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Gewandhaus Leipzig: Gefesselt im Klangsturm

Gewandhaus Leipzig: Gefesselt im Klangsturm

Schostakowitsch Festival 2025 – Boston Symphony Orchestra unter Andris Nelsons mit dem 1. Konzert für Violine und Orchester a-Moll und 11. Sinfonie op.103 – „Das Jahr 1905“

Für den zweiten Festivalabend waren zwei Schlüsselwerke für das Verständnis von Schostakowitschs Position im totalitären System ausgewählt: das 1. Violinkonzert a-Moll, Solistin Baiba Skribe, und die 11. Sinfonie, auch „Das Jahr 1905“ genannt. Beide führen jene beredte Klangsprache, die der Komponist zwischen Anpassung und Widerstand für seine Lebensthemen fand. – Großer Beifall für einen großen Abend, der – das soll nicht unerwähnt bleiben – präsentiert wurde von der 1898 gegründeten Traditionsfirma Max Pommer Spezialbetonbau, was für die lebendige Leipziger Industriekultur steht.

Von Moritz Jähnig  

11. Sinfonie op. 103 – „Das Jahr 1905“

Dmitri Schostakowitschs 11. Sinfonie g-Moll op. 103, betitelt „Das Jahr 1905“, ist weit mehr als die musikalische Illustration eines revolutionären Moments der russischen Geschichte. Sie ist Erinnerungsarbeit im Klang, Geschichtsbewältigung ohne Worte. Was sich als klingende Verbeugung vor den Idealen der russischen Revolution geben mag, offenbart sich in der Betrachtung durch Andris Nelsons und das Boston Symphonie Orchestra als doppelbödiges Zeitdokument: komponiert im Angesicht aktueller politischer Erschütterungen, gesprochen mit der vielstimmigen Sprache musikalischer Erinnerung, von allgemeiner Gültigkeit.

Ein Werk zum Jubiläum – und doch aus der Zeit gefallen

Entstanden im Sommer 1957, erklang die Sinfonie erstmals am 30. Oktober desselben Jahres im Moskauer Bolschoi-Theater. Anlass war der 40. Jahrestag der Oktoberrevolution. Die Musik, dirigiert von Natan Rachlin, wurde als Festgabe an den sozialistischen Staat verstanden. Doch wer Schostakowitsch kennt, weiß: Zwischen den Zeilen seiner Partituren liegt oft mehr Wahrheit als in ihren offiziellen Widmungen.

Denn während sich die 11. Sinfonie vordergründig mit der blutig niedergeschlagenen Arbeiterdemonstration vom 9. Januar 1905 beschäftigt – dem berüchtigten „Blutsonntag“ –, lässt ihr Tonfall, ihre dunkle Emphase und ihre schonungslose Dramatik auch andere Deutungen zu. Die musikalische Erinnerung gilt nicht nur einem historischen Ereignis, sondern berührt universale Erfahrungen: Gewalt, Hoffnungslosigkeit – und das Verstummen der Menschlichkeit unter dem Stiefel politischer Macht.

Tonalität, Zitat, Pathos – musikalische Mittel als moralische Geste

Die viersätzige, durchgehend tonal gehaltene Anlage des Werkes mit den sprechenden Satzbezeichnungen „Der Palastplatz“, „Der 9. Januar“, „Ewiges Gedenken” und “Sturmglocken” wird zu einer im Sturmschritt durchschrittenen Galerie deutlicher musikalischer Bilder. Mit den Schauplätzen folgt die Sinfonie einer narrativen Logik wie ein Oratorium ohne Text.

Schostakowitsch verarbeitet zahlreiche revolutionäre Lieder wie „Brüder, im Kerker gefangen“, die uns Westeuropäern nie so geläufig gewesen sein dürften. Doch den sowjetischen Hörern waren diese musikalischen Zitate sehr wohl vertraut. Durch ihre expressive Verwendung erhält ihr Pathos durch Schostakowisch eine neue emotionale Aufladung: Trauer und Verzweiflung.

Zwischen Gebet und Raserei – Hingegeben

Die Boston Symphony und ihr Chefdirigent geben ein eindrucksvolles Beispiel für organischen Gleichklang und innere Geschlossenheit – als bewegte Einheit beim Sezieren, Umfärben und Neuzusammensetzen des schostakowitschschen Klangpanoramas. Nelsons dirigiert nicht im klassischen Sinne: Immer wieder senkt er die Arme, legt den Taktstock auf das Pult, als wolle er dem Orchester Raum geben zu atmen. Die Hände ruhen ineinander wie zum stillen Gebet, während sein Blick im Innern versinkt. Dann wiederum bäumt er sich auf – eruptiv, dämonisch, eine fiebrige Präsenz. Das Gesicht wird zur Maske, das Zucken der Gestik zur Entladung.

Die Streicher formieren sich mit chirurgischer Präzision, das Blech klagt, heult, gehorcht – und das alles unter Hochspannung. Was da geschieht, ist kein linearer Ablauf, sondern eine fast 70-minütige Raserei mit innerer Logik. Man fühlt sich – um ein bewusst pathetisches Bild zu bemühen – wie in eine russische Troika versetzt, die sich verselbstständigt hat: Die Pferde im vollen Galopp, der Schlitten jagt durch einen klirrend weißen, unendlichen Raum. Abspringen? Unmöglich. Man will es nicht. Man ist Teil der Bewegung und atmet mit. Schostakowitschs Elfte hatte das Publikum an den Hacken – und ließ es bis zum letzten Ton nicht mehr los.

1. Konzert für Violine und Orchester a-Moll op. 77 (rev. op. 99)

Dem dramaturgisch klug vorangestellt erklang das bereits 1947 von dem damals 41jährigen Leningrader komponierte 1. Violinkonzert op. 77, das er nicht spielen ließ oder spielen lassen konnte. Erst nach Stalins Tod wurde es 1957 als op. 99 uraufgeführte. Beide an diesem Festivalabend aufgeführen Konzerte sind Werke inneren Drucks, der unterdrückten Stimme und der existenziellen Spannung.

Entstanden in einer der dunkelsten Phasen sowjetischer Kulturpolitik, spricht auch das Violinkonzert eine Sprache des Zwischentons – mehrdeutig, vielschichtig, zutiefst persönlich. Hinter dem kontrollierten, verhaltenen Ausdruck verbirgt sich existenzielle Not.

Baiba Skride, der lettischen Geigerin und dem Leipziger Gewandhauspublikum längst vertraut, gelingt in diesem Umfeld etwas Erstaunliches: Die Solistin tritt mit großer Bescheidenheit auf und geht im Augenblick ihres Spiels im Klangkörper auf. In enger, fast symbiotischer Verbindung mit den Bostoner Symphonikern finden beide unmittelbar zu klanglicher und rhythmischer Geschlossenheit.

Ihr Vortrag, von technischer Brillanz und innerer Ruhe, wirkt besonders dann im 3. Satz wie in noch erweitertem Sinne improvisierend, als spräche sie im Moment der Aufführung erst die Wahrheit dieser Musik in aller Bescheidenheit aus.

In der Tiefe ihrer Interpretation öffnet sich eine Seelenlandschaft: zerrissen zwischen Angst und Trotz, Schmerz und Zorn. Dies ist Musik, die nicht schreit – gerade darum trifft sie uns so unentrinnbar.

Das Festivalprogramm

https://www.gewandhausorchester.de/

https://www.gewandhausorchester.de/schostakowitsch/

Credits

Text: Moritz Jähnig, freier Theaterkritiker, Leipzig, Herausgeber Kunst und Technik Magazin

Fotos: Gewandhaus Leipzig

Konzert vom 16.5.2025; veröffentlicht 17.5.2025

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