Überraschendes in „Screen Time. Videokunst in Leipzig seit 1990“ im MbbK
Bis zum 31. August 2025 zeigt das MdbK Leipzig auf seiner großen Sonderausstellungsfläche im Untergeschoss unter dem Titel „Screen Time“ Videokunst aus oder mit thematischem Bezug zu Leipzig, die nach 1990 entstanden ist. Die knifflig zu nennende Auswahl aus einem vorhanden sehr breiten Bestand ist auch eine Verneigung vor der Arbeit der Leipziger HGB und ihrem Studiengang Medienkunst.
Von Moritz Jähnig

Die Ausstellung „Screen Time. Videokunst in Leipzig seit 1990“ verfolgt die Entwicklung dieses Mediums anhand ausgewählter Arbeiten von 18 Künstlerinnen und Künstlern aus drei Generationen. Kuratiert von Philipp Freytag und Anne Richter, zeigt sie Werke von:
Alba D’Urbano (*1955, Tivoli/Italien), Ulrich Polster (*1963, Frankenberg), Clemens von Wedemeyer (*1974, Göttingen), Khaled Abdulwahed (*1975, Homs/Syrien), Sven Johne (*1976, Bergen auf Rügen), Sebastian Stumpf (*1980, Würzburg), Timo Herbst (*1982, Flensburg), Christoph Blankenburg (*1983, Erfurt), Nadja Buttendorf (*1984, Dresden), Charlotte Eifler (*1985, Rostock), Ronny Bulik (*1986, Leipzig), Amel Alzakout (*1988, Syrien), Mailand/Innenhof (*1988, Ludwigsburg / *1989, Augsburg), Juliane Jaschnow (*1989, Karl-Marx-Stadt), Stefanie Schroeder (*1981, Weimar), Paula Ábalos (*1989, Santiago/Chile) und Maithu Bùi (*1991, Plauen).
Die Schau ist aufgrund ihrer thematischen und technischen Vielfalt ein ebenso anregendes wie herausforderndes Kunsterlebnis – insbesondere für jene, die mit dem Medium Video weniger vertraut sind. Dies ist allerdings keine Frage des Alters, sondern eher eine der ästhetischen Konditionierung.
Erzählende Positionen: Erinnerung, Utopie und Scheitern
Viele der gezeigten Arbeiten greifen auf narrative Mittel zurück – teils historisch-dokumentarisch, teils fiktional verfremdet. So widmet sich Nadja Buttendorf in ihrer an die Industriekultur angelehnten Arbeit der ostdeutschen Firma Robotron und der utopischer Idee einer Zusammenarbeit mit dem westdeutschen Unternehmen Siemens in einem visionären Ost-West-Joint-Venture. Die geplante Firmenbezeichnung „Rosie“ – von den sächsischen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen bereits enthusiastisch vorweggenommen – blieb ein Traum der Wendezeit.
Buttendorf begegnet dieser zerplatzten Hoffnung 2019 bereits mit Abstand und performativer Leichtigkeit. Sie verwandelt in „Robotron – A Tech Opera, Staffel 02“ die nüchtern-technische Materie in Oper, Theater und Tanz – heiter, albern und zugleich tief berührend. Wohl nicht zufällig erinnert der im Video auf und ab schwingende Roboterarm an den tanzenden Industrieroboter in der „La Boheme“-Inszenierung im Leipziger Schauspiel, 2021 von Anna-Sophie Mahler.
Melancholie und Mythos: Sven Johnes „Wissower Klinken“
Sven Johne, aus dem Journalismus kommend, inszeniert in „Wissower Klinken“ ein Ereignis, das 2005 in seiner Heimat an der Kreideküste von Rügen stattfand: Ein massiver Felssturz, bei dem ein Touristenführer Barthels mutmaßlich ums Leben kam. Johne entwickelt aus diesem Faktum eine dichte Mischung aus Tragödie, Kriminalstück und Naturmythos.
Die Videoarbeit evoziert die romantische Ästhetik eines Caspar David Friedrich, ohne deren Erhabenheit zu übernehmen. Verein stehen die Touristenführer der Kalksteinlandschaft beieinander. Die Männer treten mit ernsten Mienen auf, schauen in die Kamera, während der Männerchor Leipzig-Nord Schuberts „Der Lindenbaum“ als klangliches Requiem intoniert – eine melancholische, fast geisterhafte Hommage an die Verletzlichkeit von Landschaft und Erinnerung.

Theater trifft Symposium: Mailand/Innenhofs „Romeo vs. Julia“
Ein drittes bemerkenswertes Cross-over zwischen Theater- und Videokunst gelingt Mailand/Innenhof, einem seit 2015 bestehenden Leipziger Künstlerduo. Ihre dreiteilige Videoarbeit „Romeo vs. Julia“ (2023) verflicht „klassische“ Dialoge aus „Antigone“, „Woyzeck“ und „Romeo und Julia“ – mit Aufnahmen realer Dialoge auf Symposien in Leipzig.
Auf zwei Bildschirmen sieht man wissenschaftliche oder künstlerische Konferenzen, bei denen plötzlich professionell schauspielende Akteure in die Versammlung eintreten und beginnen, mit großer Selbstverständlichkeit dramatische Texte zu sprechen. Die Reaktionen der Anwesenden – befremdet, irritiert, interessiert – erzeugen ein doppeltes Spiel von Inszenierung und Realität. Die kunstvoll montierten Videoebenen führen Theater und Alltag als zwei sich bedingende theatralische Ebenen vor.
Video als Medium unter vielen: Bùi und D’Urbano
Bei anderen Positionen in der Ausstellung bleibt das Video lediglich ein Teilaspekt innerhalb komplexerer künstlerischer Setzungen.
So präsentiert Maithu Bùi in „The Walls, The Floors“ (2025), einer erweiterten Fassung ihrer Videoarbeit „Mathuat – MMRBX“ (2022), eine Rauminstallation, die sich mit untergründig fortwirkenden Kriegsfolgen auseinandersetzt. Das Video dient hier nicht als Hauptmedium, sondern als integrativer Bestandteil einer vielschichtigen, sensuellen Erzählung.
Alba D’Urbano wiederum zeigt mit „Rosa Binaria e dintorni“ (2025) die wohl aufwendigste Arbeit der Ausstellung. In ihrer Installation thematisiert sie Transformation, Geschlechteridentität und körperliche Selbstverortung. Eine Sammlung unterschiedlichster Rosendarstellungen steht exemplarisch für individuelle und gesellschaftliche Wandlungsprozesse. Ausgangspunkt ist ihre Videoarbeit „Hautnah“ von 1995, die hier neue Resonanzräume erhält.
Die Ausstellung „Screen Time“ im Museum der bildenden Künste Leipzig ist bis 31.08.2025 zu erleben.
Credits
Veröffentlicht 7.8.2025
Text: Moritz Jähnig, freier Journalist Leipzig
Foto: Quelle MdbK und Autor
Titelfoto: © Nadja Buttendorf, „Robotron – A Tech Opera, Staffel 02“ (2019)
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