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Halle: Wie schön kann ein Albtraum sein

Halle: Wie schön kann ein Albtraum sein

Benjamin Brittens Oper “The Turn of the Screw” in der Regie von

Mit „The Turn of the Screw“ schuf Benjamin Britten 1954 eines seiner radikalsten und zugleich verstörendsten Bühnenwerke. Trotzdem oder deshalbwird die Oper nach der gleichnamigen Novelle von Henry James äußerst selten auf bundesdeutschen Bühnen gezeigt. Die Geistergeschichte ist erst in zweiter Linie ein psychologisches Kammerspiel. In erster Linie liefert sie ein musikalisches Vexierbild über Schuld, Kontrolle und die Angst vor dem Unaussprechlichen.                     

Von Moritz Jähnig.

Szene aus der Inszenierung „The Turn of the Screw“ in Halle

Benjamin Brittens Kammeroper „The Turn of the Screw“ entstand 1954 in einer Phase intensiver künstlerischer Produktivität. Die Uraufführung fand am 14. September 1954 im Teatro La Fenice in Venedig statt, einem Ort, der durch seine morbide Atmosphäre symbolisch aufgeladen ist und die Themen der Oper – das Oszillieren zwischen Realität und Imagination – unterstreicht.

Miles – ein Kind zwischen den Welten

Im Zentrum der Oper steht der elfjährige Miles, eine Figur, die zwischen dem stummen Waisenjungen in „Peter Grimes“ (1945) und dem schweigenden Tadzio in „Death in Venice“ (1973) angesiedelt ist. Miles ist keineswegs stumm; er fällt durch auffälliges Verhalten in der Schule auf, spielt wild und singt Lieder, deren Herkunft die Gouvernante beunruhigt. In der besuchten Hallenser Inszenierung verkörperte Malte Süßmuth, Mitglied des Stadtsingechores Halle, die Rolle des Miles mit klarer Artikulation und beeindruckender Bühnenpräsenz.

Szene aus der Inszenierung „The Turn of the Screw“ in Halle

Die schwierige Besetzung der Kinderpartien sind in Halle scheinbar spielend lösbar, denn auch die von uns erlebte Sarah Witter – gleichfalls aus dem Stadtsingechor, einem der ältesten Knabenchore Deutschlands – nahm als die große Schwester Flora für die Figur ein. Von der Personenregie her sind alle, insbesondere die Geschwistersehr gut geführt. Mal sind die Kinder fröhlich, mal bedrohlich brav. Beide stimmlich souverän.

In dieser Fassung bleibt Miles am Leben. Die Regie schenkt ihm eine Zukunft, die Britten für seine Jungs niemals sah. Über dieses Ende gebietet die Musik noch einmal nachzudenken.

Katharina Kastening schneidet viele aktuelle Themen an. Sie verlegt die Handlung in eine nahe Zukunft, in der Roboter die menschlichen Lehrerkräfte abgelöst und die KI die Aufsicht und Erziehung von Kindern übernommen hat. Die Gouvernante, die Geistergestalt des ehemaligen Kindermädchens Jessel und der Geist des Dieners Peter Quint tragen rote Lederhandschuhe – ein Symbol für Kontrolle und Manipulation. Die Gouvernante steht konzeptionell für Strenge und Normierung, während das Gespensterpaar für Fantasie und geistige Weite steht.

Szene aus der Inszenierung „The Turn of the Screw“ in Halle

Der Landsitz Bly – eine brutal normierte Villa

Der in Wien lebende Bühnen- und Kostümbildner Matthias Kronfuß, unterstützt von der Videokünstlerin Manuela Hartel, baute eine futuristische Villa, die durch gestylte Katalogware und globale Geschmacksnormen geprägt ist. Smart Home total auf der Drehbühne. Die Architektur wirkt kalt, voll Brutalität. Videos von nächtlichen Wäldern, Werbeikonen und Athletenkörpern flimmern über die Bühne und schaffen Atmosphäre.

Szene aus der Inszenierung „The Turn of the Screw“ in Halle

Brittens Klangpsychologie und musikalische Umsetzung

Brittens Musik verstärkt die Ambiguität des Geschehens durch expressive Klangfarben und die raffiniert eingesetzte Kinderstimme, deren scheinbare Reinheit sich zunehmend als Teil eines dunkleren Kosmos entpuppt. Die Staatskapelle Halle, unter der musikalischen Leitung von José Miguel Esandi, setzte in Kammerbesetzung die komplexe Partitur mit Präzision um. Inga-Britt Andersson sang die hoch anspruchsvolle Partie der Gouvernante aus dem Orchestergraben für die auf der Bühne agierende Franziska Krötenheerdt, die die psychischen Herausforderungen ihrer Figur eindrucksvoll darstellte.

Gabriella Guilfoil als Haushälterin Grose, Anke Berndt als Jessel und Robert Sellier als Quint – alle sehr sensibel und auf einander bezogen singend, mit hoher Akkuratesse und Verständnis für Brittens Zwölfton-Komposition.

Fazit

Brittens „The Turn of the Screw“ bleibt eine rätselhafte Oper! Sie reflektiert die Grauzonen des Menschlichen und die Ängste der Zeit. Die Hallenser Produktion ist ein bemerkenswerter Beitrag zum Musiktheater. In musikalischer Hinsicht und dank der Ausstattung wird dieser Albtraum schön. Bleibt zu hoffen, dass er ein breiteres Publikum erreicht und die verdiente Aufmerksamkeit erhält.

Annotation

„The Turn of the Screw“. Oper von Benjamin Britten, Libretto Myfanwy Piper. Bühnen der Stadt Halle, Opernhaus. Musikalische Leitung: José Miguel Esandi, Regie: Katharina Kastening, Bühnen- und Kostümbild: Matthias Kronfuß, Video: Manuela Hartel, Dramaturgie: Patric Seibert.

Besetzung

Prolog/ Quint: Robert Sellier, Gouvernante (singend): Inga-Britt Andersson / Emily Dorn, Gouvernante (spielend): Franziska Krötenheerdt, Miles (Knabensopran – Stadtsingechor zu Halle): Malte Süßmuth/ Leos Tauchert/Elias Briki, Flora (Mädchensopran): Miriam Knackstedt  / Sarah Witter, Mrs. Grose: Gabriella Guilfoil, Miss Jessel: Kammersängerin Anke Berndt, Staatskapelle Halle, Statisterie der Oper Halle

Credits

Text: Moritz Jähnig, freier Theaterkritiker, Leipzig, Herausgeber Kunst und Technik Magazin

Foto: © Anna Kolata

Premiere 11.5.2025; besuchte Vorstellung 17.5.2025; veröffentlicht 18.5.2025

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