Gellert Ensemble interpretiert „Der Tod Jesu“ – Fortführung der Ramler-Trilogie und Kernstück der Reihe
Im Festsaal des Alten Rathauses Leipzig brachte das Gellert Ensemble am Sonntag, dem 30. März Johann Christoph Friedrich Bachs Passionsmusik „Der Tod Jesu“ (BR-JCFB D 2a) aus dem Jahr 1769 zur Aufführung. Dieses selten gespielte Werk, basierend auf dem poetischen Text von Karl Wilhelm Ramler, markiert einen wichtigen Meilenstein in der musikalischen Entwicklung des „Bückeburger Bach“.
Von Matthias Wießner

Spirituelle Tiefe von Ramlers Text
Der Text von Karl Wilhelm Ramler, einem der bedeutendsten Lyriker des 18. Jahrhunderts, ist von einer tiefen Spiritualität und einer reflektierenden Auseinandersetzung mit dem generellen Thema des Todes geprägt. Ramler, der auch als Dramatiker und Essayist tätig war, schuf mit seinen Gedichten eine Brücke zwischen der Aufklärung und der Empfindsamkeit. Seine Texte sind nicht nur literarisch wertvoll, sondern bieten auch eine emotionale Grundlage, die die musikalische Umsetzung durch Bach auf eindrucksvolle Weise ergänzt.
Musikalische Brücke zwischen Barock und Klassik
Die Komposition greift partiell auf die Choralsätze Johann Sebastian Bachs zurück, was nicht nur die familiäre Verbindung, sondern auch die musikalische Kontinuität im Laufe des 18. Jahrhunderts hervorhebt. Zugleich emanzipiert sich Johann Christoph Friedrich Bach mit diesem Werk spürbar, indem er italienische Elemente einfließen lässt und die Arien individuell und ausdrucksstark gestaltet. So wird „Der Tod Jesu“ zu einem bedeutenden Zeugnis der musikalischen Umbruchszeit zwischen Barock und Klassik. Es zeigt den Übergang von den barocken Wurzeln seines berühmten Vaters Johann Sebastian Bach hin zu einem eigenständigen Stil.
Stilistische Unterschiede zur Matthäuspassion
„Der Tod Jesu“ unterscheidet sich in seiner musikalischen und dramaturgischen Gestaltung deutlich von der Matthäuspassion seines Vaters. Während diese durch ihre tiefgreifende emotionale Intensität und dramatische Tiefe besticht, ist „Der Tod Jesu“ stärker von der Ästhetik der Empfindsamkeit geprägt, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts populär war. Johann Christoph Friedrich Bach legte mehr Wert auf Eleganz und Ausdruck als auf die dramatische Wucht, die die Werke seines Vaters kennzeichnet.
Ausdrucksstarke Solisten und fesselndes Ensemble
Die Solisten Dorothea Wagner (Sopran), Inga Jäger (Alt), Robert Pohlers (Tenor) und Diogo Mendes (Bass) glänzten mit durchdachten Interpretationen, beeindruckender stimmlicher Präsenz und wunderbarer Textverständlichkeit. Jede Partie wurde mit emotionaler Tiefe und mit hoher technischer Qualität gestaltet, wobei besonders die lyrischen Qualitäten der Arien hervortraten. Der Chor und das Orchester des Gellert Ensembles boten eine meisterhafte Darbietung, die durch klare Artikulation und eine klangliche Balance überzeugte.

Foto: privat
Eine würdige Hommage an den „Bückeburger Bach“
Diese Aufführung kann nicht nur als musikalisches Highlight, sondern auch als wichtiger Beitrag zur Wiederentdeckung und Würdigung der Werke der Bach-Familie gewertet werden. Sie zeigt eindrücklich, wie vielfältig das musikalische Erbe dieser Familie ist und wie viel es jenseits der Werke Johann Sebastian Bachs noch zu entdecken gibt. Die historische Atmosphäre des Festsaals verlieh der Aufführung zusätzliche Strahlkraft. Das Gellert Ensemble hat mit dieser Darbietung einen bedeutenden Schritt zur lebendigen Pflege und Wertschätzung des musikalischen Erbes unternommen – eine wahrhaft würdige Hommage an den „Bückeburger Bach“. Das Publikum im Alten Rathaus erlebte ein besonderes Konzertereignis, das durchaus ein größeres Publikum verdient hätte.
Annotation
„Der Tod Jesu“ von Johann Christoph Friedrich Bach (1732-1795); Erstfassung 1769; Aufführung im Rahmen der Konzertreihe „Passionsmusiken nach 1750“ und Teil II der Ramler-Trilogie
Ausführende
Dorothea Wagner (Sopran)
Inga Jäger (Alt)
Robert Pohlers (Tenor)
Diogo Mendes (Bass)
GELLERT ENSEMBLE (Chor & Orchester)
Andreas Mitschke (Leitung)
Empfohlen sei das nächste Konzert des Gellert-Ensembles am 21. April 2025: Carl Philipp Emanuel Bach (1714-1788): Auferstehung und Himmelfahrt Jesu (1787) als Teil III der Ramler-Trilogie im Alten Rathaus Leipzig.
https://www.gellertensemble.de/konzerte/
Credits
Text: Matthias Wießner, freier Kritiker, Basel/Leipzig
Foto: © Autor
Kunst und Technik Das Onlinemagazin
