„Die Mondprinzessin“ – Neuer Ballettabend zu gelungener Auswahl zeitgenössischer Musik
Mit der Premiere des zweiteiligen Handlungsballetts „Die Mondprinzessin“ bereichert die Leipziger Compagnie den Spielplan am Augustusplatz. Zu erleben ist ein in jeder Hinsicht eigenständiger, signifikanter und märchenhafter Abend. Gefühle sind zugelassen und werden hereingebeten.
Von Moritz Jähnig

Ein fernöstlicher Mythos auf der Ballettbühne
Erzählt wird ein Märchen, das vermutlich aus dem Japan des 9. Jahrhunderts stammt: „Die Geschichte des Bambussammlers oder der Prinzessin Kaguya“. Der Mond schickt der Erde ein Geschenk in Gestalt einer Prinzessin. Sie wird als Findelkind von einem armen Ehepaar aufgezogen. Bald zieht die Schönheit des Mädchens zahlreiche Bewerber an. Doch die überirdische Prinzessin kann sich unter den Menschen nicht binden und stellt daher den edlen Freiern — darunter dem mächtigsten Mann der Welt, dem Kaiser — unlösbare Aufgaben.
Als sie ihn so brüskiert, lässt er ihre Geschenke an die Welt in Rauch aufgehen. Insofern ist der Mythos von der Mondprinzessin eine Geschichte von Sehnsucht, Missverständnissen und vertanen Chancen.

Magische Bilder und stimmungsvolles Licht
Wenn sich der Vorhang hebt, leuchtet ein unwiderstehlicher Vollmond, nur leicht von (Kirsch-)Baumsilhouetten verdeckt. Die geheimnisvolle Szene und das diffuse Licht wirken magisch und dabei gleichzeitig unheimlich „ballettkonform“.
Thomas Mika, kürzlich an der Leipziger Oper für seine Bildfindungen zur „Romeo und Julia“-Choreografie von Lauren Lovette gefeiert, hat für den belgischen Choreografen Martin Chaix ein ästhetisches und lichttechnisch herausforderndes Bühnenbild entworfen. Mika vermeidet stilsicher allzu offensichtliche „alla Japanese“-Klischees – doch wer auf der Welt ist schon völlig kitschfrei?
Wenn die Prinzessin schließlich zum Mond zurückkehrt, streuen dunkle Helfer Blattwerk über sie, und alle Baumkronen erstrahlen in zartem Rosa.
Ein Märchen in drei Lebensaltern
Acht Paare bevölkern mit fröhlichen, folkloristischen Bewegungen unbeschwert den Erdkreis. Das sozial niedriger gestellte Bambussammlerpaar hat es zwischen ihnen nicht leicht. Die Eltern nehmen sich eines wundersam kleinen Kindes an, das schnell heranwächst. Prinzessin Kaguya tritt in drei Lebensaltern auf. Beim Erscheinen der Kindprinzessin war im Publikum der leise Kommentar „Herzig!“ zu hören.
Madoka Ishikawa, wenig später als erwachsene Prinzessin, ist in ihrer Anmutung sowohl zart und unentschlossen als auch kraftvoll und akzentuiert. Die widersprüchlichen Seiten ihres Wesens drücken sich besonders in den Paartänzen aus. Schwach und wie vergehend, auf ihre Eltern (KT Flavio Salamanca und Soojeong Choi) gestützt, entfernt sich die Märchenprinzessin von der Erde. Sehnsuchtsvoll ringt sie mit dem Kaiser (Carl von Godtsenhoven) oder setzt sich, unterstützt von der Figur Tsukuyomi (Vivian Wang), noch einmal mit ihm auseinander.

Zwischen Erzählung und Abstraktion
Im ersten Teil erzählt Martin Chaix gestisch klar, manchmal schlicht, stets stark reduziert. Jederzeit ist der Zuschauer empathisch bei diesen Figuren.
Dann ist die Handlung auserzählt. Für die Choreografie muss der Ausgang des alten Mythos schwer akzeptierbar sein, denn Martin Chaix sinniert in einem nicht mehr erzähllogischen zweiten Akt über die Gründe des Endes nach. Er tritt gewissermaßen in den Mythos ein und zeigt einen Prozess: Um die Rückkehr der Kaguya auf den Mond zu erleichtern, wird ihr ein zweites, sie unterstützendes weibliches Wesen gesandt. Mit ihr kann Kaguya erstmals eine Beziehung aufnehmen.
Mehr als leicht verschwirbelte Anlässe für Tanz und die wunderbare Musik des Abends sind diese Gedankengänge jedoch nicht.
Klangschönes Märchenballett mit besonderem Reiz
Die musikalische Folie für den Ballettabend bilden zeitgenössische europäische und asiatische Kompositionen — was in diesem Zusammenhang unseres Wissens nach neu für die Leipziger Tanzbühne ist und als ausgesprochen mutig zu beurteilen ist.
Das Gewandhausorchester, unter der Leitung der neuen 1. Kapellmeisterin Yura Yang, lässt selten gehörte Werke von Henryk Górecki, Arvo Pärt, Koyama Koyoshige, Sômei Satoh und Takashi Yoshimatsu erklingen.
Fazit
Wir erlebten ein klangschönes, harmonisches Märchenballett, das am Premierenabend zu Recht lang anhaltenden Beifall erhielt und sicherlich noch viele gut besuchte Vorstellungen erleben wird.
Das shintuistische Märchen ist im Kern knallhaft. Eine Anregung, darüber weiter nachzudenken, liefert dieser Theaterabend auch mit.
Annotation
„Die Mondprinzessin“. Ballett von Martin Chaix | Musik von Henryk Mikołaj Górecki, Koyama Kiyoshige, Sômei Satoh (DEA), Arvo Pärt, Takashi Yoshimatsu. Leipziger Ballett, Oper Leipzig. Musikalische Leitung Yura Yang / Samuel Emanuel , Choreographie Martin Chaix, Bühne, Kostüm Thomas Mika, Licht Michael Röger, Dramaturgie Anna Diepold
Besetzung
Kaguya-Hime (die Mondprinzessin): Madoka Ishikawa / Soojeong Choi, Mikado, der Kaiser: Carl van Godtsenhoven / Evandro Bossle, Tsukuyomi: Vivian Wang / Ester Ferrini, Okina – Vater: Kammertänzer Flavio Salamanka, Ona – Mutter: Soojeong Choi / Yun Kyeong Lee, Prinz Ishitsukuri: Evandro Bossle / Oscar Ward, Prinz Kurumamochi: Marcelino Libao / Pedro Luz, Otomo No Miyuki: Landon Harris / Marcelo Ferreira, Abe No Miushi: Alessandro Repellini / Emanuele Faifer, Isonokami No Marotari: Vincenzo Timpa / Francesco Barbuto, Leipziger Ballett, Gewandhausorchester
Credits
besuchte Vorstellung Premiere 12.4.2025; veröffentlicht 14.4.2025
Text: Moritz Jähnig, freier Theaterkritiker Leipzig
Foto: Ida Zenna
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