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Magdeburg: Der kleine Prinz und die großen Fragen

Magdeburg: Der kleine Prinz und die großen Fragen

Uraufführung eines neuen Balletts von Jörg Mannes nimmt mit auf eine philosophische Reise

Jörg Mannes’ im Theater Magdeburg uraufgeführtes Ballett verbindet Tanz, Musik und Raum zu einem poetischen Nachdenken über Menschlichkeit, Verantwortung und die Welt der Erwachsenen.

Von Moritz Jähnig

Szene mit Joel Dettori (Der kleine Prinz), Andrea Cheldi (Antoine de Saint Exepéry) und Joshua Hunt (Die Schlange)

Mit „Der kleine Prinz“ ist Jörg Mannes ein auf vielen Ebenen faszinierender Ballettabend gelungen: ein Tanzfest und zugleich ein philosophischer Denkanstoß. Der 57-jährige Choreograf und Tänzer reflektiert darin, unverkennbar, eigenes Erleben, ohne seine Biografie auszubreiten. In jenem Lebensabschnitt, in dem ein Jugendlicher beginnt, Antoine de Saint-Exupéry zu lesen und sich bewusst mit „Der kleine Prinz“ und dem Expressionismus auseinanderzusetzen, war Mannes selbst Tänzer an der Wiener Staatsoper. Die Stationen seines Weges, die ihn nun als Ballettdirektor ans Theater Magdeburg geführt haben, lagen damals noch vor ihm.

Saint-Exupérys Roman erzählt von einer Reise, die zugleich eine Suche nach Orientierung und Lebenssinn ist. Der kleine Prinz begegnet auf seinen Planeten Figuren, die für unterschiedliche, letztlich unbefriedigende Lebensweisen stehen: Machtstreben, Eitelkeit, Besitzdenken und blinden Gehorsam. Erst durch seine Beziehungen zu anderen gewinnt er eine Vorstellung davon, was seinem Leben Bedeutung gibt.

Drei Paare auf der Reise

Mannes erzählt diese Reise in einer klaren, gestischen Tanzsprache. Seine Tänzerinnen und Tänzer wirken wie ein auf das Projekt eingeschworenes Ensemble. Humorvolle Beobachtungen und kleine Gags lockern die philosophische Grundierung auf, etwa die kauzige Figur des Säufers.

Joshua Hunt, Der Geograf in Jörg Mannes Choreografie „Der kleine Prinz“

Drei Männer sind mit ihren Partnerinnen unterwegs: der kleine Prinz (Joel Dettori) und seine Rose (Flammetta Gotta), der Dichter Saint-Exupéry (Andrea Cheldi) und Consuelo (Chiara Amato) sowie der Pilot (Gennaro Chianese) mit seiner Rose (Louise Meyer-Bitsch). So verschränkt Mannes die Erzählung des Romans mit der Biografie seines Autors und lässt aus der Reise des kleinen Prinzen zugleich eine Reise durch Liebe, Erinnerung und Lebenszeit werden.

Tiefe Verneigung auch vor den Tänzerinnen und Tänzern in den 12 weiteren Soloaufgaben und vor dem gesamten Corps de ballet, stellvertretend genannt: Francesca Raule ausdrucksstark als Fuchs, Chloe Johnes als Laternenanzünder und Ghabriel Gomes, der als Säufer markant hervortritt.

Ein leuchtender Weltraum

Florian Parbs (Bild und Raum), Philipp Contag-Lada (Video, Projektionen) und Louise Flanagan (Kostüme) geben den visuellen Erzählton vor. Besonders produktiv ist dabei das Zusammenspiel unterschiedlicher Theatererfahrungen und Generationen.

Der Bühnenraum ist dunkel, doch Lichtbänder durchziehen das Halbrund. Projektionen und wechselnde Lichtstimmungen lassen ihn lebendig werden. Dieser Weltraum ist kein schallschluckendes schwarzes Loch, sondern eine an Leuchtpunkten reiche Lebensbahn. Der Bühnenraum beanspruch für sich hogen ästhetischen Rang.

Anspruchsvoll ist auch die getroffene Musikauswahl mit Britten, Tschaikowsky, Rihm, Prokofjew und György Ligeti. Die Magdeburgische Philharmonie spielt unter dem neuen 1. Kapellmeister Julian Gaudiano. Wir erlebten allerdings eine Vorstellung mit Musik vom Band – nie optimal, weil dies den Eindruck einer Ballettaufführung mit live-Musik verschiebt. Geschmälert wurde die Wirkung dadurch nicht.

Die erste Vorstellung nach der Premiere war exklusiv für Schülerinnen und Schüler am Vormittag. Die Kinder folgten der über Tanz und Musik erzählten Geschichte konzentriert und interessiert.

Drei Männer auf Suche: Der kleine Prinz (Joel Dettori), Antoine de Saint-Exuéry (Andrea Cheldi) und Der Pilot (Gennaro Chianese) v.l.

Eine alte Geschichte wird gegenwärtig

Über die getanzte Erzählung wird die Aktualität des Romans unmittelbar erfahrbar. 1943, im Jahr seines Erscheinens, konnte „Der kleine Prinz“ vor dem Hintergrund von Krieg, Faschismus, Entmenschlichung und technisierter Massengesellschaft gelesen werden. 2026 sprechen daraus Fragen nach Digitalisierung, Informationsüberflutung, Leistungsdenken und autoritären Tendenzen.

Besonders König und Laternenanzünder gewinnen neue Schärfe: Der eine verkörpert selbstbezogene Autorität, der andere den Gehorsam gegenüber einer längst fragwürdig gewordenen Vorschrift. Der kleine Prinz fragt nach! Darin liegt die zeitlose politische Dimension des Romans: Autorität darf nicht an die Stelle des eigenen Urteils treten.

Mannes’ Ballett macht daraus keine politische Parabel. Es tut etwas Schwierigeres und vielleicht Wirksameres: Es lässt eine alte Geschichte so unterhaltsam und lebendig werden, dass ihre Fragen wieder unsere eigenen werden.

Annotation

„Der kleine Prinz“. Ballett von Jörg Mannes nach Antoine de Saint-Exupéry. Musik von Benjamin Britten, Peter Tschaikowsky, Sergei Prokofjew u. a. Uraufführung am Theater Magdeburg. Musikalische Leitung Julian Gaudiano, Choreografie Jörg Mannes, Bühne Florian Parbs, Video Philipp Contag-Lada, Kostüm Louise Flanagan, Dramaturgie Ulrike Schröder

Besetzung

Magdeburgische Philharmonie

Credits

Premiere 3.10.2026; besuchte Vorstellung 6.10.2026; veröffentlicht 7.10.2026

Text: Moritz Jähnig, freier Theaterkritiker, Leipzig

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Fotos: © Ida Zenna

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