Angela Denoke inszeniert Giuseppe Verdis „Un ballo in maschera“ („Ein Maskenball“)
In der Statistik wird das Werk meist sowohl unter seinem italienischen Originaltitel als auch unter dem deutschen Namen „Ein Maskenball“ geführt. Durch die Mischung aus politischem Thriller, emotionalem Eifersuchtsdrama und musikalischem Facettenreichtum greifen Regisseure und Regisseurinnen immer wieder gerne darauf zurück. Man braucht es nicht zu aktualisieren. Seine politische Brisanz und ihr aktueller Zeitbezug liegen immer auf der Hand. Die Premiere der Neuinszenierung an der Sächsischen Staatsoper Dresden besuchte
Moritz Jähnig

Opulente Bühnenoptik
Ohne Wenn und Aber beeindruckend ist die Bühnenarchitektur, die Timo Dentler und Okarina Peter für die Neuinszenierung geschaffen haben. Man erinnert sich in dem Zusammenhang an 2024, den Raum in Semper 2 für Robert Wilson.
2026 hat das Gestalter-Duo eine wahre Preziose auf die barocke Semper-Bühne gestellt: zugleich Zirkuszelt, Varieté und Palast. Genial verschränken sich die Wände, drehen sich ineinander und umeinander, eröffnen spannungsvolle Winkelbeziehungen. Türen öffnen sich weit in einen von Sternen funkelnden Kosmos, raumhohe Vorhänge verbergen im Alkoven die Geheimnisse der Liebe. Türkis steht dominant neben Goldbraun, was die Farben des Zuschauerraums aufgreift.
Diese opulente Optik ist das besondere Geschenk, das „Un ballo in maschera“ dem Publikum in Elbflorenz macht.
Auch die Kostüme bezaubern mit einer manigfaltigen Phantasiewelt. Zwei Figuren mit einem Fisch als Hut sitzen bereits vor Beginn auf der Bühne und rauchen. Das lässt sich als surreales Zeichen für die einstige wirtschaftliche Bedeutung des Kabeljaufangs im Boston Harbor lesen: Damals wurde der Kabeljau zum heiligen Fisch von Massachusetts. Heute alles Geschichte. Aber jeder im Publikum weiß ab da: in Dresden wird die sogenannte Boston-Fassung gespielt.
Unklare Personenanlage
Angela Denoke ist eine Sängerin mit internationaler Karriere, die sich seit 2021 der Opernregie widmet, wobei sie ihre Erfahrungen aus dem Regietheater der neunziger und nuller Jahre einbringt. Im Programmheft sind von ihr viele analytische Überlegungen nachzulesen. Ihre Figuren erzählen davon ablesbar wenig. Die Chorführung – einstudiert von Jan Hoffmann, das Ensemble singt grandios – beschränkt sich weitgehend auf das Gehen nach vorn und wieder zurück.

Sängerleistungen der Spitzenklasse
Renato folgt für sich einem Konzept „Leidenschaft pur“. In der Darstellung Germán Enrique Alcántaras verbindet sich mit der baritonalen Noblesse eine jede Ambivalenz wegfegende leidenschaftliche Entschiedenheit: Sobald Renato erkennt, dass sein Freund seine Frau begehrt, ist für ihn der Tatbestand des Verrats erfüllt. Sein Stimmklang wird hart, schneidend, entschieden. Man hört den Seitenwechsel, den er vollzieht. Ein gelungenes Hausdebüt für den 39-jährigen Argentinier.
Strahlend und mit sicheren Spitzentönen liefert Francesco Meli einen gesanglich souveränen, in der Figurenhaltung allerdings zu offen bleibenden Riccardo. Die australische Spitzensopranistin Nicole Car wurde für ihre gesangliche Leistung als Amelia vom Premierenpublikum gefeiert.
Rosalia Cid ist ein perfekter Oscar: frei von jedem soubrettenhaften Getändel, völlig selbstverständlich in der Figur. Ihre strahlende Koloraturstimme zwitschert nicht einfach wie ein Vöglein vor sich hin, sondern wie eines, das das Leben kennt.
Der markanten Partie der Ulrica verleiht russisch-stämmige Sängerin Yulia Matochkina mit vollem, mezzosängerischem dramatisches Gewicht: „Re dell’abisso“. Die Vielschichtigkeit der Figur – in der Boston-Fassung ist sie eine Schwarze – bleibt allerdings verschenkt, wenn sie als skurrile Jahrmarktszauberin im Paillettenrock angelegt wird.
Gelungen sind die beiden Verschwörer, die zwei Gesichter der Aggressivität zeigen: Tilmann Rönnebeck verleiht dem Tom eine ernste, kontrollierte Seriosität, während der Urkomödiant Vladyslav Buialskyi als schlaksiger Gegenpart gerade dadurch umso gefährlicher wirkt.
Selbstverständlich spielt die Staatskapelle Verdis Musik glänzend, selbstverständlich dirigiert Daniele Gatti seine nach „Falstaff“ zweite Dresdner Verdi-Oper souverän. Irritierend blieb in der Premiere allein eine gewisse Scheu im Dirigat: Gatti stürmt nicht, dem Feuervogel gleich, den wechselnden Gefühlen voran, er zögert, hält sich zurück, bleibt verhalten, als besinne er sich.
Bei allen Anmerkungen ist ein Theaterabend voll Wohlklang zu erleben.
Annotation
„Un ballo in Maschera“, Giuseppe Verdi, Melodramma in drei Akten, Libretto von Antonio Somma; Semperoper Dresden.
Musikalische Leitung: Daniele Gatti, Inszenierung: Angela Denoke, Mitarbeit Regie: Fabio Toraldo, Bühne & Kostüme: Timo Dentler, Okarina Peter, Licht: Fabio Antoci, Chor: Jan Hoffmann, Dramaturgie: Jörg Rieker
Besetzung
Riccardo: Francesco Meli
Renato: Germán Enrique Alcántara
Amelia: Nicole Car
Ulrica: Yulia Matochkina
Oscar: Rosalia Cid
Silvano: David Roy
Tom: Tilmann Rönnebeck
Samuel: Vladyslav Buialskyi
Un Giudice: Frank Blümel
Un Servo d’Amelia: Meinhardt Möbius
Sächsischer Staatsopernchor Dresden,
Sächsische Staatskapelle Dresden
Credits
Premiere und besuchte Vorstellung 4.10.2026; veröffentlicht 5.10.2026
Fotos: © Semperoper Dresden/Jochen Quast
Text: Moritz Jähnig, freier Theaterkritiker, Leipzig
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