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Gera:  просто красиво

Gera: просто красиво

Einfach schön – Ballettabend „Rachmaninov – Zwischen den Welten“ von Jiří Bubeníček

Der neue Ballettabend am Theater Gera Altenburg sendet viele Anregungen, stimmt nachdenklich über unser in einer Spirale von Zeitenwenden zu stecken Leben heute und erledigt die Aufgabe, die Theater in jedem Falle immer mit erledigen muss: es unterhält sein Publikum.

Von Moritz Jähnig

Ein Höhepunkt des Abends. Szene aus dem zweiten Teil des Ballettabends „Rachmaninov – Zwischen den Welten“ mit Fernando Calatayud Panach, Melissa Escalona Gutierrez und Pablo Bueno Tierz (v.l.)

Zwischen Ekstase und Realismus

Jiří Bubeníček gilt als choreografischer Fabulierer, als Erzähler im Tanz. Dieses Etikett hat er sich spätestens in Gera mit seinem Stück „Anita Berber – Göttin der Nacht“ verdient. In dem 2016 vom Thüringer Staatsballett uraufgeführten Werk kombinierte Jiří Bubeníček gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Otto, damals Tänzer am Hamburger Staatsballett (hier Ausstattung), Momente aus dem Leben der für ihren ekstatischen Nacktanz gefeierten Ballerina Anita Berber mit der kompromisslosen Bildsprache des Malers Otto Dix, der seiner thüringischen Heimat stets verbunden blieb.

Sergej Rachmaninow: Ein Leben zwischen den Welten

Auch Bubeníčeks jüngste Choreografie, „Zwischen den Welten“, feiert ein außergewöhnliches Künstlertum, das sich in expressiver Komposition entfaltet und tiefe Stimmungen evoziert.

Der Titel spielt vieldeutig auf das Leben Sergej Wassiljewitsch Rachmaninows an: geboren in den russischen Adel, sein Vater war Ex-Militär, die stets kränkelnde Mutter brachte Landbesitz mit in die Ehe, prägte das Leben auf dem Landgut Semjonowo bei Staraja Russa im Gouvernement Nowgorod – 600 km von Moskau, 300 km von St. Petersburg entfernt den sensiblen, begabten Jungen. Der Vater befasste sich mit irgendetwas, die verschlossene Mutter kränkelte, der ältere Bruder machte Schulden wie der Vater, und der jüngere soll stinkend faul gewesen sein. Allein die Großmutter bot innere Heimat und Schutz.

Oktoberrevolution. Die Budjonny-Armee attakieren die Glocke.


Der Klang der Glocken und die Sprache der Seele

Chorgesang orthodoxer Messen und Glockenklänge durchdrangen seine Kindheit und prägten unauflöslich seine musikalische Sprache. Früh erkannte man seine Begabung: Trotz finanzieller Not sandte die Familie ihn an das Konservatorium von St. Petersburg, später nach Moskau. Dort protegierte ihn niemand Geringerer als Pjotr Tschaikowski, der 1873 Rachmaninows ersten Operneinakter „Aleko“ dem Bolschoi zur Uraufführung empfahl.

Triumph und Tragödie eines Künstlers

Doch der Weg war nicht einfach. Nach dem vernichtenden Misserfolg seiner 1. Sinfonie 1897 – Alexander Glasunow, der Dirigent der Uraufführung, soll alkoholisiert gewesen sein – verfiel Rachmaninow in eine schwere Depression, die ihn jahrelang vom Komponieren abhielt. Der Erste Weltkrieg, der Zusammenbruch des zaristischen Russlands und schließlich die Oktoberrevolution zwangen ihn 1917 ins amerikanische Exil. In Beverly Hills fand er zwar wirtschaftlichen Erfolg als Konzertpianist. Er konnte bis zu seinem Tode 1943 seine Familie gut versorgen und hunderte russische Emigranten mit namhaften Summen unterstützen. Doch als Komponist verstummte er zunehmend: Der russische Geist, seine schöpferische Quelle, blieb unerreichbar fern.

Tanz als Statement in bewegten Zeiten

In Bubeníčeks „Zwischen den Welten“ begegnet das Geraer Publikum einem Werk, das sich ebenso mit historischen Umbrüchen wie mit gegenwärtigen Verwerfungen auseinandersetzt. In einer Zeit, da angesichts des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine vielerorts russische Kunst pauschal verurteilt wird, wirkt diese Inszenierung wie ein stilles Plädoyer für Differenzierung und Humanität. Europa wankt heute unter den Lasten einer neuen Zeitenwende ähnlich wie Russland zu Beginn der Oktoberrevolution. Dass das Thüringer Staatsballett diese Uraufführung als Auftragschoreografie mit ungebrochener Selbstverständlichkeit auf die Bühne bringt, ist in sich bereits ein starkes kulturpolitisches Zeichen.

Heldenposen. Pablo Bueno Tierz, Melissa Escalona, Fernando Calatayud Panach v.l.

Von Birken, roten Fahnen und bunten Zigeunerröcken

Der Theaterabend ist zweigeteilt. In Akt I – Erinnerungen fabuliert Jiří Bubeníček zentrale biografische Stationen Rachmaninows: die Sehnsucht nach Rückzug aufs Land, die familiären Verstrickungen, die musikalischen Erfolge, das Glasunow-Desaster, die Liebe zu seiner Cousine Natalja Alexandrowna Satina, die, selbst Pianistin, ihn lebenslang unterstützte.

Eindrucksvoll inszeniert Bubeníček die politischen Umbrüche: Birkenstöcke, eben noch Sinnbilder russischer Idylle, werden zu zerstörerischen Knüppeln. Eine Glocke, zeremoniell aufgehängt an einem Birkenholzgestell, wird später mit der roten Fahne drapiert und kündet vom Umsturz. Unterstützt durch das solidarische Handeln anderer, flieht das Ehepaar aus diesem Russland. Manche Bilder und Szenen, so der rasante „Tanz der Zigeunerin“ aus „Aleko“, wirken plakativ. Tänzerinnen und Tänzer formieren sich zu sperrigen Gruppenpo, die an sowjetische Kriegerdenkmäler erinnern.

Nach der Pause folgt eine glanzvolle Gala: Virtuos präsentiert das Thüringer Staatsballett Sätze aus dem 2. Klavierkonzert. In wenigen, dafür intensiven Soli, vor allem aber in Zweier- und Dreiergruppen zeigt sich ein emotionales Spannungsfeld zwischen Nähe und Distanz. Nach dem Einzel wirbelt das Ensemble wieder kraftvoll durch die Leere des Raums.

Moderne Körpersprache und neoklassische Tanzsprache verbinden sich organisch, abgestimmt auf die individuellen Stärken der Solistinnen und Solisten. Der Blick des Choreografen für seine Tänzer muss erwähnt werden.

Leider: die Musik wird vom Band eingespielt, doch klug mit Atmosphäre eingerichtet, so dass der Eindruck eines unmittelbaren Erlebnisses entsteht.

Technik, Industriekultur und die Poesie der Reduktion

Die Ausstattung für „Rachmaninow – Zwischen den Welten“ stammt von Nadina Cojocaru, einer international tätigen Künstlerin und Choreografin, die seit Jahren eng mit dem Tschechen Bubeníček zusammenarbeitet. Neben anderem kennt man sie hierzulande aus der Coronazeit durch ihr Videokonzept „Tanzgedichte aus der Stille“ von 2020/21, gefördert von der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen und getanzt von Bubeníček selbst, der zwischen 2006 und 2015 als Erster Solist an der Semperoper Dresden brillierte.

Cojocarus Bühnenbild beeindruckt. Einleuchtende Details und Zeichenhaftigkeit kombiniert mit kühler Reduktion. So dominiert in Akt II als einziges szenisches Moment eine technizistische Scheinwerferwand den Hintergrund des leeren und aufnahmebereiten Raums.

Moderner Tanzstil. Szene mit Emelie Menezes de Siqueira, Carlos, Eduardo Boeira

Ein Abend, der nachhallt

Die „Tanzgedichte“ sind im Internet als Video auffindbar. Wer es ansieht und wer das 2. Klavierkonzert von Sergej Rachmaninow vor oder nach der Vorstellung anhört, wird den vielschichtigen emotionalen Kosmos dieses Abends noch umfassender ergründen können.

Tiefe reverence den Solisten und dem großartigen Corps de Ballet.

Annotation

„Rachmaninov – Zwischen den Welten“. Ballett über das Leben und Wirken von Sergei Rachmaninov, Uraufführung eines Austragswerkes des Theaters Gera Altenburg, Konzept und Choreografie: Jiří Bubeníček, Bühne und Kostüme: Nadina Cojucaru, Dramaturgie: Liubov Morozova, Dr. Peter Larsen, Ballettmeister:innen: Alina Dogodina, Laura Bruna Rubio, Davit Vardanyan, Korrepetition: Simon-Laura Hanga, Masako Katano-Dorsch

Besetzung

Akt I – Erinnerungen
Sergei Rachmaninov: Fernando Calatayud Panach / Carlos Eduardo Boeira
Natalja Satina (Rachmaninovs Ehefrau): Julia Figueras Ramirez / Emilie Menezes de Siqueira
Nikolaj Swerew (Rachmaninovs Klavierlehrer): Carlos Eduardo Boeira / Giovanni Cancemi
Vera Skalon (Rachmaninovs erste große Liebe): Aiste Stankeviciute / Jéssyca Rett
Anna Ladijenska (eine Romni): Emilie Menezes de Siqueira / Stefania Mancini
Alexander Glasunow (Dirigent der 1ƒ. Sinfonie): Carlos Eduardo Boeira

Akt II – Konzert
Erster Satz:
Solisten:innen: Julia Figueras Ramirez, Emilie Menezes de Siqueira, Kristina Luzina,
Mana Matsamura, Giovanni Cancemi, Fernando Calatayud Panach, Carlos Eduardo Boeira,
Cristian Emanuel Amuchastegui
Zweiter Satz:
Solisten:innen: Melissa Escalona Gutierrez, Fernando Calatayud Panach, Pablo Bueno Tierz
Dritter Satz:
Solisten:innen: Mana Matsamura, Melissa Escalona Gutierrez, Emilie Menezes de Siqueira,
Julia Figueras Ramirez, Kristina Luzina, Fernando Calatayud Panach, Pablo Bueno Tierz,
Carlos Eduardo Boeira

Thüringer Staatsballett, Eleven des Thüringer Staatsballetts

Credits

Premiere 11.4.2925; besuchte Vorstellung 25.4.2025; veröffentlicht 27.4.2025

Text: Moritz Jähnig, freier Theaterkritiker, Leipzig; Herausgeber Kunst und Technik Magazin

Foto: © Ronny Ristok

Slider: Dorffrauen. Szene mit Jéssyca Rett, Mana Matsumara, Kristina Luzina, Jeanne Bouvier, Emma Mills

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