend zum frühlingshaften Motto „Es grünt so grün“ – an einem lauen Septemberabend bei sommerlichen 21 Grad mit einer fulminanten Ballettpremiere. Der Applaus war deutlich nachdrücklich. Das begeisterte Publikum „erzwang sich“ über das Erwartete hinaus einen weiteren Schlussvorhang.
Von Moritz Jähnig

Einige Besucher im leider nicht ausverkauften Saal meinten, sich daran zu erinnern, das Tanzstück „Der grüne Tisch“ zuletzt zusammen mit „Der gelbe Klang“ gesehen zu haben, der 1995 unter der Ballettmeisterin und Ausnahmekünstlerin des Ausdruckstanzes Arila Siegert hier Premiere feierte. Wie dem auch sei: Die Elbestadt pflegt seit Jahrzehnten eine Tanztradition, die sich durchaus mit derjenigen der kommunikationsstarken Metropolen an Ruhr und Wupper messen kann – ästhetisch eng verbunden mit den künstlerischen Prinzipien des Bauhauses.
Zum 100-jährigen Bauhaus-Jubiläum
Der neue Tanzabend ist zweiteilig. Auf die Ballett-Uraufführung „Valse“ von Stefano Giannetti zu Musik von Maurice Ravel folgt „Der grüne Tisch“, 1932 in Paris in der Originalchoreografie von Kurt Jooss uraufgeführt. Für Dessau wurde diese Fassung von der ehemaligen Primaballerina des Niederländischen Nationalballetts Jeannette Vondersaar rekonstruiert und einstudiert, unterstützt von Claudio Schellino und Freek Damen. Vondersaar hat selbst unter Anleitung der Jooss-Tochter die Choreografie getanzt. Das verleiht der intensiven Dessauer Aufführung ein hohes Maß an Authentizität.
Am Klavier begleiten vom Graben aus Aya Masaoka und Alexander Kornibus. Beeindruckend ist, wie die 16 Tänzerinnen und Tänzer des Dessauer Ensembles das Grauen des Krieges visionär verdichten: Mit aufwühlenden Bildfolgen rücken sie dem Publikum geradezu auf den Leib. Immer wieder hält die Handlung kurz inne, damit sich die Emotionen ins Gedächtnis einprägen.
Jooss’ Choreografie reagierte ursprünglich auf das beschämende Geschacher der Großmächte in der Zwischenkriegszeit. Heute, in unseren aktuellen Koordinaten, gewinnt die Frage nach der Sinnhaftigkeit von (Friedens-)Verhandlungen neue Brisanz.
Schaurige Walzer-Seeligkeit
Trotz – oder gerade wegen – der herausragenden tänzerischen Leistungen wirkt „Der grüne Tisch“ stärker als historische Reminiszenz. Dieser Eindruck verstärkt sich durch den ersten Teil des Abends: Maurice Ravels Valses nobles et sentimentales und La Valse.
Über die gesamte Breite des schwarzen Bühnenraums zieht sich als Lichtinstallation von Guido Petzold ein leuchtendes Rechteck. Es markiert wahlweise einen Bilderrahmen oder eine Leinwand, von der vier Tanzpaare und Solisten in den Walzer, diesen Kreistanz, „hineinsteigen“.
Im Orchestergraben beweist die Anhaltische Philharmonie unter GMD Markus L. Frank mit der Interpretation der Ravel-Werke wieder einmal überzeugend seine große stilistische Bandbreite.

Transparenz durch Vereinfachung
Der französische Impressionist lässt seine absolut nicht harmlosen Kompositionen zu den unsterblichen Wiener Walzern schlussendlich hart kippen. Wie Ravels vorab zu Kriegsbeginn gehabte Begeisterung schlägt seine Melodik um in kaltes Entsetzen.
Giannetti nimmt diesen Kipppunkt hoch sensibel unter die Lupe. Im Mittelpunkt stehen die pas de deux des Ersten Paares. Darin grandios um sich zirkulierend Martin Anderson und Marcos Vinicius dos Anjos,
Tänzerisch wie musikalisch münden die bellizistischen Hochgesänge von „Valse“ in klaren Pazifismus. Den Umschlag der Gefühle vermittelt Stefano Giannetti mit sparsamen und reduzierten Figuren. Die dem deutschen Ausdrucks- und dem klassischen Tanz angelehnten Bewegungen sind eindrucksvoll und macht die verhängnisvollen Zusammenhänge leicht zu lesen. Tänzerinnen tragen einen rechts Spitzenschuh, links bleiben sie barfuß.
Dem neuen Repertoirestück der Ballettsparte seien viele gut besuchte Reprisen gewünscht.
Annotation
„Valses“ (UA) / „Der Grüne Tisch“. Tanzabend mit Choreografien von Stefano Giannetti und Kurt Jooss. Anhaltisches Theater Dessau.
„Valse“ (UA). Musikalische Leitung: Markus L. Frank Valses (UA), Choreographie: Stefano Giannetti Valses (UA), Assistenz: Emanuelle Grizot Valses (UA), Lichtinstallation: Guido Petzold, Kostüme: Judith Fischer, Dramaturgie: Yuri Colossale, Anhaltische Philharmonie Dessau
„Der Grüne Tisch“. Choreographie und Libretto: Kurt Jooss, Musik: Friedrich A. Cohen, Ausstattung und Kostüme: Hein Heckroth, Lichtdesign und Masken: Hermann Markard, Choreografische Einstudierung: Jeanette Vondersaar, Claudio Schellino , Freek Damen, Assistenz: Emanuelle Grizot, Beleuchtung: Berry Claassen, Klavier: Aya Masaoka, Alexander Kronibus
Mit Martin Anderson , Marcos Vinicius dos Anjos , Marc Balló y Cateura , Angelica Bistarelli , Chayan Blandon-Duran , Zali Burr , Luisa Eckert , Alfredo Garcia , Joseph Edy , Sabrina Kallan , Kaito Kurokawa , Josselin Prat , Cristiana Rauccio , Giulia Riccio , Charles Riddiford , Carlotta Rocchi, Victor Costa Santos, Veronica Scanferla , Simona Semeraro, Simona Villa
Credits
Besuchte Vorstellung Premiere 19.9.2025; veröffentlicht 20.9.2025; aktualisiert 20.9., 19:00 Uhr
Text: Moritz Jähnig, freier Theaterkritiker, Leipzig
Foto: © Claudia Heysel
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