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Gewandhaus Leipzig: Schrei gegen Gewalt und Lüge

Gewandhaus Leipzig: Schrei gegen Gewalt und Lüge

Schostakowitsch Festival 2025 – 13. Sinfonie aufgeführt mit dem österreichischen Solisten Günther Groissböck

19. Festivaltag – im Gewandhaus erklangen:

Dimitri Schostakowitsch „Passacalia“ aus „Lady Macbeth von Mzensk“ op.29 (Orgelfassung) gespielt von Michael Schönheit

Dimitri Schostakowitschs 2. Konzert für Violine und Orchester cis-Moll op.129, Solistin Baibe Skride

Dimitri Schostakowitsch 13. Sinfonie b-Moll op. 113 („Babi Jar“)

Gedanken zur Interpretation der 13. Sinfonie

Mit Dmitri Schostakowitschs 13. Sinfonie stand ein Werk auf dem Programm des Gewandhauses, das bis heute verstört, bewegt und aufwühlt. Entstanden im Jahr 1962, basiert die Sinfonie auf Gedichten des damals jungen Lyrikers Jewgenij Jewtuschenko. Dessen berühmtestes Gedicht, „Babi Jar“, bildet den ersten Satz des Werkes und thematisiert das Massaker an über 33.000 jüdischen Männern, Frauen und Kindern im September 1941 in einer Schlucht bei Kiew – ein Kriegsverbrechen, das die sowjetische Geschichtsschreibung zwei Jahrzehnte lang ignorierte.

Jewtuschenkos mutiger Text, der nicht nur die Gräueltaten der deutschen Besatzer ansprach, sondern auch den Antisemitismus in der Sowjetunion benannte, wurde in der UdSSR schnell zum Politikum. Dass Schostakowitsch ausgerechnet diesen Text vertonte – in einer Zeit, in der er selbst kurz zuvor der KPdSU beigetreten war, offenbar unter starkem Druck (?) – war ein künstlerisches Wagnis. Zwischen subtiler Kritik und der Notwendigkeit propagandistischer Zugeständnisse, ist seine Musik ein codierter Schrei: gegen Gewalt, gegen Lüge, für Menschlichkeit.

Klangliche Wucht und innere Spannung: Andris Nelsons’ Lesart

Andris Nelsons präsentierte die 13. Sinfonie in einer Mischung aus analytischer Schärfe und emotionaler Tiefe. Die minutiöse Probenarbeit mit dem Gewandhausorchester war in jedem Takt hörbar. Nelsons bewies auch hier wieder sein exzellentes Gespür für die architektonische Spannung, in dieser Sinfonie für ihre düstere Wucht ebenso wie ihre ironisch gebrochenen Momente und ihre ganz leisen, fast verhallenden Passagen.

Vor allem die dynamische Bandbreite beeindruckte: flüsternde Pianissimi, die beinahe zum Verstummen neigten, standen eruptiven Tutti gegenüber, deren Wucht ins Gewandhaus schmetterte wie ein Faustschlag. Es war ein Dirigat frei von Show, mit Respekt vor der Aussage des Werkes.

Ein Bass mit Haltung: Günther Groissböck

Mit der sich auf der Grundlage seines breiten Spektrums – er ist auch der Ochs von Lerchenau an der Wiener Staatsoper – ergebenden Stimmerfahrung, war der fein klingende Günther Groissböck ein idealer Solist für diese Aufführung. Sein Bass beeindruckte nicht nur durch Volumen und Klangfülle, sondern auch durch Textverständlichkeit und emotionale Präsenz.

In diesem Leipziger Konzert fiel eine besondere emotionale Engagiertheit auf. Günther Groissböck sang nicht nur, er sprach mit Haltung und einer großen Würde, die die Worte Jewtuschenkos verlangen. Groissböcks Interpretation war kein Pathos, von dem ja die Dreeizehnte nicht frei ist, sondern eine Verkörperung der historischen Verantwortung.

Die Chorleistung: Kollektive Stimme des Gewissens

Die Herren des Gewandhauschores und des Opernchores Leipzig sangen mit geschlossener Klangkultur, fester Intonation und eindrucksvollem Nachdruck. Sie fungierten nicht nur als kommentierender Chor, sondern als kollektives moralisches Echo.

Hoffnung aus der Finsternis

So düster, aggressiv und tragisch die ersten vier Sätze gehalten sind – mit Themen wie Gewalt, Angst, Schweigen und Machtmissbrauch – so überraschend versöhnlich und lichtdurchflutet gestaltet sich das Finale. Unter dem Titel „Karriere“ vertont es die Hoffnung auf Integrität und menschliche Würde im Angesicht gesellschaftlicher Konformität. Formal an ein klassisches Rondo erinnernd, breitet es einen musikalischen Horizont aus, der – wenn auch vorsichtig – ein Licht in die Finsternis trägt. Es wird von den Flöten, Solovioline und Solobratsche ins Dunkel getragen. Andris Nelsons ließ es aufleuchten – nicht pathetisch, sondern tastend, menschlich. Nach einer langen Minute klingenden Schweigens brach im Gewandhaus der Jubel los.

Credits

Aufführung am 28.5.2025; veröffentlicht 29.5.2025

Text: Moritz Jähnig, Leipzig, freier Theterkritiker, Herausgeber Kunst und Technik Magazin

Foto: privat

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