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»Prozess« – Malerei und Grafik von Eberhard Klauß
Blick in die Ausstellung »Prozess« – Malerei und Grafik von Eberhard Klauß

»Prozess« – Malerei und Grafik von Eberhard Klauß

Die aktuelle Ausstellung von Eberhard Klauß in der Art Kapella Schkeuditz bietet vorrangig Malerei und Graphik aus den letzten drei Jahren.
Er konzentriert sich zugleich auf zwei seiner bildkünstlerischen Arbeitsfelder und beschränkt sich in der Motivauswahl. Deshalb ist es angebracht, kurz darauf hinzuweisen, daß seit Jahrzehnten in seinem Schaffen motivisch die Darstellung von alter Wohn- und Industriearchitektur dominiert. Eberhard Klauß setzt in der stattlichen Reihe der Ihnen sicherlich gut bekannten Leipziger Stadtlandschafter einen ganz eigenständigen Akzent. Das historisch gewachsene Ensemble gründerzeitlicher Großstadtarchitektur Leipzigs bildet den Mittelpunkt ihrer Kunst. Seinen Motiven begegnet Eberhard Klauß seit seiner Übersiedlung auf Land vielleicht nicht mehr ganz so häufig. Jedoch hat er sich bei seinen Streifzügen durch die Stadtteile über Jahrzehnte einen soliden Fundus an Skizzen und Vor-Ort-Studien angelegt, auf den er jederzeit zurückgreifen kann. Sie reichen von einzelnstehenden Wohnhäusern über dicht bebaute Straßenzüge und Platzsituationen, von den ländlichen Vororten bis hin zu Industriebauten – also das für seine Heimatstadt so charakteristische Gemenge abseits der Touristenpfade. Allerdings bleiben der Mensch und sein geschäftiges Tun in den Werken nahezu vollständig ausgeblendet. Über Jahre entstand so eine facettenreiche persönliche Bild-Topographie dieser Stadt. Wenige ausgewählte Arbeiten deuten in der Ausstellung an, dass Urlaubsreisen nach Südfrankreich sehr anregend für ihn sind und auch dort ist es wiederum die kompakte Architektur der Bergstädte, die ihn anzieht. Dennoch bleibt Leipzig für ihn als vertrauter Ort gelebter Geschichte das motivische Zentrum.

Voraussetzung für seine, einer zwar starken Abstraktion unterzogenen, doch immer gegenständlich ausgerichteten Malerei ist die beständige intensive Beobachtung der Realität. In kleinen Erinnerungsskizzen vor Ort wird das Gesehene zugleich einer ersten gestalterischen Umsetzung unterzogen. Die optische Sensation, die zur Skizze führte, tritt zurück. In der Weiterarbeit im Atelier werden Zufälligkeiten rigoros getilgt, weil er auf das Typische oder Wesentliche zielt. Bis der Künstler auf der Suche nach der konzentriertesten Formgebung jenen sensiblen Punkt berührt, an dem sich eine Bildidee entzündet. Es sind die in den Skizzen steckenden Verfremdungen der Flächen, die Formbeziehungen und Kontraste, die Farbklänge, der Gestus oder die Tektonik, welche die Weiterarbeit beflügeln. Auf die Leinwand übertragen, wird im mitunter langwierigen Malakt die Bildstruktur weiter präzisiert. Dazu passt ein Wort des kubistischen Malers Jacques Villon: „Mein Ausgangspunkt ist die Natur, aber ich fühle nicht die Notwendigkeit, der Natur zu folgen. Ich erschaffe mein Bild. Doch anstatt willkürlich vorzugehen, benötige ich etwas Genaues, eine Proportion, auf die ich mich stütze.“ Diese Stütze ist für Eberhard Klauß ebenso erwünscht. Sie besteht im ständigen Kontakt mit der realen, urbanen Stadtlandschaft. Im vollendeten Werk sieht man sich dann einer auf Grundformen zurückgeführten Architektur, einer Art graphischem Bildzeichen gegenüber, einer reduzierten Farbigkeit und einer stark gestischen Pinselführung. Der Künstler beschreibt seinen Arbeitsprozess folgendermaßen: „Zuerst wird auf der Leinwand mit dem Pinsel gezeichnet, gebaut; immer wieder werden die Formen ‚beschrieben‘, dann kommt mit dem Bau Farbe hinzu. Die Konturen sind die Konsequenz dieser Arbeitsweise. Ich benutze dicke Pinsel, um Kleinigkeit zu unterdrücken. Ich ändere nie nur einen Teil des Bildes, sondern übermale es, wenn es sein muss, insgesamt.“ Das Zusammenspiel von Linie, Struktur und Fläche fasziniert ihn. Er sucht jenen Schwebezustand zwischen noch ablesbarer, gegenständlich interpretierbarer und fast schon reiner, abstrakter Form. Im großformatigen Gemälde „Eisenbahnbrücke“  (2017) durchschneiden kraftvoll gezogene breite Pinselhiebe die Bildfläche, deren balkenartige Präsenz wie das statische Konzept einer Brücke wirkt, hinter der Helligkeit zum Durchfahren unter der schweren horizontalen Trägerlast verlockt. Ein eindrucksvolles Beispiel für diesen bildkünstlerisch benötigten und erlaubten Eingriff sind die „Häuser am Hang“ 2017 und 2018 als Graphik und Gemälde gestaltet. Es ist ein Motiv aus dem südfranzösischen Ort Bonnieux. In beiden wird gegenüber den Studien eine der beiden Senkrechten der Hauswand zu einer dominanten Schräge, wodurch das festgefügte konstruktive Bildgerüst jetzt erst jene ungeheure Spannung erhält, die der Darstellung Lebendigkeit verleiht.

Das alles gilt im Prinzip auch für seine drucktechnisch ausgefeilten Graphiken, diesmal meistens im reduzierten Schwarz-Weiß gehalten. Eberhard Klauß reizen die experimentellen Möglichkeiten druckgraphischen Techniken. Die ausgestellten Blätter vereinen Kaltnadelradierung und Ätzungen. Hier kann der aufwendige handwerklich-technische Arbeitsprozess nicht erklärt werden, dessen Reste wie Schleifspuren, Materialbesonderheiten oder Kratzer nicht getilgt, sondern zur Verstärkung der angestrebten Wirkung bewußt genutzt werden. Ausgefeilte handwerkliche Perfektion und Erfahrung sind ebenso Grundvoraussetzungen künstlerischer Qualität wie eine große Portion Drucker-Glück.

Die kleine Werkauswahl bietet reizvolle Vergleiche innerhalb einer Technik und bei Motiven, die sowohl mit malerischen als auch mit druckgraphischen Ausdrucksmitteln gestaltet wurden. Nehmen Sie die „Große Bleichert-Halle“, die er 2014 malte und 2018 druckte. Das Motiv ist kaum verändert und doch strahlen für mich beide Arbeiten ganz unterschiedliche Wirkungen und Empfindungen aus. Malerisch ist es ein riesiger Leerraum, der durch Dunkelheiten, Halbschatten und strahlende Helligkeit sich eher atmosphärisch präsentiert. Prägnant stehen dagegen die dicken schwarzen Farbbahnen des konstruktiven Gerüstes, das diese Halle trägt. Sparsame Farbigkeit akzentuiert und zieht den Blick ins Bild. Die lebendige Pinselführung gibt der Darstellung ruhige Dynamik. Kraftvolle Malerei in anspruchsvollem Format. In der Druckgraphik erlebe ich eine prägnant konstruierte Fabrikarchitektur, die leergeräumt, schweigend ihre riesigen Dimensionen ausstellt und in der ich – im Gegensatz zur Malerei – einen Nachhall der früher dort stattgefundenen Arbeitsprozesse zu verspüren meine. Das Licht schmutzig-trüb, die Kratzer und Schrundigkeiten in der Metallplatte erscheinen haptisch überzeugend als sichtbar zurückgebliebene Spuren gewesener Industrieproduktion. Ein sehr ausdrucksstarkes Blatt verlassener Fabrikarchitektur. Sie bildete über 100 Jahre den Rahmen für vielgestaltige Arbeitsabläufe und hat in der ihr heute zugefügten Verwahrlosung ihre Großartigkeit, ihr menschliches Maß und ihren ästhetischen Reiz nicht verloren. Eberhard Klauß führt uns ihre architektonischen Qualitäten vor Augen und adelt sie. Solche ihn faszinierenden Räumlichkeiten ließen sich nur mit Einsatz der Zentralperspektive und Formstrenge gestalten. Es reizt ihn aber, freier mit dem Raum und seinen Dimensionen, Strukturen und Verschachtelungen umzugehen. In der Malerei kommt das auch im „Hof“ von 2017 zum Ausdruck. Eine solche aus linearem Grundgerüst und farbig gelöster Malweise erwachsene „Raumanmutung“ ist auch in den kunstvollen Blättern „L’espace in expliable“ und „L‘espace obscura“ zu erleben. Hier ist für mich eine geometrisch-konstruktive Abstraktion erreicht, deren Sachpräzision durch die stimmungsvoll-schwebende Farbigkeit und die malerisch bewegte Formensprache aufgelockert wird.

Ich hoffe, dass sich in den nächsten Wochen viele Besucher auf diese kraftvollen Werke einlassen, die sich nicht immer sogleich erschließen, aber sich dem einfühlenden Beobachten dann doch dankbar öffnen.

Text: Dr. Dietulf Sander

 

Ausstellungsdauer:
14. Oktober bis 25. November 2018

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