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Dessau|Dresden: Tanz bis zur Erschöpfung

Dessau|Dresden: Tanz bis zur Erschöpfung

Eröffnung des Kurt Weill Festes 2025 mit „Die sieben Todsünden / 100 Leidenschaften“

Gastspiel der Staatsoperette – Doppelabend mit faszinierendem Tanz voll aktueller Bezüge

Die künstlerische Leitung des Kurt Weill Festes Dessau hat eine sichere Hand bei der Auswahl des Eröffnungsgastspiels bewiesen. Die Programmzusammenstellung des seit 1993 in Weills Geburtsstadt stattfindende Festival spiegelt mit seinem Programm schon immer die politische Gegenwart. Weill emigrierte 1935 vor den Nazis in die USA. Dass die diesjährige Eröffnung des ihn ehrenden Veranstaltungszyklus zeitlich mit einem von der Politik im Weißen Haus live aufgeführten Drama ohne jeden heiteren Aspekt zusammenfiel, hat keine und keiner ahnen wollen. Gegenwartrelevanz und mahnende Kraft auch seines unterhaltsamen Werkes bestehen fort.

Von Moriz Jähnig

Die Staatsoperette Dresden, die sich in jüngerer Zeit mehrfach in ihren Inszenierungen mit dem Broadway-Theater beschäftigt hat, wagte 2024 mit dem jetzt am Anhaltischen Theater Dessau erlebten Doppelabend ein Experiment. Ein Brecht-Weill-Stück, ausgezeichnet als Ballett mit Gesang, wird zeitgenössisch weitererzählt – sowohl stilistisch-künstlerisch als auch unter inhaltlichen Aspekten.

Die Ausstattung der Uraufführung 1933 in Paris stammte vom strengen Brecht-Bühnenbildner Caspar Neher. Die Choreografie von George Balanchine, der sich damals nach jähem Ende seiner aktiven Tänzerkarriere anschickte, als Choreograf eine Ikone der Tanzwelt zu werden. Der in St. Petersburg geborene Georgier transformierte, wie man heute sagen könnte, die russische Ballettkunst auf die Bedingungen der USA, des großen Aufnahmelandes aller vor Krieg und Unfreiheit flüchtenden Menschen. Strawinskys Name muss in diesem Zusammenhang ebenfalls genannt werden. Die singende Anna I verkörperte in der Uraufführung mit ihrem eigenen, unvergleichlichen Stil Kurt Weills Ehefrau Lotte Lenya.

Keine Nostalgie – eine moderne Interpretation

Die Dresdner Inszenierung von „Die sieben Todsünden“ unter der Regie von Jörn-Felix Alt lässt sich auf keine nostalgischen Diskussionen ein. Sie strampelt sich frei und engagiert zwei junge Musicaldarstellerinnen. Die singen den sperrigen Brecht-Text aus den späten 1920er-Jahren mit Mikroportunterstützung in der Klangkultur unserer Tage. Mit den Diseusen der 1930er haben sie körpersprachlich und stimmlich nichts gemein – wobei witzigerweise Sophie Berner als die kommentierende und berichtende Stimme Anna I an Gisela May erinnert. Die DDR-Aufnahme mit ihr als Anna ist auf Eterna-Vinyl-LP zu nachhören und wird im Internet hoch gehandelt.Ist das eine – wir sind in Dresden – gewollte Satire? Das sei dahingestellt.

 Jasmin Eberl, Anna II, ist dem Leipziger Publikum aus „Bullets over Broadway“ (2022) und „Jekyll & Hyde“ (2017/2021) in guter Erinnerung. Die Regie stellt beide Figuren auf Augenhöhe. Sie werden umtanzt von einer grässlichen Provinzlersippe, die einem horrorhaften Familienfoto entspringt – hier, wen überrascht es, als singendes Männerquartett.

Kleinbürgerliche Grausamkeit mit Lackierung

Brecht und Weill erzählen auf dem Theater von der Grausamkeit der Kleinbürger, wie sie diesen Menschentyp nannten. Was tut er seinen Kindern an? Er schickt die eigene Tochter weg, um das Eigenheim der Familie zu finanzieren. Das ist eine echte Mißbrauchsgeschichte, die Brecht erzählt. Solche praktizierte Eigenwohl kennt man heute doch auch. Das geht aber in der Inszenierung unter einer „König-der-Löwen-Lackierung“ unter. Alles bleibt im Gefühlsirgendwo – ein bisschen lustig, ein bisschen sexy und kess.

Dem älteren Dessauer Publikum wird die Inszenierung „Die sieben Todsünden“ von und mit Arila Siegert (Regie: Peter Konwitschny) aus dem Jahr 1993 in Erinnerung sein. Diese, mit dem strengen Vokabular des Bewegungstanzes erzählte Fassung, setzte im brechtschen Sinne auf das bis heute Parabelhafte im Schicksal der Annas. Die damals am Anhaltischen Theater als Ballettchefin engagierte Künstlerin hatte „Die sieben Todsünden“ auch in ihrer Dresdner Zeit an der Semperoper selbst getanzt.

Tanzkunst auf höchstem Niveau

Tänzerisch faszinierend war der zweite Teil des Abends. Als Auftragswerk an eine freie Tanzcompagnie vergeben, sollten „Die sieben Todsünden“ von 14 exzellenten Tänzerinnen und Tänzern weitererzählt werden. Ausgewählt wurde dafür die Sebastian Weber Dance Company. Sie ist – auch – eine Stepptanztruppe und hat den in den 1930ern beliebten Revuetanz weiterentwickelt und in eine sehr komplexe Körper- und Bewegungssprache eingebracht.

„100 Leidenschaften“ – Tanz bis zur Erschöpfung.

Die Gruppe tritt wie ein Körper auf und löst sich im nächsten Augenblick wieder in individuellen Momentaufnahmen auf. Eine Plattform auf einem halb mannshohen Gerüst kreist auf der Drehbühne und kann Fluchtort, Ruheraum, Arche oder Fluchtfahrzeug sein. Wenige Stableuchten von oben. Kennzeichnend für die „100 Leidenschaften“ sind Tempo und Drängen, Hämmern und Vorwärts. Dauerndes Vorwärts lässt keine Zeit für die lebenserhaltenden Begegnungen.

Musikalische Brillanz

Die Komposition von Konrad Koselleck ist großartig. Sie entrollt ein wundervoll buntes Klanggewebe aus Free Jazz, brausendem Flamenco-Tanz, Ausbrüchen und zartesten Lyrismen. Diese Ballettmusik lässt Freiräume zu. Unter der musikalischen Leitung von Peter Christian Feigel arbeitet die Staatskapelle Dresden alle Nuancen und Temperamente der Komposition feinnervig heraus und baut daraus, als Angebot für die Tänzer, den eigentlichen Bühnenraum.

Fazit: Ein eindrucksvoller Theaterabend

Erzählt wird von Sünden der Jetztzeit – Not, Vertreibung, Flucht, vielleicht sogar von Rettung. Vieles kann gemeint sein, dem sich ein von seinem Zuhause ausgewiesener, heimatloser Mensch stellen muss. Der eigenen Assoziation des Zuschauers wird freier Raum gelassen. Rettend in diesem chaotischen Vorwärts sind für den Menschen die Begegnungen mit anderen – mal von Dauer, mal nicht.

Dieser zweite Teil lohnt den Theaterbesuch endgültig. Danke der Kurt-Weill-Gesellschaft, ihn in Dessau möglich gemacht zu haben. Das Publkum der Eröffnung dankte mit anhaltendem, besonders herzlichem Beifall.

Annotation

“Die sieben Todsünden / 100 Leidenschaften”. Uraufführung.Als Doppelabend Ballett mit Gesang von Kurt Weill und Bertolt Brecht. Fassung für tiefe Frauenstimme (bearbeitet von Wilhelm Brückner-Rüggeberg). Teil 2: performative Antwort der Sebastian Weber Dance Company mit Musik von Konrad Koselleck. Die Koproduktion mit der Sebastian Weber Dance Company ist ein Auftragswerk der Staatsoperette Dresden. Musikalische Leitung Peter Christian Feigel  Regie:  Jörn-Felix Alt, Bühnenentwurf: Alexandre Corazzola, Kostüme: Vanessa Rust, Dramaturgie: Judith Wiemers, Choreografische Assistenz: Mandy Coleman.

Besetzung

Sophie Berner, Jasmin Eberl, Marcus Günzel, Riccardo Romeo, Gero Wendorff, Gerd Wiemer

Premiere: Staatsoperette Dresden 22.6.2024; besuchte Vorstellung: Gastspiel zur Eröffnung des Kurt-Weill-Festivals Dessau 28.2.2025; veröffentlich: 1.3.2025

Credits

Text; Moritz Jähnig, freier Theaterkritiker, Leipzig

Fotos: © Pawel Sosnowski

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