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Dessau: Süchtig hoch zwei

Dessau: Süchtig hoch zwei

Tschaikowskis Oper „Pique Dame“ in einer Inszenierung von Malte Kreutzfeldt

„Pique Dame“ zählt zu den bedeutendsten Werken des russischen Komponisten Pjotr Iljitsch Tschaikowski – einem Romantiker, der wie kaum ein anderer die russische Musik in das kulturelle Bewusstsein Europas überführte. Diese Transferprozess bleibt auf Grund aktuell-politischer Sichtweisen gegenwärtig unbeachtet. Ein solches Meisterwerk aufzuführen, ist nicht weniger als ein Dienst an der europäischen Kultur. Man möchte den Theatern, die es heute auf den Spielplan setzen, am liebsten auf Knien danken – oder, besser noch: einfach hineingehen.

Von Moritz Jähnig

Zweites Bild. Kejti Karaj in der Partie der Polina mit Damen des Opernchores

Leben und Konflikte des Komponisten

Pjotr Iljitsch Tschaikowski wurde 1840 in der kleinen Stadt Wotkinsk 2 000 Kilometer entfernt von der Metropole St. Petersburg als siebtes Kind einer kunstaffinen Familie geboren. Sein Vater, ein „Wirklicher Staatsrat“, leitete als Bergwerks- und Hüttendirektor ein Unternehmen der metallurgischen Industrie – ein Mann von Rang und technischer Expertise. Tschaikowski selbst sollte später in der Hauptstadt leben. Doch als seine letzte Oper „Pique Dame“ 1890 uraufgeführt wurde, hatte er Russland verlassen. Er war verliebt in einen Musiker gewesen und lebte in Trennung mit seiner Ehefrau Antonina Iwanowna. Woraufhin diese in Moskau und St. Petersburg mit der Bekanntgabe seiner Homosexualität für gesellschaftlichen Aufruhr sorgte.

Gesellschaft kontra Gefühl

Die Oper verarbeitet – vielleicht autobiografisch grundiert – den Konflikt zwischen gesellschaftlicher Konvention und individueller Gefühlswelt. Die Liebe scheitert an den Regeln der Welt. Der verarmte Offizier Hermann, dem Wahnsinn und Spielsucht bereits näher sind als der Realitätssinn, versucht, sich durch ein riskantes Spiel in die wohlhabende Gesellschaft einzukaufen. Er verliebt sich in Lisa, die aus gutem Haus stammt und einem Fürsten versprochen ist. Die beiden werden ein Liebespaar. Um an Geld für ein standesgemäßes Leben zu kommen, entreißt Hermann Lisas Großmutter, der alten Gräfin – mit Lisas ungewollter Hilfe – das Geheimnis eines Kartentricks. Als die Gräfin bei dieser Konfrontation stirbt, fühlt Lisa sich mitschuldig und von Hermann verraten. In ihrer Wahrnehmung wollte er sie nicht um ihrer selbst willen, sondern nur für seinen Vorteil nutzen. Der Kartentrick bringt Hermann kein Glück. Er verliert alles und nimmt sich das Leben.

Ein Bühnenbild in antikem Aufbau

In Dessau hebt sich der Vorhang nicht. Die Bühne steht offen und bereit. Regisseur Malte Kreutzfeldt – bereits zum dritten Mal für eine Opernproduktion in Dessau verantwortlich – hat das Bühnenbild im Geiste des antiken Theaters gestaltet: mit Skene, dem Bühnenhaus, und Orchestra, dem Spiel- und Chorraum. Davor und darum das Theatron, die Zuschauerränge – in Dessau mit zwei Logen-Etagen. Die von Kreutzfeldt oft eingesetzte bühnenbreite Freitreppe ist ebenfalls wieder vorhanden.

Regisseur Malte Kreutzfeldt gestaltete auch die Szene seiner Inszenierung und folge antiker Bühnenarchitektur

Dunkles Holz, lange weiße Vorhänge, Kronleuchter, staubverhangene Stühle – das Setting erinnert nicht an ein russisches Stadtpalais, sondern an das sizilianische Landgut Donnafugata, auf das der Fürst Salina in „Der Leopard“ von Giuseppe Tomasi di Lampedusa reist. Auch ein Ort der Erinnerung, der untergegangenen Ordnung, des Verfalls.

Hermann mit Kriegszittern

Aus der linken Bühnenseite schiebt sich Hermann im olivgrünen Militärparka aus dem Dunkel hervor, als käme er aus einer hinteren Ecke der Автозаво́дская in Moskau – ebenso wie sein Doppelgänger von rechts. Ein Soldat vom Krim-Krieg gezeichnet? Er leidet unter PTBS, Shell Shock. Das Doppel symbolisiert seine innere Zerrissenheit. Süchtig2 ? Auch Lisa und die Gräfin erscheinen mit einem solchen Alter Ego.

Ein Darsteller-Double steht für die Zerrissenheit der Protagonisten

Ein Hermann mit Kriegszittern. Die Verpflichtung Erin Caves für die Partie ist ein Gewinn. Der amerikanischen Wagner-Tenor stellt sich kompromisslos in den Dienst der Rollenanlage. Gebrochen und suchtgezeichnet schnüffelt er aus einer Papiertüte. Die Liebe zu Lisa verändert ihn: Das Zerrissene weicht Entschlossenheit, die er in einem erschütternden Finale mit dem Tod bezahlt. Die Partie verlangt stimmlich wie darstellerisch alles. Caves braucht Anlauf und setzt Kraft ein, doch in den Szenen im Spielcasino bringt der Sänger ausdrucksstark die erwarteten Spitzentöne.

Erin Caves als Hermann

Seine Offizierskameraden wirken äußerlich unversehrt. Sie tragen schwarze Trenchcoats und Aktentaschen (Kostüme: Katharina Beth). Der elegante Bariton Modestas Sedlevičius verkörpert als Fürst Jelezki einen selbstgefälligen Repräsentanten jener Gesellschaft, an der Hermann zerbricht.

In der in Zigarrenrauch gehüllten Männerrunde weiht Graf Tomski (Kay Stiefermann) seine Freunde Tschekalinski (David Ameln) und Surin (Claudius Muth) in das Geheimnis um die „Venus von Moskau“ ein. Hermann hört mit. Die Szene endet im Goldregen eines Tischfeuerwerks. Solche äußerlich bleiben Effekte beobachtet man innerhalb der Inszenierung auch. Zum Beispiel ist der rechte Arm am Gesellschaftsanzug im Spielhaus-Bild rätselhaft schwarz gefiedert…

Szene mit Claudius Muth (Tschekalinski), Kay Stiefermann (Tomsky) und David Ameln (Surin)

Ein späterer Höhepunkt in diesem 7. Bild ist das chauvinistische Lied der Männer, in dem Mädchen wie Vögel beschrieben werden, die sich auf starke Äste – sprich: Männer – setzen sollen. Diese Szene trifft ins Mark.

Der Chor als Ausdruckseinheit

Nahtlos setzt der Chor der Spaziergänger ein. In dunklen Businesskostümen, mit aufgespannten schwarzen Regenschirmen, treten sie auf – das Gewitter setzt ein. Der Chor agiert nie illusionistisch, sondern chorisch im eigentlichen Sinne: als kommentierende Instanz, als Projektionsfläche für das Geschehen. Das antike Drama steht Pate.

Gewitterszene mit Erin Caves (Hermann) und dem Opernchor

Musikalisch glänzen die beiden Chöre (Einstudierung: Sebastian Kennerknecht und Dorislava Kuntscheva) mit jugendlichem Klang, melodischer Klarheit und eruptiver Kraft.

Manche Chorensemble, so der Chor der Freundinnen darf noch „slawischer“ sein, klar, vibratofrei, mit hellem brustnahem Ton. Sie reagieren auf die volksliedhafte Romanze Polinas, von der albanischen Sängerin Kejti Karaj mit farbenreichem, warmem Timbre gestaltet. Das Russische hier ist im Sinne der beiden Tschaikowskis, denn sie lassen Lisa und ihre Freundinnen tadeln. Sie tanzten zu russisch. Die Gräfin ruhe bereits.

Tiina Penttinen gibt der Gräfin Gestalt: eine Frau, deren frühere Leidenschaft noch durchschimmert. Ihre Stimme ist fein nuanciert, geheimnisvoll, mit einem feinen Hauch Melancholie.

Die Anhaltische Philharmonie verfügt über die Fähigkeit, immer noch einmal mehr über sich hinauswachsen zu können. Elisa Gogou leitet sie zuweilen wie atemlos aber sicher durch die tobende Dramatik der Partitur. Den Sängern auf der Bühne stets eine verlässliche Hilfe. Den vielen unterschiedlichen, ständig wechselnden Nuancen der Komposition wurde die Premierenaufführung beeindruckend gerecht.

Lisa – eine tragische Heldin

Pjotr Iljitsch Tschaikowski hat eine Reihe eindrucksvoller Opernfiguren junger Frauen geschaffen, darunter Tatjana in „Eugen Onegin“, Iolanta oder Maria in „Mazeppa“. Sie eint eine innere Entwicklung, ein emotionaler Reifeprozess, der jedoch nicht selten im Schmerz mündet.

Trotz seiner eigenen komplizierten Gefühlswelt zeichnet Tschaikowski Frauen mit bemerkenswerter Empathie und psychologischer Tiefe. Ihre seelischen Reisen gestaltet er aufrichtig und von großer musikalischer Wärme getragen.

Iordanka Derilova als Lisa. Im Hintergrund ein Tänzer-Double

Lisa ist wohl seine schönste Figur. Iordanka Derilova verleiht ihr mit ihrem leuchtenden Sopran eine innere Tiefe, die zuerst im Duett mit Polina im 2. Bild durchscheint. Ihre Stimme bleibt stets präsent, durchdringt selbst das orchestrale Fortissimo mühelos. Ihre Phrasierung ist von solcher Eleganz, dass man Atempausen kaum wahrnimmt. Mit ihrer stimmlichen Reife und der Erfahrung mit dieser Partie gestaltet sie Tschaikowskis melodische Linien mit leiser Autorität. Man hängt gebannt an jedem Ton, weil sie nicht bloß singt, sondern erzählt.

Fazit

Diese Dessauer „Pique Dame“ erzählt prägnant von einer tragischen Liebe, deren Scheitern durch äußere Zwänge unausweichlich scheint. Die Regie zeigt die Geschichte als Spiel auf dem Theater und macht sie damit zu einer Parabel auf etwas, das jederzeit jedem passieren kann.

Annotation

„Pique Dame“. (Pikowaja Dama). Oper in 3 Akten und 7 Bildern von Peter I. Tschaikowski
Libretto von Modest I. Tschaikowski nach der gleichnamigen Erzählung von Alexander Puschkin. Anhaltisches Theater Dessau.

Musikalische Leitung: Elisa Gogou, Inszenierung und Bühne: Malte Kreutzfeldt, Kostüme: Katharina Beth, Choreografie: Martin Anderson, Leitung Opernchor: Sebastian Kennerknecht, Leitung Jugendchor: Dorislava Kuntscheva, Dramaturgie: Yuri Colossale

Besetzung

Hermann, ein Offizier: Erin Caves, Graf Tomski: Kay Stiefermann, Fürst Jelezki: Modestas Sedlevičius, Tschekalinski, Offizier: David Ameln, Surin, Offizier: Claudius Muth, Tschaplizki, Spieler: Alexander Dubnov, Narumow, Spieler: Cezary Rotkiewicz, Gräfin: Tiina Penttinen, Lisa: KS Iordanka Derilova, Polina: Kejti Karaj, Mascha: Jeanette Spexárd, Opernchor des Anhaltischen Theaters, Ballett des Anhaltischen Theaters, Jugendchor des Anhaltischen Theaters, Anhaltische Philharmonie Dessau

Credits

Besuchte Vorstellung Premiere 23.5.2025; veröffentlicht 25.5.2025

Text: Moritz Jähnig, freier Theaterkritiker, Leipzig, Herausgeber Kunst und Technik Magazin

Fotos: © Claudia Heysel

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