HMT Leipzig inszenierte Dimitri Schostakowitsch „Moskau, Tscherjomuschki“ – Anhaltender Beifall
Alljährlich nimmt das Opernprojekt der Fachrichtung Klassischer Gesang/Musiktheater der HTM Leipzig einen exklusiven Platz im Musikleben der Stadt ein und strahlt naturgemäß durch die ins Berufsleben startenden Studierenden überregional aus. In diesem Jahr, wo am 15. Mai im Gewandhaus das Schostakowitsch-Festival beginnt, bekam die Premiere einer selten gespielten Schostakowitsch-Operette den Charakter einer vorgezogenen Festivaleröffnung.
Von Moritz Jähnig

Geniale Stückwahl mit gesellschaftlicher Relevanz
Wer auch immer das selten gespielte Bühnenstück „Moskau, Tscherjomuschki“ für diesen Termin ausgewählt hat – die Idee ist genial. Sowohl Schostakowitschs fantasie- und zitatenreiche Komposition, das tempo- und formenreiche Bühnenwerk und seine Aufführungsgeschichte, besonders aber die nie abnehmende Aktualität des Themas, eignen sich exemplarisch als „Unterrichtsstoff“ und für großen Theaterspaß.
Operette als getarnte Opposition
Dimitri Schostakowisch erlebte die Repressionen in der Sowjetunion der 50er Jahre am eigenen Leib. Zu seiner Überlebensstrategie mag gehört haben, seine Angst durch künstlerisches Lachen zu vertreiben, sich mit Satire auf die Alltagsrealität zu retten. Autoritäre Gesellschaftsstrukturen nehmen den Rückgriff auf solche Stilmittel durch aus als Angriff wahr.

Die Regisseurin Beverly Blankenship, selbst Schauspielerin, welterfahrene Theaterfrau und Autorin, inszeniert Schostakowitschs Short Stories aus der Stalin-Ära so, das Lachen und Witzeln sich mit der Ahnung der bösen Realität die Waage halten. Das ist, auch in der musikalischen Akzentuierung durch Matthias Foremny fein austariert. Die Inszenierung überzeugt, dass sozialistische Subersivität, solche sich als Operette tarnende Opposition noch heute ein Theaterspaß sein kann.
Beverly Blankenship arbeitet im Team mit zwei der Stadt verbundenen Künstler:innen: der großen Leipziger Ausstatterin Barbara Schiffner (1973 bis 2011 Ensemblemitglied), die unzählige Operettenbühnenwelten an der darauf spezialisierten Musikalischen Komödie entwarf, und dem brasilianisch-stämmigen Tänzer und Choreografen Claudio Valentim Filho, ebenfalls der Muko verbunden. Das ist für die regionale Musikgeschichte nicht uninteressant, denn die deutsche Erstaufführung fand 1962 ebendort im damaligen Operettenhaus statt.
Bühne zwischen Propaganda und Utopie
Schiffners Bühne ist ein Zwischending zwischen Konzertmuschel und Propagandatribüne. Bühnenbreit führen flache Stufen nach oben, im Hintergrund eine Projektionsfläche, die im Format an eine Landkino-Leinwand erinnert. Darauf laufen Stadtbilder visionärer Zukunftsarchitektur oder assoziative Stimmungsbilder (Videoprojektionen Konstantin Kulitschka).
Wenige Requisiten genügen: eine Bank, leuchtende Bäumchen, drollig-kitschige Weihnachtsengelkostüme, ein güldenes historisches Stadtmodell, ein olles Megafon, Absperrbänder, Verkehrsleitplanken. Und ganz wichtig: zusammengefaltete Zettel – die begehrte Wohnungszuweisungen, die das Glück einer Zweiraum-Neubauwohnung bestätigen.
Spießiges Wohnungsglück symbolisiert das Ausrollen von Temu-Teppichen aus chinesischer Produktion. Die Vielschichtigkeit einzelner Witzchen bezogen auf die eigene spießige Realität erschließt sich manchmal erst auf dem Heimweg.
Operette kann mehr, als man ihr oft zutraut!
Ein kurzer Exkurs zu Gerd Natschinskis Messeschlager Gisela (Uraufführung 1960 in Berlin) sei erlaubt. Die in der DDR als „Heiteres Musiktheater“ bezeichnete Operette übt – vergleichbar mit Schostakowitschs Moskau, Tscherjomuschki (1959, Moskauer Operettentheater) – Kritik an zeitgenössischen gesellschaftlichen Verhältnissen. Natürlich ohne dabei wie Schostakowitsch existenzielle Tiefenschichten zu berühren.
Künstlerisch sind die beiden Werke sehr unterschiedlich, doch ihre Aufführungsgeschichten teilen ein gemeinsames Schicksal: Sie ist von autoritärer Willkür geprägt. Dennoch blieben sie bis heute bemerkenswert aktuell.Gerade jetzt liegt das Thema internationaler Handel, „Leipziger Messe“ regelrecht auf der Hand. Umso unverständlicher ist es, dass die Oper Leipzig einmal auf eine Wiederentdeckung der DDR-Operette komplett verzichtet – und damit auch auf eine mögliche Neuinszenierung von Messeschlager Gisela. Stattdessen überlässt sie das Feld der Komischen Oper Berlin.
Ironie der Geschichte: Dort musste die einnahmentechnisch sehr erfolgreiche Fortsetzung der als „sensationell“ angekündigte „Neuentdeckung“ des Genres aus finanziellen Gründen wieder beerdigt werden.Nachtürlich wäre Moskau, Tscherjomuschki auch als Beitrag der Oper zum Schostakowitsch Festival 2025 denkbar gewesen.
Gesellschaftskritik mit feiner Klinge
Mit Scharfsinn und Ironie haben Schostakowitsch und das Librettisten-Duo Mass/Tscherwinski die Botschaften in ihrem Stück verpackt. Das dauernde Schlangestehen, die Allgegenwart der Bürokratie – wer keine eigene Wohnung hat, noch in einer Kommunalka wohnt, muss erfinderisch sein, um ein Date zu haben.

Die Behördenwillkür, der man machtlos ausgeliefert ist. Immer wieder gibt es Anspielungen auf ein unerwartetes nächtliches Klingeln an der Wohnungstür. Dann holte die Tscheka die Bewohner ab in den Gulag. Auch Schostakowitsch durchlebte diese Angstnächte. Die Inszenierung überzieht an keiner Stelle. Weder denunziert sie die „Bösen“ – denn Funktionär, den korrupten Hausmeister oder eine nutznießerische Ehefrau, veredelt sie die „Guten“. Alle werden komisch gebrochen, nichts wird verklärt.
Musikalisch und darstellerisch auf hohem Niveau
In den Massenszenen führt eine Vorzeigeproletarierin mit einem pappenen Hammer die Bewegung an, bis sie begreift und nicht mehr jeden Blödsinn gegen ihre Nachbarn kritiklos umsetzt. Dann trägt sie dem Protest das Banner voran. Es ist keine Rote Fahne, sondern das blaue Band der Phantasie.
Claudio Valentim Filho bringt den Opernchor operettenprofessionell in synchronisierte Bewegung und hat ganz offensichtlich bei allen Männern die Lust zum Bauchtanz hervorgekitzelt.

Es gab unendlich viele eindrucksvolle sängerische und darstellerische Einzelleistungen an dem von Matthias Foremny musikalisch geleiteten Abend, die sich kaum alle aufzählen lassen. Foremny ließ die reichen Zitate, die Schostakowitsch in seiner Musik zu einem Bukett band, wundersam erblühen.
Joshua Geddes und Ana Gvozdenovic sind das herzergreifende Paar Sascha und Mascha. Bruno Szabo ist ein rührendes, verschmitztes Altchen, stimmlich kristallklar Halldóra Ósk Helgadóttir seine widerborstige Tochter Lidotschka. Elie Valdenaire meistert die geschmackliche Balance bei der stotternden Figur Boris – eine schwierige Rolle. Taras Semenov in der Rolle des Chauffeurs, findet am Ende mit der Vorzeigebauarbeiterin Ljusia, Isabell Serafin zusammen. Den Sprecher gibt Benjamin Klein.
Die drei „Bösewichte“ im Stück – der Funktionär Drebednjow (Lucas Reis), Wawa (Victoria Grilz) und der Hausverwalter Iwanowitsch Barabschkin (Valentin Schneider) – ernten mit ihrem komödiantischen Können verdienten Applaus.
Fazit
Это очень хорошо!
Aufführungstermine
https://www.hmt-leipzig.de/veranstaltungen
Schostaktowitsch Festival 2025 Gewandhaus
https://www.gewandhausorchester.de/schostakowitsch
Annotation
„Moskau, Tscherjomuschki“ – musikalische Komödie in drei Akten und fünf Bildern von Dmitri Schostakowitsch,Libretto: Wladimir Mass und Michail Tscherwinski; Hochschule für Musik und Theater Leipzig, Opernprojekt der Fachrichtung Klassischer Gesang/Musiktheater. Inszenierung: Beverly Blankenship, Musikalische Leitung: Prof. Matthias Foremny, Bühne & Kostüm: Barbara Schiffner, Choreografie: Claudio Valentim Filo
Besetzung
Joshua Geddes, Victoria Grilz, Ana Gvozdenović, Halldóra Ósk Helgadóttir, Lucas Reis, Valentin Schneider, Taras Semenov, Isabelle Serafin, Bruno Szabó, Elie Valdenaire; Opernchor mit Studierenden der Fachrichtung Klassicher Gesang und des Instituts für Musikpädagogik, Hochschulsinfonieorchester
Credits
Uraufführung 24.01.1959, Mayakovsky Operetta Theatre, Moscow, deutsche Erstaufführung 1962 Theater „Kleines Haus Dreilinden“, Leipzig; Premiere HTM Leipzig /besuchte Vorstellung 30.4.205; veröffentlicht 2.5.2025; aktualisiert 4.5.2025, 21:30 Uhr
Text: Moritz Jähnig, freier Theaterkritiker Leipzig, Herausgeber Kunst und Technik Magazin
Fotos: © Yannic Borchert
Kunst und Technik Das Onlinemagazin
