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Wien: Kraftvoll und klangfarbig

Wien: Kraftvoll und klangfarbig

Uraufführung von Miroslav Srnkas neuer Oper „Voice Killer“ am Theater an der Wien

Die neue Oper von Miroslav Srnka und Tom Holloway erzählt von einer Frauenmordserie in Melbourne 1942 und entfaltet dabei einen unerbittlichen und faszinierenden musikalischen Sog.

Von Šimon Voseček

Szene mit Holly Flack und Seth Carico. Vor dem zweiten Mord säuft Pauline Private unter den Tisch

Zunächst herrscht lange Stille. In einem Museumsraum betrachten Besucher ein Foto eines breit und sympathisch lächelnden Mannes. Daneben hängt in einer Vitrine ein Strick. Drei Frauen bleiben stehen und lesen den Text genauer durch. Und dann beginnt das lächelnde Foto zu kichern. Dahinter erscheint Eddie Leonski alias Private. Abwechselnd kichert er und zählt von vierzig abwärts. Die Museumswand verschwindet im Schnürboden.

Dahinter liegen Eddies drei Todesopfer am Boden: Ivy, Pauline und Gladys. Oben im Hintergrund sieht man kurz eine Familie um einen mit Flaschen vollgeräumten Tisch, die Mutter schläft ihren Rausch aus. Während Eddie kichert und weiter zählt, erscheint der Chor (Arnold Schönberg Chor, einstudiert von Juan Sebastian Acosta und Viktor Mitrevski) und singt im Unisono einen unendlich langen, schönen, ruhigen Ton, zu dem nach und nach im Orchester Geräusche hinzukommen.

Erst da beginnt sich die Geschichte nach und nach zu entfalten: Nach dem Kriegseintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg kommt Eddie mit 15.000 anderen GIs nach Melbourne. In seiner Kindheit schwer traumatisiert, wohl schizophren und bis zur Bewusstlosigkeit trinkend, ermordet er im Suff in kurzen Abständen drei Frauen, bevor er gefasst und schließlich gehängt wird.

Nachvollziehbare Trennung der Handlungsebenen

Das gut nachvollziehbare chronologische Grundgerüst – drei Morde und eine Hinrichtung zum Schluss – wird durch Vor- und Rückblenden verschleiert. So auferstehen zwei der Mordopfer kurz nach ihrer Tötung, um in ihrem eigenen Fall zu ermitteln. Als Publikum war ich dankbar dafür, dass die Regie (Cordula Däuper) eine zusätzliche, dokumentarische Ebene hinzufügt und Ermittlungsprotokolle, Biographien, aber auch simple zeitliche Zusammenhänge auf die durchsichtige Leinwand projiziert, die den Bühnenraum vom Zuschauerraum trennt. Durch die Texte wird aber über weite Strecken das eigentliche Bühnengeschehen zum Kommentar, weil sich die Hauptgeschichte an der Leinwand und in den Übertiteln abspielt.

Musikalisch hebt die Oper genau dort ab, wo realistische Dialoge und dramatische Szenen einen unmittelbaren Bezug zu den Figuren erlauben: In der ersten Mordnacht trifft Ivy auf den stockbetrunkenen Eddie auf einer Straßenbahnhaltestelle. Das Gespräch kippt bald, Ivy liegt tot am Boden, Eddie hat sich wie ein Kind an sie geschmiegt und ihren Arm um sich gelegt. Da erklingen im Hintergrund kurze gesungene Töne, die vom gestrichenen Vibraphon übernommen werden und dadurch wie aus einer anderen Welt wirken, und dazwischen spricht Eddies Mutter vom Dach der Haltestelle zu ihrem Sohn (Jaqueline Macaulay).

Das bald darauffolgende Saufgelage Eddies mit seinem zweiten Opfer Pauline ist ein echter Höhepunkt: Eine allmählige, immer weiter gehende Steigerung im Orchester, ein Ostinato, der niemals langweilig wird und immer auf dem Punkt bleibt. Am Ende liegt auch Pauline am Boden und Eddie schmiegt sich an ihren leblosen Körper.

Gesanglich bleibt vor allem Pauline (Holly Flack) in Erinnerung, ein (nach Srnkas eigenen Worten) „stratosphärisch“ hoher Sopran, die ihre Koloraturen bravourös meisterte. Stimmlich verschwammen für mich die drei Opferfiguren trotzdem (Ivy: Caroline Wettergrün, Gladys: Nadia Stefanoff), weil sich alle drei meist in höchsten Lagen bewegten und dadurch wenig Unterschiede im Klangcharakter entfalten konnten. Eddie (Seth Carico) wechselt mühelos zwischen Bruststimme und Falsett (der reale Eddie hatte eine auffällig hohe Stimme) und bringt so seine gespaltene Persönlichkeit zum Ausdruck. Von den unbestritten großartigen Leistungen des Gesangsensembles bleibt dennoch recht wenig hängen: Meist wird parlando gesungen, selten folgt die Musik der Stimme, Gesangslinien meidet Srnka bewusst.

Das Orchester hingegen ist farbenreich (Klangforum Wien unter der Leitung von Finnegan Downie Dear). Alle Musiker spielen auch diverse Effektinstrumente, wodurch jede Szene eine andere Klangfarbe erhält, teilweise denkt man an Elektronik. Der Rhythmus des Orchesters sorgt für die dramatische Spannung und vertieft den emotionalen Gehalt vom Text.

Den Handlungsgang unterstützende Ausstattung

Das Ausstattungsteam leistete eine fantastische Arbeit. Die Bühne (Friedrich Eggert) ist komplett schwarz und in versenkbare Elemente gegliedert. Durch geschickte Lichtführung (Franz Tscheck) und dank der transparenten Leinwand erscheinen manchmal aus dem Nichts neue Szenerien plötzlich auf der Bühne, oder man lässt sie ohne merkbare Umbauten verschwinden. Die Kostüme (Sophie du Vinage) charakterisieren die Figuren so eindeutig, dass man Doubles gar nicht bemerkt und am Ende überrascht ist, dass sich „nur“ sieben Darsteller verbeugen.

Dramaturgisch leidet die Oper unter einer sehr langen Introduktion. Erst nach einer halben Stunde geht das Drama wirklich los – dann aber richtig und sehr überzeugend. Dafür wirkte das Ende auf mich abgeschnitten, da sich der dritte Mord mit der Hinrichtung überlagert und auf einmal alles sehr schnell auserzählt ist.

Die Premiere, am Freitag, einem 13., stand unter dem Eindruck des wenige Tage zuvor verübten Amoklaufs an einem Grazer Gymnasium. Angeblich habe man sogar überlegt die Premiere abzusagen. Seien wir froh, dass es bei der Absage der Premierenfeier blieb.

Annotation

„Vioce Killer“, Oper von Miroslav Srnka, Libretto: Tom Holloway. Inszenierung: Cordula Däuper. Bühnenbild: Friedrich Eggert. Kostüme: Sophie du Vinage. Licht: Franz Tscheck. Dramaturgie: Mark Schachtsiek, Kai Weßler. Musikalische Leitung: Finnegan Downie Dear.

Besetzung

Mit: Seth Carico, Julian Hubbard, Caroline Wettergreen, Holly Flack, Nadja Stefanoff, Stephen Loges, Jaqueline Macaulay.

Klangforum Wien.

Arnold Schönberg Chor. Einstudierung: Juan Sebastian Acosta und Viktor Mitrevski.

Credits

besuchte Vorstellung Premiere 13.6.2025; veröffentlicht 16.6.2025

Text: Šimon Voseček, freier Theaterkritiker, Wien

Foto: © Karl Forster / Musik Theater an der Wien

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