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Leipzig: „Stark ruft das Lied“

Leipzig: „Stark ruft das Lied“

„Siegfried“ – Der Ring des Niebelungen zweiter Tag in Leipzig wieder aufgenommen

Seit am 4. Mai 2013 die Oper Leipzig in der „Rheingold“-Premiere mit dem „Ring von Guilmore“ rüberkam, will die Diskussion nicht ab: Einerseits gibt es eine solide musikalische Interpretation durch das Gewandhausorchester, Solisten des Hauses und Spitzen-Gäste, andererseits szenischen Klamauk.
In Leipzig wird die Tetralogie vertanzt – wobei die Vieldeutigkeit der deutschen Vorsilbe „ver-“ betont sei, vergleichbar dem schönen Satz: „Ich bin verheiratet.“ Nach elf Jahren wird die dieser Reibung innewohnende Produktivität gesehen und akzeptiert.

Von Moritz Jähnig

Szene aus der Leipziger „Siegfried“-Inszenierung, 2017

Tanz und Regie: Ein Bruch mit Wagner?

Die Leipziger Idee, Tanz, Gruppenbewegung und Eurhythmie – entgegen den Intentionen Richard Wagners – in eine „Ring“-Interpretation einzubeziehen, war 2013 nicht neu. Man denke an Andreas Kriegenburgs Körperwogen an der Bayerischen Staatsoper München. Ob der selige Richard mit dem Leipziger „Siegfried“ zufrieden wäre, muss stark bezweifelt werden.
Die mythischen Wesen, die im 1. Akt auf einem wild wuchernden Rasenstück an Siegfrieds Stelle das Schwert Nothung schmieden und ihm die Waffe dann durchreichen, tragen nicht zu einem wünschenswerten Erkenntnisgewinn bei.
Wenn die mythischen Wesen am Ende des 3. Aktes als missglückte Bademodenschau auftreten, ist das völlig belanglos, total albern und in seiner Peinlichkeit schließlich doch aufschlussreich. Es zeigt das Auflehnen der Regie von Rosamund Gilmore (Bühne: Carl Friedrich Oberle, Kostüme: Nicola Reichert) gegen ein unbehaglich empfundenes teutonisches Pathos.

Der Drachenkampf vor der Neidhöhle

Die Idee: Humorvolle und niederschwellige Ansätze?

Außerdem kann man darin auch einen Versuch sehen, den abgehobenen Opernstil mit den Stilmitteln von Tanz, Figurentheater und Pantomime zu brechen und den Stoff breiteren Publikumsschichten vermeintlich niederschwellig zu vermitteln.
Das funktioniert gelegentlich – etwa, wenn der Riesendrache Fafner umtanzt von kleinen Uncle Sams als Sesselmonster auf einer roten Plüschcouch lümmelt („Ich lieg‘ und besitz’“). Doch es bleiben Fragen über Fragen.

Gesang und Orchester: Überzeugende Leistung unberührt von Inszenierungskonflikten

Freilich nicht an die stimmliche Noblesse des Gesangs von Randall Jakobsh. Selbst unter einer gigantischen Maske überzeugt sein Bass weit über das hinaus, was um ihn herum passiert. Er ist und bleibt einer der starken Pfeiler des Leipziger Wagnerhimmels.
Musikalisch wurde die Wiederaufnahme vom bundes- und europaweit im deutschen Repertoire gastierenden Dirigenten Constantin Trinks geleitet. Unter seiner Stabführung zeigte das Gewandhausorchester den gesamten Motivreichtum der „Ring“-Komposition im Einzelnen transparent auf. Höhepunkte waren der Klang des Holzes und die flirrenden, sich in sich selbst verlierenden Streicher im 3. Akt oder im zweiten das Waldweben.

Der Brünnhildenfelsen

Die Solisten: stimmliche Glanzleistungen

Mit Thomas Mohr hat ein Routinier die Titelpartie übernommen, der mit der Leipziger Inszenierung vertraut ist. Mohr, der phantastisch artikuliert, steht gut haushaltend die kräftezehrenden Rolle stimmlich bestens durch und findet in den Liebesduetten mit Brünnhilde im 3. Akt mühelos frisch noch einmal zu seinem warm strahlenden, final beglückenden Klang. Zwar werden manche Spitzentöne nur angedeutet, doch Mohr ist mit der Partie des Siegfried eins geworden.
Berauschend die stimmstarke Brünnhilde Ricarda Merbeth. Die Begrüßung der Sonne durch die Chemnitzer Sopranistin ging ans Herz.     

“Siegfried an der Oper Leipzig

weitere Termine:

08. Februar 2025

30. Februar 2025

„Rheingold“ an der Oper Leipzig

07. Februar 2025 – Wiederaufnahme

29. März 2025

                                                                                             

Der englische Bariton James Rutherford gestaltete mit voluminösem Klang einen noblen Wanderer, dessen Abschiedsgespräch mit Erda zugleich Resignation und Verzweiflung einer abtretenden Generation spürbar machte. Ulrike Schneider als Urmutter Erda, die sich ein letztes Mal emporquält, bringt eine weise Mezzotiefe ein, die das retardare unseres Lebens berührend fühlbar macht.

Das von Neid erfüllte Bruderpaar Mime und Alberich kann kaum antagonistischer als mit Dan Karlström und Markus Marquardt besetzt werden. Der international gastierende Dresdner Bassbariton Marquardt gab einen lauernden Verwaltungsbeamten, der den Tod des Bruders zufrieden zur Kenntnis nimmt. Das komödiantisch begnadete Ensemblemitglied Dan Karlström verkörperte den Mime wie immer mit geschmackvollem Buffowitz – als berechnenden und gleichzeitig gluckenhaften Ziehvater Siegfrieds.
Den Waldvogel sang hinter den Kulissen Samantha Gaul.

Annotation

“Siegfried”. Oper von Richard Wagner. Zweiter Tag des Bühnenfestspiels „Der Ring des Nibelungen“. Oper Leipzig. Musikalische Leitung: Constantin Trinks, Inszenierung: Rosamund Gilmore, Bühne: Carl Friedrich Oberle, Kostüme: Nicola Reichert, Licht: Michael Röger, Dramaturgie: Christian Geltinger

Besetzung

Erda: Ulrike Schneider. Brünnhilde: Ricarda Merbeth, Stimme des Waldvogels: Samantha Gaul, Siegfried: Thomas Mohr, Mime: Dan Karlström, Der Wanderer: James Rutherford / Simon Neal, Alberich: Markus Marquardt / Tuomas Pursio, Fafner: Randall Jakobsh, Tänzer: Ziv Frenkel / Vladimir Golubchyk / Sidnei Brandão / Germán Hipólito Farias / Jochen Vogel; Tänzerin: Unita Gay Galiluyo / Ronja Häring / Elodie Lavoignat / Sandra Lommerzheim / Martina Morasso / Aya Toraiwa / Alicia Varela Carballo, Gewandhausorchester

Premiere 12.4.2015: Wiederaufnahme und besuchte Vorstellung 11.1.2025; veröffentlicht 12.1.2025

Credits

Text: Moritz Jähnig, freier Theaterkritiker Leipzig, Herausgeber

Fotos: © Tom Schulze (2017)

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