Kaija Saariahos Oper „Innocence“ – wichtiger Repertoire-Akzent
Mit Kaija Saariahos letzter Oper „Innocence“ gelang der Semperoper Dresden ein Musiktheaterabend von seltener ästhetischer Klarheit und emotionaler Wucht. Die dramaturgische Raffinesse des Werkes im Nachdenken über moralische Werte unserer Zeit sucht ihresgleichen. Die Bilder prägen sich tief ein.
Von Moritz Jähnig

Ein Opernereignis von erschütternder Wucht
In enger Zusammenarbeit mit der estnisch-finnischen Autorin Sofi Oksanen und Saariahos Sohn Aleksi Barrière entstand ein Opernthriller, der sich hochaktuellen Themen wie Schuld, Mitschuld und Trauma in der europäischen Gegenwart widmet – und das mit einer Unmittelbarkeit, die tief unter die Haut geht.
Die Handlung kreist um einen Amoklauf an einer internationalen Schule in Helsinki. Zehn Mitschüler und eine Lehrerin kamen ums Leben. Zehn Jahre später, zur Hochzeit von Tuomas, dem Bruder des Täters, mit der aus Rumänien stammenden Stela, treten die verdrängten Wunden erneut zutage. Tereza, eine Kellnerin, erkennt in der Hochzeitsgesellschaft die Familie des Mörders ihrer Tochter wieder – und das sorgsam errichtete Kartenhaus stürzt ein. Stück für Stück werden Verstrickungen, Schweigen und Schuld offengelegt. Auch Mitschüler, Lehrer, Eltern und ein Priester müssen sich der Verantwortung stellen.
Eine Bühne aus Schnee und Erinnerung
Regisseur Lorenzo Fioroni übersetzt dieses vielschichtige Kammerspiel in eine Bildwelt von traumwandlerischer Künstlichkeit. Gemeinsam mit Bühnenbildner Paul Zoller schuf er einen Erinnerungsraum, in dem es sanft auf transparente Plastikflächen schneit, über eine sich drehende Hochzeitslandschaft hinweg. Diese wird zum Ort des Feierns, Erinnerns und Offenbarens. Projektionen und eine lange Hochzeitstafel strukturieren die Bühne, lassen Vergangenheit und Gegenwart nahtlos ineinanderfließen.
Fioroni entwirrt das Netz aus Traumata und Schuld mit stiller Behutsamkeit, ohne plakative Urteile zu fällen. Er analysiert präzise, verwebt Dialoge und Geständnisse zu einem dichten Geflecht aus Verdrängung, Offenbarung und Schmerz. Dabei entstehen immer wieder Bilder von stiller Grausamkeit und poetischer Schönheit. Die Inszenierung wagt es, Distanz zu wahren, ohne an Empathie zu verlieren – eine große künstlerische Leistung.

Rosalia Cid (Die Braut (Stela)), Mario Lerchenberger
(Der Bräutigam (Tuomas)), Anu Komsi (Die Schwiegermutter (Patricia)),
Paula Murrihy (Die Kellnerin (Tereza)) v.l.
Stimmen der Erinnerung
„Innocence“ ist ein Ensemblestück ohne klassische Hauptfigur. Herausragend agiert Rosalia Cid als Stela, der sich das Ausmaß des Horrors erst am Tag der Hochzeit offenbart. Paula Murrihy verleiht der trauernden Mutter Tereza eine ergreifende Tiefe. Ihre Konfrontation mit der Familie wird zum Katalysator für den Zusammenbruch.
Ein Glücksgriff ist die Besetzung der toten Tochter Markéta mit der finnischen Volkssängerin Venla Blom, deren Gesang im finno-ugrischen Volksliedstil eine berührende Authentizität entfaltet. Mario Lerchenberg gibt dem innerlich zerrissenen Bräutigam Tuomas eindrucksvolle darstellerische und gesangliche Intensität, dessen Schuldgefühle ihn schließlich zur Aufgabe der Beziehung treiben. Auch Markus Butter als vom Alkohol gezeichneter Vater und Anu Komsi als in sich geflüchtete Mutter überzeugen durch große szenische Präsenz.
Ein Klang zwischen Licht und Abgrund
Der musikalische Glanzpunkt liegt in Saariahos unverwechselbarer Klangsprache. Zwischen sphärischer Transparenz und eruptiver Gewalt changierend, entzieht sich ihre Musik konventionellen Melodie- und Harmonieverläufen. Stattdessen arbeitet sie mit Klangflächen, Farbkontrasten und subtilen Geräuschcollagen. Klangfragmente verdichten sich zu Texturen, die an Debussy und Messiaen erinnern, doch in epische Großformen überführt werden.
Besonders eindrucksvoll das Vorspiel: elektronische Klänge, seufzende Holzbläser und Streicherflächen verschmelzen zu einer klanglichen Grundlage für das folgende Drama. Maxime Pascal dirigiert die Sächsische Staatskapelle Dresden mit hoher innerer Beteiligung, lotet jede Nuance der Partitur aus und verbindet sie mit dem Bühnengeschehen zu einer beklemmenden Einheit. Perkussion, Klavier, Harfe und Celesta setzen atmosphärische Akzente zwischen zarter Feingliedrigkeit und eruptiver Wucht.
Ein besonderer Akzent ist der unsichtbare Chor, der die Handlung als stumme, summende Instanz begleitet. Mal schwebend, mal klagend, mal raumfüllend kommentiert er wie ein antiker Chor das Geschehen und wird erst am Ende sichtbar – in einem Moment, der musikalisch Hoffnung und vorsichtiges Weiterleben andeutet.
Ein Meisterwerk der Gegenwart
Saariaho und Oksanen verweigern in „Innocence“ einfache moralische Kategorien! Die Oper ist kein Rache- oder Sühne-Drama. Sie liefert das vielschichtige Psychogramm einer Gruppe von Menschen, die durch ein Gewaltereignis unauflöslich miteinander verbunden bleiben.
Täter, Opfer und Mitwisser verlieren ihre klaren Rollen. Es geht nicht um Schuldzuweisung, sondern um die inneren Prozesse von Verdrängung, Erinnerung und seelischem Überleben.
So wird die Dresdner Produktion zu einem Gesamtkunstwerk, das Filmprojektionen, atmosphärische Kostüme von Annette Braun und eine sensible Lichtregie zu einem kühlen, klaren und zutiefst menschlichen Musiktheatererlebnis verbindet.
„Innocence“ ist eine der wichtigsten zeitgenössischen Opernproduktionen. Ein enervierendes, verstörendes, bewegendes Meisterwerk, das lange nachwirkt.
Annotation
„Innocence“. Oper in fünf Akten von Kaija Saariaho. Finnisches Originallibretto von Sofi Oksanen. Multilinguale Übersetzung & Dramaturgie von Aleksi Barrière. Semperoper Dresden. Musikalische Leitung Maxime Pascal, Inszenierung Lorenzo Fioroni, Bühne Paul Zoller, Kostüme Annette Braun, Licht Fabio Antoci, Chor Jonathan Becker, Sounddesign Romualdas Urba, Dramaturgie Dorothee Harpain, Die Kellnerin (Tereza) Paula Murrihy, Die Braut (Stela) Rosalia Cid, Die Schwiegermutter (Patricia) Anu Komsi, Der Bräutigam (Tuomas) Mario Lerchenberger, Der Schwiegervater (Henrik) Markus Butter/Ben Nelson, Der Priester Timo Riihonen, Die Lehrerin Fredrika Brillembourg, Schülerin 1 (Markéta) Venla Ilona Blom, Schülerin 2 (Lilly) Jessica Elevant, Schülerin 3 (Iris) Nusch Batut, Schüler 4 (Anton) Simon Jensen, Schüler 5 (Jerónimo) Carlo Nevio Wilfart, Schülerin 6 (Alexia) Olga Heikkilä, Fotograf Julius Günzel
Credits
Premiere 15.3.2025; besuchte Vorstellung 19.3.2025; veröffentlicht 16.4.2025
Text: Moritz Jähnig, freier Theaterkritiker Leipzig, Herausgeber „Kunst und Technik Magazin“
Foto: © Sebastian Hoppe
Kunst und Technik Das Onlinemagazin
