Besser geht’s nicht: Iordanka Derilova ist Mittelpunkt der Dessauer Wiederaufnahme von „Tristan und Isolde“
Mit großer Freude wurde bei der Spielplanpräsentation des Anhaltischen Theaters die Ankündigung der Wiederaufnahme seiner glanzvollen Neuinszenierung von Wagners „Tristan und Isolde“ durch Michael Schachmaier, musikalische Leitung Markus L. Frank, vom Januar 2024 aufgenommen. Zu Pfingsten besuchten wir zwei Vorstellungen, die auch Nachdenklichkeit auslösten. Es berichtet
Roland H. Dippel

Szene „Tristan und Isolde“, 2. Akt
Selbst an großen Häusern gibt es um Pfingsten und an ersten Sommertagen unschöne Besuchsflauten. Doch ein derart dünn besetzter Zuschauerraum zu publikumsfreundlicher Zeit an einem gut erreichbaren Ort mit einem überregional geschätzten Ensemble – wie im Anhaltischen Theater Dessau am Pfingstmontag – ist sträflich. Man muss fragen: Wie weit reicht die Wagner-Euphorie des mitteldeutschen Publikums wirklich? Liegt das Desinteresse am demografischen Wandel, an der Werbung oder einer dem digitalen Zeitalter zuweisbaren Theaterverdrossenheit? Oder schlicht an einer „Tristan“-Inflation? Wagners „Handlung in drei Aufzügen“ lief in den letzten Jahren in Berlin an zwei Häusern, in Leipzig (zu Wagner22 und danach), Chemnitz, Halle und Meiningen. Gab es in Mitteldeutschland vielleicht zu viele Produktionen des 1865 im Münchner Hof- und Nationaltheater uraufgeführten Stücks bei zu geringen Reisekapazitäten der Fans?
An der musikalischen Qualität lag es ebenso wenig wie an der szenischen Präsentation. Das Publikum entfesselte angesichts der wenigen Anwesenden eine doch recht lautstarke Applausoffensive. Wenn am Ende die durch den Liebestrank endgültig aneinander geschmiedeten Liebenden aus dem Artus-Sagenkreis in stiller Empathie an einem Tisch sitzen, während ihre Doubles die Allgemeingültigkeit dieser Seelenstürme spiegeln und alle szenischen Aktionen nur dem Wesentlichen gelten, beweist Michael Schachermeiers Inszenierung ihre Eignung für eine langjährige Repertoire-Präsenz. Er hat die Figuren klug konturiert. Das Dessauer Musiktheater-Ensemble fühlt sich sichtlich wohl und ist seit der Premierenserie vor zwei Jahren fulminant an den Partien gewachsen. Einzig der sagenhafte Tilmann Unger als Tristan fehlt, da er den Siegfried in der Saarbrücker „Götterdämmerung“ (inszeniert von den Bayreuther „Rienzi“-Regisseurinnen Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka) singt. Dafür gibt Heiko Börner die gefürchtete Partie des Tristan mit lyrischem Fundament, Kondition in den Fieberphantasien und langem Atem. Tristan ist hier kein Abziehbild der keltisch-französischen Heldenepik, sondern ein Kontinuum stabiler und gerade deshalb nicht abfackelnder Gefühle. Kay Stiefermann gibt einen kantig-elegischen Waffengefährten Kurwenal. Michael Tews ist ein ungewöhnlich starker König Marke, dessen Erschütterung über den Freundesverrat durch Tristan auch über Markes langen Monolog nachwirkt und das Empathiegefüge zu seinen Gunsten verschiebt. Ein echtes Extrem und seit der Premiere immens gewachsen ist Anna Schuldt als Brangäne: Eine verwelkte Frau will in explosiver Umgebung das Allerschlimmste durch das Nicht-ganz-so-Schlimme verhindern. Sie steht am Ende aber wie alle anderen auf verlorenem Posten. Gesanglich gelingt es Schuldt im ersten Akt sogar, einer Isolde wie Iordanka Derilova Paroli zu bieten.
Diese Frau ist für die gegenwärtige Opernszene ein in Gold gefasster Diamant: Auch Iordanka Derilova wäre in diesen Tagen in der „Götterdämmerung“ gefragt gewesen – bei den Wagner-Tagen der Bulgarischen Nationaloper Sofia. Weltweit gibt es das wohl nur einmal: Derilova ist die einzige Isolde der Gegenwart, die diese Partie im selben Festengagement nach 18 Jahren ein weiteres Mal singen kann. In der ersten, auch auf DVD veröffentlichten Inszenierung von Johannes Felsenstein wurde sie vom Fachmagazin Opernwelt zur „Sängerin des Jahres“ nominiert. Nun überwältigt sie mindestens ebenbürtig, wenn nicht noch mehr: Durch eine integre Persönlichkeit, makellose Spitzenleistung und ein Leuchten von innen heraus, wie es zu Isolde im Idealfall gehört. Zum Glück ist Derilova keine exklusive Wagner-Heroine. Sie zeigt mit den mühelos gemeisterten, immensen Anforderungen, dass ein Repertoire mit viel Verdi, Puccini und früher slawischer Moderne eine ideale Basis für das sog. hochdramatische Fach sind. Sie stürzt sich mit überbordendem Furor in die Fluch-Katarakte des Beginns, schaltet von Fortissimo-Spitzentönen blitzschnell auf warm pulsierende Phrasen und verwechselt vor allem Lautstärke nicht mit echter Intensität. Das lyrische Pulsieren trägt sie nach den Klangdrogen des Liebesduetts erst recht– so werden Isoldes große Erzählung und der Liebestod zu Höhepunkten des Abends.
Ohne Weiteres hätte Markus L. Frank mit dem Orchester also mehr Lautstärke wagen können. Die Anhaltische Philharmonie kultiviert einen warmen Strom, aus dem Wagners Dissonanzen mit der notwendigen Deutlichkeit hörbar werden. „Mehr Musiker als Publikum“, wispert eine Frau beim Verlöschen des Saallichts. Traurig. Vielleicht das einzige positive Argument für eine derart leere Vorstellung: Das affektive Ziehen und Aufbrausen von Wagners Musik entfaltet sich mit etwas Abstand zu Sitznachbarn noch intensiver. Gegenüber großen Häusern fällt die Gesamtleistung keineswegs ab, ganz im Gegenteil. Dazu tragen auch die bestens besetzten Nebenpartien bei: Barış Yavuz als Melot und Davis Ameln als Hirt und junger Seemann.
Annotation
„Tristan und Isolde“, Handlung in drei Aufzügen, Musik und Text von Richard Wagner. Anhaltisches Theater Dessau. Musikalische Leitung Markus L. Frank, Inszenierung Michael Schachermaier, Bühne Paul Lerchbaumer, Kostüme Alexander Djurkov Hotter, Leitung Opernchor Sebastian Kennerknecht, Dramaturgie Yuri Colossale,
Besetzung
Isolde KS Iordanka Derilova, Brangäne Anne Schuldt, Tristan Heiko Börner, Melot Barış Yavuz, Kurwenal Kay, Stiefermann , König Marke Michael Tews, Ein Hirte David Ameln, Ein Steuermann Pawel Tomczak, Stimme eines jungen Seemanns David Ameln, Anhaltische Philharmonie Dessau, Opernchor des Anhaltischen Theaters Dessau, Statisterie des Anhaltischen Theaters Dessau
Credits
Premiere 24.1.2024; besuchte Wiederaufnahme 22.5.2026, besuchte und besprochene Vorstellung 25.5.2026; veröffentlicht 26.5.2026; nächste Vorstellung 30.5.2026
Text: Roland H. Dippel, freier Theaterkritiker, Leipzig/München
Fotos: © Claudia Heysel
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