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Halle: „Die Cardasfürstin“ als Immobilienspekulation

Halle: „Die Cardasfürstin“ als Immobilienspekulation

Ben Baur versucht Unterhaltungswert durch Aktualisierung anzukurbeln

Die Oper Halle wagt mit ihrer schon seit längerem auf dem Spielplan stehenden Neuinszenierung von Emmerich Kálmáns „Csárdásfürstin“ einen satirisch zugespitzten Blick in eine bedrohliche Zukunft. Erkennbar neuen Schwung bringt das in Emmrich Kalmans Operette nicht.

Von Moritz Jähnig

Szene aus „Die Cardasfürstin“

Wir erinnern: Kaum war im Haus der Bühnenboden wertintensiv erneuert, sorgte ein massiver Wasserschaden für Aufregung, denn plötzlich steht eine umfassende Generalsanierung des Hauses plötzlich im Raum – und wer die derartigen endlosen Baustellen in Köln oder Berlin kennt, ahnt, was das für die Saalstadt bedeutet.
Kurz: Theaterumbau ist für keinen ein Spaß. Trotzdem simuliert Regisseur und Bühnenbildner Ben Bauer, das Ganze könne aber für Investoren durchaus interessant sein. Etwa wenn aus dem ehrwürdigen Opernhaus eine lukrative Eventhalle würde.

Wenn die Bühne plötzlich dichtmacht

Unter diesen düsteren Vorzeichen geht’s los: Das Ensemble erhält die Hiobsbotschaft, sein Haus sei ab sofort geschlossen. Tränen fließen, der Alkohol auch. Sylva Varescu, langjähriger Star des Ensembles, soll die Stadt verlassen. Was Edwin, ihr Geliebter, mittels hastig hingekritzelten Heiratsangebot verhindern will.
Im Original tritt an dieser Stelle die markante Figur des Notars Kisch auf, einem jüngeren Bruder des Advokaten Dr. Blind aus Johann Strauss „Fledermaus“. In Halle löst die Regie es anders: Theaterdirektor Feri setzt eine gewaltige Allongeperücke auf und übernimmt.

Kompliziert wird’s, weil Edwin der Sohn des mächtigen Investors Fürst Lippert-Weylersheim ist, der die Theatersanierung verantwortet. Für seinen Filius hat er eine Ehe mit der Businessfrau Anastasia geplant hat.

Operette auf der Baustelle

Sylva kämpft unterdessen entschlossen für den Erhalt des Theaters. Beim Richtfest erscheint sie im deutlichen Melania-Trump-Look als angebliche Großinvestorin und wird vom angeheiterten Baufürsten so brüskiert. dass dieser ihr am Ende spontan das ganze Theater schenkt. Sie, durch und durch sozial und heimliche Anhängerin des Mutualismus, reicht das Unternehmen wiederum an mehrere Kolleginnen weiter. Warun nicht.

Nach der Pause wird gebaut. Ein Transparent „MAKE OPERA GREAT AGAIN“ vor einem goldschimmernden Hochhaus verweist hübsch eindeutig auf die bittere Gegenwart. Auf der Baustelle reger Spieltrieb. Es herrscht Betroffenheit, Aktionismus und Slapstick aller Kategorien. Natürlich sitzt jemand auf dem Dixi-Klo, wenn zufällig die Tür aufgeht. Ein Gag, der in Halle so gut ankommt, dass er inzwischen sogar den Weg in die „Fledermaus“-Inszenierung am Anhaltischen Theater Dessau gefunden hat. Dort wird Frosch hinter der Klo-Tür entdeckt.


Musik, Ensemble und ein Werk, das sich nicht unterkriegen lässt

Musikalisch zeigt sich die Operette – trotz kleinerer Um. Und Ausbauten – völlig unerschütterlich. Die Staatskapelle Halle unter Andreas Wolf stürzt sich ohne Scheu in Kálmáns „Pusta-Klischees“ und holt aus dem Orchestergraben genau die Mischung aus Eleganz, Sentiment und Feuer, die dieses Werk braucht.
Was die „Csárdásfürstin“ wirklich gefährden könnte, liegt nicht an unbegreiflicher Baustellenromantik, sondern im Umgang mit ihrem Rollenbild der Frauen: Wenn „Mädis vom Chantant“ oder „Ganz ohne Weiber geht die Chose nicht“ nicht mehr als historische Zeitstücke verstanden werden, bekommt die Operette Probleme. Doch das ist eine Aufgabe, die sich jeder Inszenierung stellt.

Szene aus „Die Cardasfürstin“

Sängerisch präsentiert sich der Abend solide bis überzeugend: Robert Sellier als Theaterdirektor Boni punktet mit Charme; mit etwas mehr stimmlicher Wucht wäre er noch wirkungsvoller. Gerd Vogel gibt einen warmherzigen, verlässlichen Feri Bácsi, hier als Inspizient mit Sympathiebonus. Anke Berndt dominiert als Sylva Varescu mit starker Präsenz und zuverlässiger Stimme. Daniel Szeili setzt als Edwin über weite Strecken auf stimmlichen Pomp und Lautstärke. Eva Löser bekommt als dramaturgisch aufgewertete Selma sogar den Pop-Klassiker „The Show Must Go On“ zu singen – ein netter Coup. Vanessa Waldhard verleiht mit ihrem wundervoll blühenden Sopran der typmäßig arg gegen den Strich gebürsteten Anastasia Nobles.

Der von Frank Flade einstudierte Chor überzeugt durchweg, vokal wie szenisch. In den farblich gelungenen Kostümen von Uta Meenen und den schwungvollen Choreografien von Rachele Pedrocchi wirkt das Ensemble auf dem Theater wie auf der Baustelle gleichermaßen freigespielt.

Fazit

Am Ende präsentiert sich – bei allem bemüht szenischen Ehrgeiz – ein unterhaltsamer Operettenabend, der gelegentliche Oberflächlichkeiten gelassen passieren lässt und vielleicht mehr als nur einen Hauch mehr Schwung vertrüge.

Einfach selbst hingehen und Schwung reinbringen. Zum Beispiel in die nächsten Vorstellungen am 27. Februar und zur letzten Vorstellung am 15. März 2026

Annotation

„Die Cardasfürstin“. Operette von Emmerich Kalman. Libretto von Leo Stein und Bela Jenbach. Bühnen der Stadt Halle, Opernhaus. Musikalische Leitung: Andreas Wolf / Yonatan Cohen; Regie und Bühnenbild: Ben Baur; Kostümbild: Uta Meenen, Choreografie: Rachele Pedrocchi, Choreinstudierung, Frank Flade / Bartholomew Berzonsky, Dramaturgie: Toni Burghard Friedrich

Besetzung

Sylva Varescu: Anke Berndt / Lilli Wünscher, Edwin: Daniel Szeili, Boni: Robert Sellier, Anastasia: Vanessa Waldhart, Feri: Gerd Vogel, Eugen Rohnsdorff: Maximilian Wölfer  / Martin Rudolph, Fürst: Matthias Brenner, Selma: Eva Löser, Showgirls: Linda Rabisch / Victoria Meißner / Ricarda Oppenhorst / Lisa Ulbrich / Sarah Witter,

Staatskapelle Halle

Chor der Oper Halle

Statisterie der Oper Halle

Credits

Premiere und besuchte Vorstellung 21.11.2025; veröffentlicht 30.1.2026

Weitere Vorstellungen 27.2., 15.3.2026

Text: Moritz Jähnig, freier Theaterkritiker, Leipzig

Fotos: © Matthias Horn

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