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Dessau: Abgründige Aktualität im Klassiker

Dessau: Abgründige Aktualität im Klassiker

Anhaltisches Theater Dessau zeigt Alban Bergs Oper „Wozzeck“

Das Anhaltische Theater Dessau zeigt unter der Regie von Christiane Iven eine ebenso packende wie verstörende Inszenierung von Alban Bergs „Wozzeck“. In einer Gegenwart, in der die Themen Machtmissbrauch, Sprachlosigkeit, Entfremdung und Gewalt gegen Frauen wieder bedrückend aktuell erscheinen, gelingt es Iven, diesen Opernklassiker von 1925 in eine beklemmend zeitlose und zugleich hochsensible Form zu bringen.

Von Moritz Jähnig

Szene mit Kay Stiefermann (Wozzeck) und Ania Vegry (Marie)

Seit seiner Berliner Uraufführung hat sich „Wozzeck“ als Schlüsselwerk des 20. Jahrhunderts etabliert — eine Oper, die mit kompromisslos modernem Tonfall und erschütternder Konsequenz in die Abgründe menschlicher Existenz blickt. Georg Büchners literarisches Fragment, das Alban Berg mit instinktiver Sicherheit zum Libretto formte, wird in Dessau zu einem bedrückenden Musiktheaterereignis, das weit über den Abend hinaus nachhallt.

Bildwelten zwischen Enge und Abgrund

Christiane Iven zeigt in ihrer zweiten Dessauer Regiearbeit ein feines Gespür für die musikalische Dramaturgie Bergs, deren fünfzehn locker gefügte, dabei kunstvoll verzahnte Szenen sie mit Präzision und dramaturgischem Feingefühl in eindrucksvolle Bilder übersetzt. Gemeinsam mit dem kongenialen Bühnenbildner Guido Petzold und der Kostümbildnerin Kristina Böcher erschafft sie eine stilisierte, dabei fast realistisch wirkende Welt: klaustrophobische Innenräume wechseln mit unheimlichen Waldszenen, zwei bewegliche Wandreliefs markieren die Enge eines Daseins, das für Wozzeck weder Platz zum Leben noch zum Lieben lässt.

Wenn diese Wände sich öffnen, offenbart sich eine ebenso beklemmende Klinker-Backstein-Fassade wie eine gespenstische, düstere Waldlandschaft – ein visueller Verweis auf jene inneren Abgründe, die die Figuren unausweichlich ins Verderben treiben. Der Teich, in dem Marie ihr Leben lässt, bleibt angedeutet, ein Wasserbecken von der Größe eines Sandkastens reicht aus, um die Wucht dieses Moments ins Unfassbare zu steigern.

Charakterstudien von bedrückender Präzision

Kay Stiefermann gestaltet die Titelrolle mit beunruhigender Intensität. Mit kontrollierter Präsenz und vokalen Durchdringung zeichnet er das Bild eines Menschen, der restlos in den gnadenlosen Machtverhältnissen seiner Umwelt eingespannt ist. Sein durchsichtiges Gewand macht ihn durchschaubar und verletzlich — ein Sinnbild des Ausgeliefertseins. Tragisch spiegelt sich dieses Bild im gemeinsamen Sohn, der in ähnlicher Kleidung stumm und traumatisiert Zeuge des Verhängnisses wird und am Ende das blutige Messer in den Händen hält — ein stummer Hinweis auf das Weiterwirken dieser zerstörerischen Mechanismen in der nächsten Generation.

Ania Vegry überzeugt als Marie mit einer sängerischen und darstellerischen Leistung, die Maßstäbe setzt. Ihre helle, glasklare Stimme hebt die Zerbrechlichkeit der jungen Marie heraus. Vegry lässt die Figur zwischen Hoffnung, Verzweiflung und innerer Zerrissenheit oszillieren, emotional sehr eindringlich.

Großartig agiert auch das Nebendarsteller-Ensemble: Arnold Bezuyen gibt den Hauptmann grotesk überzeichnet, ohne ihn zur Karikatur verkommen zu lassen. Michael Tews als Doktor bemüht sich um den Anschein seriösen Medizinerhabitus, während Torsten Kerl als übergriffiger Tambourmajor stimmlich und körperlich eine bedrohliche Wucht entfaltet. Christian Sturm als Andres bringt mit seinem strahlenden Tenor eine tröstliche Note in diese düstere Welt dieser männlichen Mistkerle.

Wirtshausszene. Christian Sturm (Andres), Sophia Maeno (Margret), Ania Vegry (Marie), Torsten Kerl (Tambourmajor), Alexander Argirov (2. Handwerksbursche) und Opernchor des Anhaltischen Theaters

Gewalt ohne Effekthascherei

Ivens Inszenierung verzichtet wohltuend auf billigen Naturalismus. Stattdessen setzt sie auf eine reduzierte, hochkonzentrierte Bildsprache. Die Gewalt ist nie effektheischend. Das Blut an Wozzecks Händen nach dem Mord an Marie bleibt weniger eine Schockgeste als ein verstörendes Bild. Der Tod ereignet sich unspektakulär, fast beiläufig, in einem Wasserbecken von der Größe eines Sandkastens, während das Kind stumm in den Schatten der Bühne zurücktritt. Die Gewalterfahrung wird an die nächste Generation weitergegeben.

Klanglandschaften von betörender Dunkelheit

Einen wesentlichen Anteil an der Wirkung des Abends hat Markus L. Frank am Pult der Anhaltischen Philharmonie. Ihm gelingt es, Bergs komplexe Partitur in ihrer Expressivität und spätromantischen Farbigkeit erlebbar zu machen. Frank lässt die Instrumentengruppen nicht einfach erklingen, sondern modelliert Klangräume, in denen die Musik mal schwelgt, mal schneidend aufschreit oder in kammermusikalischer Intimität flüstert.

Er kontert eruptiven instrumentalen Aufschreie mit dem dunklen Glanz spätromantischer Farbigkeit, ohne dabei Bergs modernistische Härten zu glätten.

Hundert Jahre nach der Uraufführung in Berlin offenbart sich „Wozzeck“ in Dessau unter Franks Händen als ein Werk, das seine Wurzeln ebenso in expressionistischer Grellheit wie in der melancholischen Schwermut der Spätromantik hat. Diese musikalische wie szenische Herangehensweise befreit „Wozzeck“ vom Mythos der bloßen Modernitäts-Provokation und rückt ihn zurück in die große europäische Erzählung vom tragischen Menschen in einer unbarmherzigen Welt.

Annotation

„Wozzeck“. Oper in 3 Akten mit 15 Szenen von Alban Berg, Text von Georg Büchner. Anhaltisches Theater Dessau. Musikalische Leitung: Markus L. Frank, Inszenierung: Christiane Iven, Bühne und Lichtdesign: Guido Petzold, Kostüme: Kristina Böcher, Leitung Opernchor Sebastian Kennerknecht, Leitung Jugendchor: Dorislava Kuntscheva, Leitung Kinderchor: Sebastian Kennerknecht , Kristina Baran, Dramaturgie: Yuri Colossale

Besetzung

Wozzeck: Kay Stiefermann, Tambourmajor: Torsten Kerl, Andres: Christian Sturm, Hauptmann: Arnold Bezuyen, Doktor: Michael Tews, 1. Handwerksbursche: Claudius Muth, 2. Handwerksbursche: Alexander Argirov, der Narr: David Ameln, Marie: Ania Vegry /Kristin E Mantyla, Margret: Sophia Maeno, Opernchor des Anhaltischen Theaters, Jugendchor des Anhaltischen Theaters, Kinderchor des Anhaltischen Theaters, Anhaltische Philharmonie Dessau

weitere Vorstellungen 26.4., 17 Uhr und 25.5.2025, 16 Uhr

Credits

besuchte Vorstellung Premiere 1.3.2025; veröffentlicht 16.4.2025

Text: Moritz Jähnig, freier Theaterkritiker, Leipzig, Herausgeber „Kunst und Technik“

Foto: © Claudia Heysel

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