Uraufführung Bernd Frankes Oper „Coming Up for Air“
Mit der Uraufführung von „Coming Up for Air“ stellte die Oper Leipzig ein neues Werk des Leipziger Komponisten Bernd Franke vor – ein dreiteiliges Musiktheater, das drei voneinander entfernte Lebensgeschichten über mehr als ein Jahrhundert hinweg miteinander verbindet.
Von Moritz Jähnig

Drei Schicksale zwischen Paris, Norwegen und Kanada
Im Mittelpunkt steht das Motiv des Atemholens: im wörtlichen wie im metaphorischen Sinn. Menschen geraten in Situationen existenzieller Bedrohung, in denen ihnen buchstäblich oder seelisch die Luft genommen wird und in denen sie versuchen, wieder „aufzutauchen“.
Das Libretto von Jessica Walker nach dem gleichnamigen Roman der kanadischen Autorin Sarah Leipciger führt in drei verschiedene Zeiten und Orte. Die erste Handlungsebene spielt im Paris des Jahres 1898. Hier steht eine junge Frau im Mittelpunkt, die später als die legendäre „Unbekannte aus der Seine“ in die Geschichte eingehen wird. In der Oper erhält diese rätselhafte Figur eine Biografie: Sie erlebt eine leidenschaftliche Liebesbeziehung zu der ehrgeizigen Axelle, gerät jedoch in ein Geflecht aus Eifersucht, Gewalt und sozialem Druck. Homosexualität zwischen zwei Frauen dort zwar nicht verboten, aber – denunzierbar. Die Katastrophe endet mit ihrem Sprung in die Seine.
Der zweite Handlungsstrang führt nach Norwegen in die frühen 1950er Jahre. Der Spielzeugmacher Pieter lebt dort mit seinem kleinen Sohn. Als der Junge bei einem Ausflug im Fjord ertrinkt, bricht für den Vater eine Welt zusammen. Aus der Trauer heraus entwickelt er eine Idee, die Leben retten soll: eine Übungspuppe für Wiederbelebungsmaßnahmen. Ihr Gesicht formt er nach der berühmten Totenmaske der „Unbekannten aus der Seine“.
Die dritte Ebene spielt im Jahr 2015 in einem Krankenhaus in Toronto. Die junge Journalistin Anouk leidet an Mukoviszidose und wartet auf eine Lungentransplantation. Während sie zwischen Hoffnung und Angst um ihr Leben ringt, verbindet sich ihre Geschichte mit den beiden historischen Schicksalen – über das Gesicht der Übungspuppe, an der sie einst erste Atemübungen lernte. So entsteht eine lose, doch symbolisch aufgeladene Kette von Ereignissen, in der Verlust, Erinnerung und Rettung miteinander verwoben sind.

Bühne und Bildräume
Die Inszenierung von Florentine Klepper setzt diese drei Zeitebenen in einem bewusst reduzierten Bühnenraum um. Das Bühnenbild von Dirk Becker nutzt eine Drehbühne mit verschiedenen Segmenten, die jeweils eine der Welten markieren: das sterile Krankenhauszimmer der Gegenwart, die Werkstatt des norwegischen Tüftlers und das elegante, leicht morbide Paris der Belle Époque.
Durch die Drehbewegung und parallele Spielsituationen werden die Räume immer wieder miteinander verschränkt. Szenen aus unterschiedlichen Zeiten erscheinen nebeneinander oder überlagern sich, sodass die Figuren gleichsam in einem gemeinsamen Erinnerungsraum agieren.
Die Kostüme von Anna Sofie Tuma sorgen für historische Orientierung. Während das Pariser Milieu des Fin de Siècle mit opulenter Eleganz ausgestattet ist, wirken die norwegischen Szenen mit viel Filz nüchtern und funktional, und die Gegenwart bleibt klinisch schlicht. Videoeinspielungen von Philipp Ludwig Stangl erweitern die Szenerie um Projektionen von Wasserflächen, Lichtreflexen und abstrakten Bewegungsformen. Diese Bilder greifen das Leitmotiv des Atemholens und Auftauchens auf und verleihen der visuellen Gestaltung eine bewusst fließende, leicht entrückte Qualität.
Die Wirklichkeit erscheint darin gleichsam unscharf , so wie beim Öffnen der Augen unter Wasser ohne Tauchbrille, wenn Konturen verschwimmen und die Welt nur noch als bewegtes, schimmerndes Gefüge wahrnehmbar ist.

Frankes Musik: Klangströme und große Geste
Bernd Franke verfolgt mit dieser Oper einen bewusst emotionalen Zugriff auf das Musiktheater. Seine Partitur verzichtet auf strenge Avantgardeästhetik und setzt stattdessen auf eine expressive, farbenreiche Orchesterbehandlung.
Das Gewandhausorchester entfaltet unter der Leitung von Matthias Foremny einen breit strömenden Klang, der immer wieder an filmmusikalische Dramaturgie, in der alles fließt und schwimmt oder an sinfonische Traditionen des 20. Jahrhunderts erinnert.
Schon der Beginn zeichnet ein klangliches Bild von Wasserbewegungen: flirrende Streicherflächen, aus denen einzelne Instrumente – Cello, Trompete oder Bassklarinette – wie Luftblasen aufsteigen. Solche orchestralen Gesten ziehen sich leitmotivisch durch das Werk.
Franke schreibt für großes Orchester und nutzt dessen Möglichkeiten intensiv. Voll und dicht klingende Streicher, leuchtendes Blech und markantes Schlagwerk, besonders das exponierte Xylophon prägen das Klangbild. Die musikalischen Schichten der drei Zeitebenen erhalten jeweils eigene Farben, ohne dass sie strikt voneinander getrennt würden. Vielmehr fließen auch sie immer wieder ineinander über.
Der Gesang bewegt sich meist in einem ariosen Stil. Die Linien sind weit gespannt, kantabel und gut singbar, wodurch die Figuren emotional unmittelbar wirken. Besonders im Schluss der Oper, wenn Anouk nach ihrer überstandenen Operation einen jubelnden Gesang des Weiterlebens anstimmt, erreicht die Musik eine beinahe spätromantische Expressivität. Auch der Chor mit enormer Präsenz und Klangfülle folgt großen Vorbildern der Opernliteratur.
Ensembleleistung und musikalische Wirkung
Das Gewandhausorchester erweist sich als tragendes Fundament dieser Partitur. Mit großer Präzision und klanglicher Geschmeidigkeit setzt es Frankes differenzierte Instrumentation um und schafft einen kraftvollen, oft überwältigenden Klangstrom. Gleichzeitig sorgt Foremny dafür, dass die Sängerinnen und Sänger genügend Raum behalten.
Unter den Solisten prägt besonders der Bariton Franz Xaver Schlecht als Pieter die Aufführung mit intensiver Darstellungskraft. Samantha Gaul gestaltet die geheimnisvolle „Unbekannte“ mit lyrischem Sopran und verletzlicher Ausstrahlung, während Gabrielė Kupšytė der kranken Journalistin Anouk eine warme, eindringliche Stimme verleiht. Die vielen solistischen Partien sind durchweg sehr gut besetzt.
Am Ende steht ein Werk, das weniger auf dramatische Verdichtung als auf emotionale Resonanz setzt. Die drei Geschichten werden durch Frankes Musik zusammengeführt. Das Leipziger Publikum reagierte darauf mit lang anhaltendem Applaus. Nehmen wir das als Zeichen dafür, dass dieses Musiktheater vor allem eines erreicht: den Moment des Atemholens, den sein Titel verspricht.
Alles gut? Natürlich nicht. Zeitgenössisch ist dieses als emotional apostrophierte Musiktheater nicht. Es ist dreimal weich gespühlt, um auch vom letzten Rest politischer Relevanz rein zu sein. Es markiert menschliche und sozial Not. Aber es Aber es setzt beim Tauchgang sich und uns nicht die Brille auf.
Annotation
“Coming Up for Air”, Oper in drei Akten von Bernd Franke, Libretto von Jessica Walker nach dem Roman von Sarah Leipciger, Welt-Uraufführung. Oper Leipzig. Musikalische Leitung: Matthias Foremny, Inszenierung: Florentine Klepper, Bühne: Dirk Becker, Kostüme: Anna Sofie Tuma, Video: Philipp Ludwig Stangl, Dramaturgie: Marlene Hahn
Besetzung
L’Inconnue: Samantha Gaul, Anouk: Gabrielė Kupšytė, Nora: Marie-Luise Dreßen, Pieter: Franz Xaver Schlecht, Madame Debord: Ulrike Schneider, Axelle Paquet: Maya Gour, Nicolas: Einar Dagur Jónsson, Laurent Tardieu: Randall Jakobsh, Anouk’s Doctor / Dr. Miller: Sejong Chang, Dr. Wolf: Matthias Stier, Mme Paquet: Kamila Dziadko, Bear, Pieters Sohn Lina Evans / Aaron Klatt
Credits
Besuchte Vorstellung Uraufführung am 14.3.2026; veröffentlicht 16.3.2026
Text: Moritz Jähnig, freier Theaterkritiker, Leipzig
Fotos: © Kirsten Nijhof
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