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Dresden/Semperoper: Zwischen Klangrausch und szenischer Zumutung

Dresden/Semperoper: Zwischen Klangrausch und szenischer Zumutung

Neuinszenierung des „Parsifal“ in der Regie von Floris Visser

40 Jahre nach der legendären Dresdner „Parsifal“-Inszenierung von Theo Adam kennt Floris Visser keine Zurückhaltung und erschreckt wie begeistert mit entmythologisierendem Regieansatz das Publikum. Diskussionsstoff also bei der Erzählung des Inhalts. Musikalisch festigt Chefdirigent Daniele Gatti vehement seinen Ruf als Wagner-Spezialist.

Von Moritz Jähnig

Szene Parsifal, 2. Auufzug

Musikalischer Aufbruch aus der Stille

Die musikalische Seite dieses Dresdner „Parsifal“ beginnt zunächst verhalten, beinahe tastend. Der Wagner-Spezialist Daniele Gatti am Pult der Sächsische Staatskapelle Dresden entfaltet das Werk in großzügig gedehnten Zeitmaßen, die nach dem Vorspiel noch von Zurückhaltung geprägt sind, bald jedoch in eine weit ausschwingende, atmende Klanglinie münden. Über den Verlauf des Abends hinweg, insbesondere im zweiten und vor allem im dritten Aufzug, verdichtet sich unter seinem Dirigat die musikalische Struktur zu wachsender innerer Spannung. Orchestrale Transparenz und fein abgestufte Dynamik verbinden sich zu jener suggestiven Dichte, die Wagners Partitur im Kern trägt und den Hörer weit über den Abend hinaus beschäftigt.
Die Sächsische Staatskapelle Dresden erweist sich dabei einmal mehr als Ensemble von außergewöhnlicher Geschlossenheit und klanglicher Wandlungsfähigkeit.

Gurnemanz als ruhender Pol

Die Semperoper ist in der komfortablen Lage, sämtliche Partien sowohl gesanglich als auch darstellerisch auf hohem Niveau zu besetzen. Besonders prägnant gestaltet Georg Zeppenfeld den Gurnemanz mit kultivierter Ruhe und beeindruckender Textdeutlichkeit. Seine Stimme behält auch in leisen Passagen Tragfähigkeit und Autorität, ohne je ins Pathos zu verfallen; seine langen Erzählungen gewinnen gerade aus dieser Zurücknahme ihre eindringliche Wirkung.

Kundry zwischen Absturz und Emanzipation

Ungeheuer schillernd gerät die Kundry in der Interpretation von Michèle Losier. Die Figur erscheint hier nicht als durchtriebene Zauberin, sondern als eine von Überdruss und Erschöpfung gezeichnete Nutte in roten Overknee-Stiefeln, die im Gotteshaus Zuflucht sucht und dort zur Heroinnadel greift.
Losier durchmisst diese vielschichtige Partie mit großer darstellerischer Präsenz zwischen Verführung, Verzweiflung und existenzieller Müdigkeit. Gerade diese Erschöpfung vermag ihr reifer Mezzo von betörender Schönheit zu gestalten. Besonders im mittleren Register entfaltet die Stimme eine warme, sinnliche Farbigkeit, während das Dämonische bewusst zurückgenommen bleibt. So gehört Kundry die eindrücklichste Entwicklung des Abends: die Darstellung einer Frau, die sich Schritt für Schritt aus inneren wie äußeren Abhängigkeiten zu lösen beginnt.

Überzeichnung und Kontrollverlust

Lässt sich Entmythologisierung als Regieprinzip an Kundry überzeugend belegen, sind andere Figuren bis zum Comic überzeichnet.
Klingsor – Scott Hendricks ist in der Partie gesanglich ein Erlebnis – entmannt sich selbst und wirft seine Hoden dem gefallenen Erzengel Luzifer vor die Füße. Aufschießende Angstphantasien berauben dieser Szene jedwedes weihevolle Gefühl. Sie ist aber auch ein klein wenig zum Lachen.

Ein Parsifal unserer Zeit?

Der Eindruck der Parsifal-Figur in der Interpretation von Eric Cutler bleibt ambivalent. Sein Tenor verfügt über eine angenehm lyrische Grundfarbe und entwickelt – so erlebt besonders gegen Ende des zweiten Aktes – eine Strahlkraft, die den Zuhörer unmittelbar erfasst und überzeugt.
Parsifal betritt die Szene als Jugendlicher von heute lässig in casual wear (Kostüme Jon Morell). Gleichwohl bleibt die innere Wandlung der Figur, der Weg vom naiven Toren zum erkennenden Erlöser, eher angedeutet als wirklich durchlebt. Diese Lesart ist gedanklich schlüssig, findet jedoch weder szenisch noch vokal zu einer durchgehend überzeugenden Entfaltung.

Regie als Entweihung des Rituals

„Parsifal“ markiert das Semperoper-Debüt des 1983 in Amsterdam geborenen Regisseurs Floris Visser. Nach einem Studium der Schauspielregie in Maastricht sowie des Gesangs in Den Haag wurde er früh international wahrgenommen.
Visser gehört zu jener Generation von Opernregisseuren, die das Repertoire nicht bewahren, sondern in gegenwärtige Erfahrungsräume überführen. Seine Arbeiten verbinden bildstarke Theatralik mit psychologischer Präzision und lassen bewusst Raum für Mehrdeutigkeit. Musik ist für ihn kein sakraler Klangraum, sondern dramatische Triebkraft.

Diese Perspektive ist für die Betrachtung der Inszenierung wesentlich. Sein „Parsifal“ benötigt keine technischen Hilfsmittel zur Aktualisierung und steht auch nicht mehr in direkter Tradition zu Theo Adam. Wo dieser eine geschlossene religiöse Sinnwelt entwarf, löst Visser das Werk radikal aus der Sphäre des „Bühnenweihfestspiels“. Hier wird nicht zelebriert, sondern ausgestellt – Theater über Theater.

Bilder einer aus den Fugen geratenen Welt

Die zentrale Rolle eines Vermittlers übernimmt eine Knabenfigur, die als praefectus ludi durch alle drei Akte führt. Diese stumme, aber prägende Rolle wird von Hennes Neuber eindrucksvoll gestaltet.
Das Bühnenbild von Frank Philipp Schlößmann entwirft eine ruinöse Kirchenarchitektur als Projektionsfläche einer aus den Fugen geratenen Welt. In Verbindung mit den Videoprojektionen von Will Duke überlagern sich religiöse Symbolik und politische Gegenwart: marschierende Gewalt, Bedrohungsszenarien, Protestplakate. Am Vorabend der Ostermärsche Dresden 2026 erscheinen politische Chiffren, selbst der Name Trump blitzt auf.

Die Überblendung von Mythos und Gegenwart erfolgt ohne Zurückhaltung. Eine verstörende Szene, in der ein Säugling anstelle des Grals zum Altar getragen wird, markiert exemplarisch den Zugriff der Regie.

Irritation statt Erlösung

Der demonstrativ katholisch aufgeladene Bildkosmos – Prozessionen, Weihrauch, Engelserscheinungen – kippt wiederholt ins Groteske, bis hin zur comicartigen Überzeichnung. Die Inszenierung verweigert sich bewusst der Distanz und zwingt zur Stellungnahme.
Vor dem Hintergrund einer von Krisen und politischen Spannungen geprägten Gegenwart erscheint dieser „Parsifal“ als Versuch, tradierte Erlösungserzählungen zu dekonstruieren. Der Abend gibt keine Antworten, sondern zeigt eine Welt, in der selbst die Sehnsucht nach Heil brüchig geworden ist.

So entsteht ein „Parsifal“, der weniger erhebt als irritiert – ein Abend zwischen klanglicher Größe und szenischer Zumutung, der gerade in seiner bewussten Unausgewogenheit den Nerv der Gegenwart trifft.

Annotation

“Parsifal”, Bühnenweihefestspiel in drei Akten von Richard Wagner. Semperoper Dresden. Inszenierung Floris Visser, Bühnenbild Frank Philipp Schlößmann, Kostüme Jon Morell, Licht Malcolm Rippeth, Video Will Duke, Choreografie Demi Wals, Choreinstudierung Jan Hoffmann, Kinderchoreinstudierung Claudia Sebastian-Bertsch, Dramaturgie Jörg Rieker, Martin Lühr, Kinderchor der Semperoper Dresden, Sächsischer Staatsopernchor Dresden, Sinfoniechor Dresden – Extrachor der Semperoper, Sächsische Staatskapelle Dresden

Besetzung

Amfortas: Oleksandr Pushniak

Titurel: Albert Dohmen

Gurnemanz: Georg Zeppenfeld

Parsifal: Eric Cutler

Klingsor: Scott Hendricks

Kundry: Michèle Losier

1. Gralsritter: Mario Lerchenberger

2. Gralsritter: Tilmann Rönnebeck

1. Knappe: Jasmin Delfs

2. Knapp: Ekaterina Chayka-Rubinstein

3. Knappe: Aaron Godfrey-Mayes

4. Knappe: Jin Yu

Blumenmädchen: Jasmin Delfs, Rosalia Cid, Winona Martinm, Magdalena Lucjan, Elena Gorshunova, Ekaterina Chayka-Rubinstein

Stimme aus der Höhe: Michal Doron

Ein Kind: Hennes Neubert

Ein alter Mann: Rainer Westphal

Eine Pflegerin: Karola Scholze

Credits

Premiere 22.3.2026; besuchte Vorstellung Karfreitag, 3.4.2026; veröffentlicht 5.4.2026

Text: Moritz Jähnig, freier Theaterkritiker Leipzig, Herausgeber

Fotos: © Semperoper Dresden/Jochen Quast

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