Uwe-Scholz-Doppelabend „Mozart und Rachmaninow“
Der Ballettabend “Mozart / Rachmaninow” in der besuchten zweiten Vorstellung in der Oper Leipzig beschert dem ausverkauften Haus einen der grundsätzlich immer seltener werdenden Momente, in dem Publikum und Künstler ganz eng beieinander sind und mit einem Herzen zu schlagen meinen.
Von Moritz Jähnig

Intime Begegnung von Publikum und Künstlern
Die vom Ballettchef Rémy Fichet aufgelegte renaissance et redécouverte des choreografischen Werkes von Uwe Scholz geht voll auf.
Im Vorjahr begeisterte die Truppe mit dem aus Anlass seines 20. Todestages 2024 geschaffenen Abend „Scholz-Symphonien“. Beethovens 7. Symphonie, die Richard Wagner in seinen Überlegungen „DasKunstwerk der Zukunft“ als die Apotheose des Tanzes hervorhob, und Robert Schumanns zweite, kämpferische Sinfonie standen im Zentrum.
Ohne großen Zeitverzug lässt Fichet dem jetzt wieder einen Doppelabend folgen. Die Tickets für alle angesetzten Vorstellungen sind bereits im Voraus stark nachgefragt. Die Marke Uwe Scholz hat nicht nur behauptet internationalen Klang.
Ein musikalisches Duo: Mozart und Rachmaninow
Das dreisätzige 9. Klavierkonzert von Wolfgang Amadeus Mozart, 1777 für die Pianistin Louise Victoire Noverre Jenamy komponiert, wird kombiniert mit dem 3. Klavierkonzert von Sergej Rachmaninow, einem 1909 von den New Yorker Symphonikern uraufgeführten „Sturm und Drang-„ Werk. Diese reizvolle Kombination eröffnet dem Gewandhausorchester unter der Leitung von Yura Yang sowie den beiden Klaviervirtuosen ein höchst elaboriertes Klangfeld, in dem die kontrastierenden stilistischen Welten Mozarts und Rachmaninows voll zur Entfaltung kommen. Und ihre Gemeinsamkeiten.
Der reichinstrumentierte orchestrale Grundton wird von der sich absolut als „getanzte Musik“ verstehenden Bewegungssprache wie ein obertöniger Gesang ergänzt. Scholz war zur Uraufführung 1987 in Zürich gerade 29 Jahre jung. Diese überschäumende Jugendlichkeit, die beiden Choreografien innewohnt, zeigt sich darin, wie sie Rachmaninows drängend-schwelgerische Glückseligkeit noch einmal mitreißender, fordernder, nachdrücklicher machen.

Ausdruck einer Sehnsucht nach Harmonie
Oft wird betont, Scholz’ Kreationen seien Ausdruck eines ewigen Schönheitskults. Der Doppelabend „Mozart / Rachmaninow“ belegt mit konzentrierter Eindringlichkeit, dass seine Schönheitssehnsucht nur die erste Hälfte von Uwe Scholz’ tanzgewordenem Traum ist. Seine Bewegungsspiele drücken verallgemeinernd die menschliche Sehnsucht nach Harmonie und Gleichklang aus, nach Verlässlichkeit und Beständigem.
1986 erschütterte Tschernobyl alle Gewissheiten; Umwelt- und Friedensdemonstrationen schüttelten Westeuropa. Billige Parallelen zum Heute sollen nicht konstruiert werden. Doch sind sie evident und Mitursache für die in der Vorstellung empfundene innere Bewegung bei einem Publikum, das auf Grund neuer Unordnung dieselben Sehnsüchte hegt.
Virtuose Pianisten
Am Flügel zu erleben waren für Mozart Sebastian Fuß und nach der Pause der brasilianische Pianist Paolo Almeida für Rachmaninow. Fuß hat in Leipzig studiert und ist dem Musikleben der Stadt sowie dem Gewandhausorchester aufs engste verbunden. Der Rachmaninow markant und akzentuierend spielende Brasilianer Paolo Almeida hat n. a. in Moskau studiert und ist der Leipziger Oper als Solorepetitor verbunden.

Tanztechnische Brillanz des Corps de Ballet
Die nicht einmal knapp zwei Stunden dauernde Delikatesse, die da am Augustusplatz geboten wird, zeigt das gesamte Corps de Ballet mit seinem großen Können, aufbauend auf eine exzellente Vorbereitung. Der neoklassische Stil des frühen Scholz erfordert hohe Disziplin und körperlichen Ausdruck. Scholz liebte seine Tänzer: Jeder im Ensemble bekam sein Solo, jeder war ein Star. Wer sich an die Aufführungen der Zeit erinnert, nimmt zwangsläufig staunend wahr, dass andere Tänzerpersönlichkeiten mit völlig anderen körperlichen Voraussetzungen auf der Bühne stehen.
Die pas de deux im Mozart – grandios getanzt – sind Erinnerungshilfen an das, was die Generation damals ausdrücken konnte. Sie erzählen aus einem anderen Leben, andere Geschichten. Als das 3. Klavierkonzert Rachmaninow von Uwe Scholz nach Leipzig übertragen wurde, drückten sich Aufbruchstimmung und Zukunftsvertrauen total anders im Tanz aus als heute. Jeder Zeit ihr eigener Tanz.
Annotation
“Mozart / Rachmaninow“. Der Doppelabend besteht aus: „Jeunehomme“, Ballett von Uwe Scholz, Musik von Wolfgang Amadeus Mozart,Konzert für Klavier und Orchester Es- Dur, KV 271; „Drittes Klavierkonzert“, Ballett von Uwe Scholz, Musik von Sergej Rachmaninow, 3. Klavierkonzert op. 30 in d-Moll. Leipziger Ballett. Oper Leipzig, Musikalische Leitung: Yura Yang, Choreographie, Bühne und Kostüme: Uwe Scholz, Pianist: Paulo Almeida, Pianist: Sebastian Fuß
Besetzung
Solo: Kammertänzer Flavio Salamanka
Solopaar Evandro Bossle / Soojeong Choi
Solo 1. Satz Alessandro Repellini / Kammertänzer Flavio Salamanka / Marcelino Libao
Pas de Deux 1. & 3. Satz Yun Kyeong Lee / Juliano Toscano
2. Solo 1. Satz Andrea Carino
Cadenza Tiziano Botteri
Solo 3. Satz Ana Carbonero Romero / Marcelino Libao
Pas de Deux 2. Satz Soojeong Choi / Timoteo Mock / Yun Kyeong Lee / Juliano Toscano
Pas de Deux 3. Satz Evelina Andersson / Andrea Carino
4 Damen 3. Satz Monica Barbotte / Ana Carbonero Romero / Camilla Chiesi / Maria Vittoria Scamarda
Credits
Premiere 22.2.2026; besuchte Vorstellung 7.2.2926; veröffentlicht 8.2.2026
Text: Moritz Jähnig, freier Theaterkritiker, Leipzig
Foto: © Ida Zenna
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