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Leipzig: Von der Magie der Avatar-Momente

Leipzig: Von der Magie der Avatar-Momente

“Georgette Dee … singt” im Leipziger Schauspielhaus

Georgette Dee, unüberbietbar die größte Diseuse Deutschlands, sang und plauderte zum 20. Mal im Leipziger Schauspielhaus. Diesmal auch über Avatar-Momente ihres Lebens.

Von Moritz Jähnig

Europe, Germany, Hamburg. Georgette Dee in concert. – Europa,
Deutschland, Hamburg, Hafen. Georgette Dee bei einem Konzert.
Frühling 2008

Ein Moment der Transzendenz beim Discounter

Über Georgette weiß man wenig, schon gar nicht, was sie unter Avatar-Momenten eigentlich versteht. Sie treten auf, wenn die Künstlerin bei Netto durch die Regalreihen schlendert und beim Um-die-Ecke-Biegen mit dem Azubi zusammenstößt – jung, 1,87 Meter groß, strahlende Augen unter bernsteinfarbenen Wimpern. Und wenn sich die Blicke dann wiederholt treffen und zu sagen scheinen: „Ich sehe dich“, dann sind das für die heute 66-jährige Georegtte ihre Avatar-Momente.

Im Hinduismus steht „Avatar“ für den Moment, in dem eine Gottheit in die menschliche Welt herabsteigt.

Ein Konzert voller Überraschungen

Mehrfach bricht die Dramaturgie des Konzerts durch die Liedauswahl und die einmalige Moderation von Georgette mit dem eigentlich Erwartbaren. Das Hehre oder etwaige bombastischen menschlichen Gefühle, werden zum Alltag und der Lebenserfahrung in Beziehung gesetzt.

Wenn Georgette in ironischer Wehmut darüber klagt, wie fast aberwitzig es sei, einen zwanzigjährigen Jungen mit widerspenstigem Haar an die Brust zu drücken und ihn in seinem Liebeskummer zu trösten, dann durchzieht die Erzählung eine bittersüße Komik. Dazu trägt sie unsagbar spannungsvoll die Hymne bürgerlich kultivierten Trostes schlechthin vor: „Und morgen wird die Sonne wieder scheinen“ von Richard Strauss.

Natürlich bleibt diese Darbietung nicht ohne Bravour und aufkommende Ergriffenheit – doch Georgette bricht den Augenblick mit einer neuen Erzählung über die kuriosen polysexuellen Aspekte des Textdichters John Henry Mackay und die Auftraggeber der vier Strauss-Lieder witzig auf.

Ein weihnachtliches Programm mit Trost und Wärme

Lale Andersens „Eine kleine Sehnsucht, ein Stückchen Sonnenstein“, ein flüchtiges Traumgebilde, findet in Georgettes großem Weihnachtssingen genauso Raum wie „Am Brunnen vor dem Tore“ oder die Zuversicht, die von „Puff, dem Zauberdrachen“ (Peter, Paul & Mary) ausgeht. Dann wird es wirklich weihnachtlich, und die böse Welt bleibt machtlos. „Die Sehnsucht, das flüchtige Traumgebilde“ erfüllt sich für Momente.

Georgette Dee und ihr Begleiter am Flügel, Terry Truck, besingen das Leben und die Lust. Seit 19 Jahren kommen sie im Dezember mit ihren aktuellen Programmen nach Leipzig auf die Große Bühne im Schauspielhaus. Manchmal hatte die Sängerin auch eine Band zur Begleitung mitgebracht.

Spannung in der Pause des 70minütigen Abends

Melancholie, Humor und politischer Tiefgang

Das diesjährige Programm gab sich auffällig melancholisch und resümierte über das furchtlose Altern. Politische Bissigkeiten, die gern an den Themen Leipzig und Wende aufgehängt wurden, ließ sie2024 beiseite.
Doch ihr Humor bleibt nicht unpolitisch. „Die Zeiten sind ziemlich krass“, befundete die Künstlerin und proklamierte einen neuen Nationalfeiertag: den „Tag der vergossenen Milch“. An diesem Tag, so schlug sie vor, sollten alle laut schreien und klagen. Es sei ein Familienfest, das ganze Stadien füllt, bei dem in großen Gruppen bis Mitternacht geheult und gekreischt werden könne – und „keine Politiker und Kulturärsche dürfen teilnehmen“. Politisch relevanter kann ein Programm wohl kaum sein.

Annotation

Gastspiel besucht am 13.12.2024; veröffentlicht 12.12.2024, 14:30 Uhr

Credits

Text: Moritz Jähnig, freier Theaterkritiker, Leipzig

Fotos: Collage aus Pressematerial; Foto © Arnold Morascher; Foto Autor privat

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