Home | Theater/Musik | Halle: Intrigen im Vollrausch
Halle: Intrigen im Vollrausch

Halle: Intrigen im Vollrausch

Händel-Festspiele mit erfolgreicher Opernpremiere „Aprippina“ eröffnet

Walter Sutcliffe inszenierte Barock-Oper von 1709 als Glücksspielabend in Las Vegas

Die Oper Halle veranstaltet seine sechste „Agrippina“-Inszenierung nach deren Wiederentdeckung 1943 als eine kunterbunte Kaskade boshafter Spielchen, wobei eine Schweinerei die nächste bedingt, aber alles irgendwie fröhlich weitergeht ohne wirklichen Schaden anzurichten. Der neuartige Trubel war für den venezianischen Karneval 1709 verfasst. Dem trägt Halle mit Vollrausch auf der Bühne und ausgeglichen Klangfluss im Orchestergraben Rechnung.

Von Moritz Jähnig

Szene mit Romelia Lichtenstein (Aprippina) und Annika Westlund (Narciso)

Es ist ein kühner Zugriff, der zunächst irritiert, sich dann aber als ebenso stimmig wie scharfsinnig erweist: Die Handlung von Georg Friedrich Händels „Agrippina“ wird vom antiken Rom ins heutige Las Vegas verlegt – jenem globalen Sinnbild für maßlosen Konsum, Glücksspiel, Sex, Drogen und Illusion. Zwischen legendären Showresidenzen à la Adele im „Caesars Palace“ und dem magischen Schillern von Siegfried & Roy hat sich für das deutsche Publikum Las Vegas längst als Mythos für Exzess, Künstlichkeit und das amerikanische Freiheitsversprechen etabliert.

Zeichen, Schein und Realität

Ein Ort, der Glanz und Abgrund, Reichtum und Ruin zugleich verkörpert. Philosophisch gesprochen ist Las Vegas ein „Simulacrum“: Ein Raum, in dem Zeichen und Symbole Realität und Fiktion ununterscheidbar machen.
Genau hier setzen Regisseur Walter Sutcliffe, Bühnenbildner Aleksandar Denić, Kostümbildner Frank Schönwald und Dirigent Laurence Cummings an, um Händels barockes Intrigenspiel in eine neue, gegenwärtige Klang- und Bildsprache zu überführen.

„Agrippina“ – Ensembleszene

Der Klang der Gegenwart

Cummings, als musikalischer Spiritus rector dieser Produktion, prägt mit einer ausbalancierten Interpretation den Klang des Abends. Es ist sein Debüt bei den Händel-Festspielen in Halle – nach Jahren als gefeierter Leiter der Festivals in London und Göttingen. Seine Verpflichtung ist nicht nur programmatisch bedeutsam. Seine Expertise in historisch informierter Aufführungspraxis befeuert den Erfolg dieser Inszenierung.

Operette mit Hintersinn

Aber auch der ordnenden Hand von Boris Kehrmann, dessen Zeit als Dramaturg am Opernhaus Halle leider mit dieser Saison ausläuft, dankt die Eröffnung der Händelfestspiele 2025 ihr Gelingen. Freilich irrt er mit seiner rückblickenden Feststellung, man hätte den Händel-Inszenierungen (der DDR-Ära) Round a bound Operettenhaftigkeit vorgeworfen. Operettenhaftigkeit war es nicht, eher Albernheit. Operette feiert das Lachen und hat Hintersinn. Albern ist Lächerlichkeit ohne Sinn und dumm.

Bühne als Bildwelt

Die neue „Agrippina“ trägt gewollt Züge des Operettenhaften. Aleksandar Denić, gegenwärtig einer der eindrucksvollsten Raumpoeten im europäischen Theater – man denke an seinen hyperrealistischen Hügel für den Castorf-„Ring“ 2013 – hat eine Kulisse entworfen, die dem Las Vegas unserer Vorstellung als synthetischer Parallelwelt voll entspricht. Er stellte eine schillernde Skulptur auf die Drehbühne.
Sie erinnert in den Konturen an eine halbierte Artischocke. Halbkreisförmig geöffnet, erinnern Kammern und Wendeln an organisches Wachstum – doch sie ist rein künstlich.

Szene mit v. l. Vanessa Waldhart und Christopher Ainslie

Eine breite Showtreppe windet sich nach unten in die „Flamingo-Bar“ mit Hockern, Spieltischen, Pole-Dance-Stangen und einem breiten gelben Sofa, das als Bühne für eine fiktive Residency im „Caesars Palace“ dient. Hier posieren nicht die weißen Tiger von Siegfried & Roy, sondern Poppea (Vanessa Waldhart) in weißen Overknees und Lederkleid, eine Agrippina (Romelia Lichtenstein) in wallenden, weißen Tüllgewändern und glitzernden Roben.

Alle Kostüme verweisen auf Glamour und Showbiz. Frauen im Pony-Look mit Federn im Haar, Männer mit Cowboyhut. Der Chor trägt in der Schlussapotheose nicht nur Traumgewänder, sondern auch accessoires des Elends – als Kontrapunkt zur glitzernden Fassade.

Machtspiel als Glücksspiel

Die aus der römischen Historie abgeleitete Handlung liest Walter Sutcliffe als großes Glücksspiel. Alle sind Glücksspieler, Hasardeure. Als Agrippina vom angeblichen Tod ihres Mannes Claudio erfährt, greift sie auf gut Glück nach der Macht, um ihrem Sohn Nerone und sich selbst die Macht zu sichern. Anfangs tut sie es sanft. Aber sie ist zu allem fähig. Romelia Lichtenstein verleiht der ambivalenten Titelfigur stimmliche Autorität und zeigt dramatische Reife, etwa in der Arie „Ogni vento ch’al porto lo spinga“, in der sich Gesang, Kalkül und künstlerische Leidenschaft vereinen.

Leandro Marziotte (r) als Nerone

Der italienische Countertenor Leandro Marziotte ist seit 2021 zu einer Stütze der hallischen Händelpflege herangewachsen. Der Sänger glänzt mit brillanten Koloraturen und buffoneskem Spielwitz. Darstellerisch ebenso stark an seiner Seite: Vanessa Waldhart, die mit vokaler Leichtigkeit bei ihren flirrenden Koloraturen aufhorchen lässt.

Festspielereignis mit Fortsetzung

Die Inszenierung ist ein über dreistündiges Theatervergnügen, das – obwohl es im zweiten Teil nachlässt und die Nummern nur noch ohne weitere szenische Einfälle abfolgen – ein Ereignis bleibt.
Nach einer kurzen Festspielserie folgt am 20. Februar 2026 die Wiederaufnahme – ein Termin, den man sich vormerken sollte. Diese „Agrippina“ ist mehr als eine kluge Neudeutung: Sie ist eine Oper über Macht und Maskerade, gedeutet im Licht einer Gesellschaft, die sich im Spiel nichts schenkt.

Annotation

„Agrippina“. Dramma per musica in drei Akten von Georg Friedrich Händel, Libretto von Vincenzo Grimani. Bühnen der Stadt Halle, Oper. Musikalische Leitung: Laurence Cummings, Regie: Walter Sutcliffe,

Bühne: Aleksandar Denic, Kostüme: Frank Schönwald, Choreinstudierung: Frank Flade / Bartholomew Berzonsky,   Dramaturgie: Boris Kehrmann

Besetzung

Claudio: Ki-Hyun Park, Agrippina: Romelia Lichtenstein, Nerone: Leandro Marziotte, Poppea: Vanessa Waldhart, Ottone: Christopher Ainslie, Pallante: Lars Conrad, Narciso: Annika Westlund, Lesbo: Michael Zehe, Händelfestspielorchester Halle, Chor der Oper Halle

Credits

Besuchte Vorstellung Premiere 6.6.2025; veröffentlicht 7.6.2025

Text: Moritz Jähnig, freier Theaterkritiker, Leipzig, Herausgeber Kunst und Technik Magazin

Fotos: © Matthias Horn

Scroll To Top