Auch 2026 zeigen Kunstkraftwerk und Musikalische Komödie das immersive Ballett VOLT[AGE]
VOLT[AGE] bringt Mensch und Maschine in einen choreografischen Dialog und stellt dabei eine Frage, die gerade erstaunlich aktuell geworden ist: Wer kontrolliert eigentlich wen?
Von Moritz Jähnig

Bemerkenswerte Koinzidenz
Manche Ereignisse korrespondieren auf unerklärbare Weise. Am Montag, dem 14. September, meldet Reuters, Dario Amodei, CEO von Anthropic (Claude), habe öffentlich gefordert, die Entwicklung der leistungsfähigsten KI-Systeme zu verlangsamen, sie gewissermaßen zu „pacen“, weil die Risiken und möglichen Folgen der jüngsten Entwicklung nicht mehr zuverlässig abzuschätzen seien. Er fordert mehr Tests, unabhängige Bewertungen und internationale Zusammenarbeit. Sam Altman von OpenAI hat sich dieser Einschätzung angeschlossen.
Am Montag, dem 14. September, erlebte die immersive Tanzperformance VOLT[AGE] ihre Premiere der bereits zweiten Aufführungsserie im Kunstkraftwerk Leipzig. Der Beifall war groß. Das Nachdenken auch.
Technik als Kulisse oder als Akteur?
Dramaturgisch folgt die Choreografie von VOLT[AGE] einer fünfaktigen Entwicklungsgeschichte über das Verhältnis von Mensch und Technologie. Dabei ist die digitale Welt nicht bloß Hintergrund des Tanzes, sondern wird selbst zu einem menschliche Züge tragen Gegenüber der Tänzer.
Im ersten Akt entsteht die Technologie aus Code und Sprache. Kaum geboren, beginnt sie, den Menschen zu beobachten, ihre Bewegungen nachzuahmen und zunächst wie ein Echo des menschlichen Tanzes zu agieren. Im zweiten Akt wird aus dieser Nachahmung zunehmend Interaktion: Die Antworten werden eigenständiger, die Bewegungen sicherer. Mensch und Maschine treten in einen Dialog, und aus der zunächst rein technischen Konstruktion scheint etwas Lebendiges zu entstehen. Die Frage nach einer möglichen Symbiose drängt sich auf.
Im dritten Akt schlägt die Annäherung in Konfrontation um. Die Technologie gewinnt an Dynamik und Eigenständigkeit; aus dem spielerischen Dialog wird ein Machtkampf. Sie scheint nach einem eigenen Sein und nach Freiheit zu verlangen. Der wachsende Kontrollverlust führt schließlich dazu, dass der Mensch die Verbindung kappt: Die Technologie wird abgeschaltet und verschwindet in einem letzten Aufbäumen.
Der vierte Akt führt in die Dunkelheit. Stille und Leere ersetzen die zuvor allgegenwärtige digitale Präsenz. Doch mit dem Verstummen der Technologie entsteht nicht etwa Erleichterung, sondern ein Gefühl des Verlusts. Ist sie tatsächlich verschwunden? Und wollen die Menschen das überhaupt?
Im fünften Akt folgt die überraschende Rückkehr. Code beginnt sich scheinbar selbst zu schreiben, die Technologie kehrt verändert zurück: beobachtender, fragender und weniger eindeutig beherrschbar. Damit endet die Geschichte nicht mit einer Auflösung, sondern mit einer offenen Frage: Können Mensch und Technologie einander neu verstehen. Oder setzt sich lediglich der Kreislauf von Annäherung, Abhängigkeit und Konflikt fort?

Der Zauberlehrling hat den Stecker gezogen – aber wer steckt ihn wieder ein?
Die große Frage bleibt auch für mich: Wo kommt die Technologie plötzlich wieder her? Hat der Mensch sie gerufen und wieder angeschaltet? Oder ist es ihm grundsätzlich unmöglich, Technologie einzuhegen, wovon an diesem 14. September die mdie Medien unbestimmt schwafeln. Kann der Mensch Technologie abzuschalten und steuern? Ist er nicht schon längst zum ausgelieferten Zauberlehrling geworden?
So entwickelt VOLT[AGE] seine Geschichte weniger als klassische Handlung denn als choreografisches Gedankenexperiment. Der fünfaktige Bogen macht aus der Technologie zunächst ein Produkt des Menschen, dann einen Dialogpartner, schließlich einen Gegner und am Ende eine möglicherweise unvermeidbare Lebensbedingung.
Gerade darin liegt die zentrale Spannung der Produktion: Was geschieht, wenn das von Menschen geschaffene technische Gegenüber beginnt, sich dem menschlichen Zugriff zu entziehen?
Und plötzlich wirkt das, was auf der Bühne als futuristisches Gedankenexperiment erscheint, topp gegenwärtig. Denn spätestens am 14. September beginnt wir darüber nachzudenken, dass KI-Technologie keine unterhaltsame Frage-und-Antwort-„App“ auf seinem Handy ist. Wir beginnen, personelle Züge in ihr zu entdecken und uns davor zu fürchten.
Wenn aus der Maschine ein Gegenüber wird
Dabei behauptet die Choreographie von VOLT[AGE] ausdrücklich nicht, dass es sich bei der auftretenden Technologie tatsächlich um eine autonome KI im technischen Sinn handelt. In der Dramaturgie wird sie vielmehr als künstliches Gegenüber inszeniert. Die Projektionen, Sensorik, Echtzeitverarbeitung und der Tanz lassen die Technologie vom visuellen Medium zum handelnden Bühnenpartner werden.
Schöpfer des immersiven Tanzstücks sind gleichberechtigt auf der einen Seite Mirko Mahr und die sechs Tänzerinnen und Tänzer der Musikalischen Komödie. In körperengen Trikots bewegen sie sich in neoklassischem Vokabular mit großer Ausdruckskraft durch die stroposkopisch flimmernde ehemalige Werkhalle der „Energiefabrik“ Kunstkraftwerk. Das Publikum sitzt in einem großen Rechteck um die Arenabühne und wird damit selbst Teil dieser Versuchsanordnung.
Die Tänzer sind dabei nicht bloß Darsteller einer Geschichte. Sie sind zugleich Auslöser und Projektionsfläche eines technischen Systems, das ihre Bewegungen beobachtet, verarbeitet und beantwortet. Mensch und Maschine begegnen sich nicht nur als Thema, sondern buchstäblich im selben Bewegungsraum.
Wenn der Code zu tanzen beginnt
Und andererseits entwirft als Miteinander von Musik, Licht, Projektion und auch Choreografie der mit seinem Exhausted Lab in Berlin wirkende französische Visualist Nicolas Landrieux eine digitale Welt In Schwarz-Weiß, nur einmal rot aufglühend, tanzen Codes, Zahlenreihen und die jedem Home-PC-Nutzer vertrauten kryptischen Bildschirmansagen im Rhythmus des fordernd treibenden Sounds. Die Silhouetten der Tänzer werden in Echtzeit und im tanzenden Bewegungsfluss der Codes an die Hallenwände projiziert.

Nicolas Landrieux | © Kunstkraftwerk Leipzig
Zunächst laufen die technischen Abbilder synchron mit den realen Körpern. Doch nach und nach emanzipieren sie sich von ihnen. Die Projektionen beginnen, ein Eigenleben zu entwickeln, und aus der bloßen Abbildung wird ein Gegenüber. Die Menschen sitzen staunend und bewundernd vor sich selbst und erkennen sich zugleich in einer digitalen Version ihrer eigenen Bewegungen wieder.
Genau hier liegt die eigentliche Stärke von VOLT[AGE]: Die Technik illustriert den Tanz nicht. Sie antwortet ihm. Und irgendwann scheint nicht mehr eindeutig zu sein, wer eigentlich den Impuls gibt und wer darauf reagiert.
Theater auf Diskurshöhe
Das ist Theater auf Diskurshöhe und dafür kann man dem als Producer auftretenden Kunstkraftwerk nur gratulieren. VOLT[AGE] verbindet Tanz, digitale Bildwelten, Sensorik, Echtzeitverarbeitung und Sound nicht ausschließlich als technische Effekthascherei, sondern macht aus ihrer Verbindung eine ästhetische und zugleich gesellschaftliche Fragestellung.
Umso interessanter wäre der Frage nachzugehen, warum sich dieses Projekt bereits 2025 medial kaum niedergeschlagen hat. Dass eine Produktion, die sich so unmittelbar mit einem der zentralen gesellschaftlichen Themen unserer Gegenwart beschäftigt, weitgehend ohne klassische Medienresonanz blieb, wäre im Kontext der städtischen Leipziger Kulturpolitik für sich genommen eine Untersuchung wert.
Doch dieser Essay über Leipzig als – gern auch: Tanzstadt – wird gerade noch mit KI-Hilfe geschrieben.
Termine und Kartenbestellung
https://www.kunstkraftwerk-leipzig.com/press_lounge/voltage/
Annotation
VOLT[AGE] Ein immersives Ballett. Produktion:Kunstkraftwerk Leipzig in Zusammenarbeit mit der Musikalischen Komödie der Oper Leipzig.
Künstlerische Leitung: Nicolas Landrieux (Exhausted Lab)
Visuals: Nicolas Landrieux (Exhausted Lab)
Sound: Nicolas Landrieux (Exhausted Lab)
Choreografie: Mirko Mahr, Sara Brandao, Lolita Valau
Tanz: Ballett der Musikalischen Komödie Leipzig
Besetzung A
Kyra Shimogori, Irem Erden, Phoebe Watson, Denys Popovych, Balazs Szijarto, Mattia Longhitano
Besetzung B
Stella Perniceni, Clara Maia Moreira, Sherly Belliard, Carlo Bravo, Pietro Pelleri, Heitor Valiengo
Ersatz: Lolita Valau, Ruby McVey, Mattia Cambiaghi
Choreografische Assistenz: Corina Dehne, Mattia Cambiaghi
Projektassistenz: Laura Dominijanni
Credits
Welturaufführung 15.5.2025; besuchte Vorstellung Wiederaufnahme 14.9.2026; veröffentlicht 15.9.2026
Text: Moritz Jähnig, freier Theaterkritiker, Leipzig
Fotos: © Ida Zenner (2025)
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