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Leipzig: Zechgelage am Originalschauplatz

Leipzig: Zechgelage am Originalschauplatz

Bachfest bietet Musiktheater der besonderen Art

Eine der längsten und eindrücklichsten Szenen im von Bachfest-Intendant Michael Maul zum 500-jährigen Jubiläum des heutigen Tourismus-Hotspots Leipzig konzipierten Pasticcio-Genieprojekts spielt genau dort, wo sich Realität und Fiktion überlagern: in Auerbachs Keller, mitten in der Mädler-Passage. Johann Wolfgang Goethe war zum Studium in Leipzig, Johann Sebastian Bach wirkte hier 26 Jahre lang als Thomaskantor – und der legendäre Dr. Faust, folgt man dem Volksbuch vom Teufelspakt, soll auf einem Fass ebendort hineingeflogen sein.

Von Roland H. Dippel

Kein klassisches Musiktheater, aber ein klug gebautes Pasticcio

Was als „Oper“ angekündigt wurde, entpuppte sich eher als szenisch-musikalische Lesung, konzentriert auf das ikonische Dreigestirn Faust, Mephisto und Gretchen – ergänzt durch einen souveränen Querschnitt durch Bachs Oeuvre. Braucht man das? In Leipzigs bekanntester und zweitältester Gaststätte gehört verschlanktes Bildungstheater mit kulinarischer Umrahmung längst zum Repertoire: etwa mit „Die Leiden des jungen Werthers“, „Die Luthers privat“ oder eben Goethe’s „Faust“. Nun also für vier Vorstellungen eine dem Bachfest-Motto „Transformation“ verpflichtete Mischform aus Singspiel und Schauspiel mit prominenter Besetzung und einem Ensemble, das dem Anspruch der Musikstadt gerecht wird.

Starke musikalische Leitung, reduzierte Bühne

Gregor Meyer dirigierte das junge Collegium Lipsiensis mit dramatischem Gespür – trotz der akustisch schwierigen Gegebenheiten des Kellers. Im Vokalquartett überzeugten besonders Bass Felix Schwandtke mit ausdrucksstarker Gestik und der warme Mezzo von Susanne Langner. Faust, in dieser Inszenierung ein Gelehrter ohne Jugendsehnsucht oder Zauberkunst, gerät in den Bann einer reflektierten, tragisch gezeichneten Gretchen. Sprecherin Lea Rückpaul und Sopranistin Viola Blache teilen sich deren Figur – allerdings mit begrenztem Raum auf dem Podium.

Visuelle Tiefe durch Fresken, vokale Glanzlichter durch Johannsen

Fast eindrucksvoller als das szenische Spiel selbst sind die historistisch-realistischen Bogenfresken von Volker Pohlenz aus den Jahren 2009 und 2015. Sie zeigen Goethe im Moment seiner schöpferischen Eingebung zur „Faust“-Tragödie und den japanischen Übersetzer Mori Ōgai – ein visuelles Echo auf Goethes globale Wirkung. Tenor Daniel Johannsen – als renommierter Evangelist bekannt und derzeit auf dem Weg ins leichtere Heldenfach – brillierte mit seinen Arien. Er versteht es meisterhaft, aus Bachs vokaler Architektur dramatische Funken zu schlagen und der lose gereihten Nummernfolge innere Spannung zu verleihen.

Bach trifft Faust: Atmosphäre statt Historizität

Dass Musik Johann Sebastian Bachs auf ein über 40 Jahre nach dessen Tod entstandenes Jahrhundertwerk wie den „Faust“ trifft, mag kühn erscheinen – doch die Auswahl der Stücke, besonders jene mit seltenem pastoralem Kolorit, trägt atmosphärisch und inhaltlich überzeugend zur Darstellung von Schuld, Reue, Leid und Erlösung bei. Während Burghart Klaußner als Faust und Frank Arnold als Mephisto den Text stromlinienförmig rezitieren, illustrieren Auszüge aus Bachs Kantaten punktgenau das jeweilige emotionale und dramatische Profil der Szenen.

Goethe stellte sich Musik zu „Faust“ als romantische Entgrenzung vor – à la Mozart oder Meyerbeer. In Mauls Fassung zeigt sich umso deutlicher, wie viele Topoi der romantischen Oper Goethe bereits 1808 in „Faust I“ vorwegnahm: Volksszene, Kirchenraum, Gebet, Trinklied, Bacchanal, Liebesdrängen – alles ist da. Auch „Auerbachs Keller“ wurde sicher und texttreu umgesetzt. Das sowohl kulinarisch als auch geistig gesättigte Publikum zeigte sich begeistert.

Credits

besuchte Vorstellung 17.6.2025, veröffentlicht 20.6.2026

Text: Roland H. Dippe, Leipzig/Mündchen

Foto; © Bachfest Leipzig/Gert Mothes

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