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Leipzig: Wahrheit kostet 79,90 € „Thanks for your order.“

Leipzig: Wahrheit kostet 79,90 € „Thanks for your order.“

In der Diskothek nähert sich das Schauspiel mit „Goldie“ von Emre Akal den letzten Dingen

Alle, die mir mittags im Connewitzer „Waldfrieden“ oder abends im „Spitzz“ oder meinetwegen auch in der DB Lounge um 2 Uhr morgens total aufgeweckt was von den Gefahren der Künstlichen Intelligenz faseln, schicke ich ab sofort in die Diskothek des Leipziger Schauspiels. Dort erleben die Zuschauer, wie echter Denkanstoss geht.

Von Moritz Jähnig

Szene mit Alina Heipe, r.

Das ewige Leben ist ein ewiger Menschheitstraum. Wissenschaft und Forschung arbeiten an seiner Erfüllung, Kunst und Künstler ebenso. Die Theologen aller Religionen erzählen, wie es sein wird. Keinen lässt diese Frage kalt.
In Emre Akals als Auftragswerk des Leipziger Schauspiels entstandenen Theatertext „Goldie“ versucht eine junge, namenlos bleibende Frau, den Unfalltod ihres Gefährten Murat zu verarbeiten. Die Frau will nichts unversucht lassen – das kann jeder nachvollziehen.
Sie beauftragt das KI-Startup „Eternity“, welches verspricht, einen Verstorbenen anhand seiner digitalen Spuren wieder auferstehen lassen zu können. Gegen nicht gerade kleines Geld steht der Verstorbene dann im virtuellen Raum zur Kommunikation bereit. So erlebt die Frau über eine VR-Brille verschiedene Lebensstationen mit Murat nach, was schlussendlich zu einer doppelten Enttäuschung führt.

Das Trugbild bleibt Trugbild
Ein Avatar bleibt – jedenfalls zu dem hier reflektierten Stand der Technik – eine Figur im virtuellen Raum. Mit ihm kann sie den echten Murat weder sinnlich noch sexuell erleben. Sicher wird die Robotik in ein paar Forschungsjahren dazu in der Lage sein.
Schwerer noch wiegt vielleicht ihre Enttäuschung als Frau: Der Avatar ist aus den digitalen Spuren erstanden, die ihr Mann in seinem Leben im Netz hinterlassen hat. Sie muss feststellen, dass wenig Übereinstimmung mit ihrer Erinnerung besteht. Nichts ist bei ihnen deckungsgleich, wie Liebende zu allen Zeiten es meinen. Murat hatte die Dinge anders gesehen und erlebt als die Frau.
Auch das sind Gefahren, die durch die Künstliche Intelligenz aufgeworfen werden.

Zwischen Technik, Theater und Humor
In der eigentlichen theatralischen Aktion nimmt das Publikum an einem wissenschaftlichen Experiment teil. Die Versuchsanordnung: Die Bühne (Bühne und Kostüme: Sabine Born) ist ein Greenscreen-Raum, zum Publikum hin mit einer transparenten Wand abgeschlossen, auf der Projektionen erscheinen.
Mit Motion-Capture und Face-Tracking (Wenzel Banneyer und Nicole Widera) wird der Murat-Avatar erstellt und – um ein Wort aus dem Figurentheater zu benutzen – geführt. Die Figur des Murat-Avatar ist alles andere als vollkommen. Das Publikum erkennt in ihm die Künstlichkeit einer Puppe im virtuellen Raum (VR-Design und Programmierung: Paul Schengber, Emma Chapuy). Für die Frau (Alina-Katharin Heipe), die mittels VR-Brille zu ihrem Liebsten gelangt, bleibt der jedoch ein Trugbild.
Akal lässt solche romantisch-märchenhaften Assoziationsräume nicht aufkommen. Er hält mit Humor dagegen. Jede einzelne Wiedersehensfreude kostet Murats Freundin noch einmal extra Geld. So funktioniert Kapitalismus: Eine Erinnerung „Gemeinsamer Gang durch den Regen“ kostet 30,99 €. Pay Cash. Als die Frau murrt, steigt der Preis sofort auf 40,99 €.

Niklas Wetzel in der Titelrolle als Hamster Goldie

Goldie – Der unerwartete Vermittler
Der Joker im Stück ist eine alte, traditionelle Kasperle-Figur im Kostüm des Hamsters Goldie (Niklas Wetzel). Der Goldhamster hat mit dem Paar die Wohnung geteilte und alles miterlebte. Seine Erinnerung ist unbestechlich. Wie der Kasper zwischen Bühne und Publikum vermittelt, vermittelt Goldie zusätzlich zwischen Digital und Analog. Niklas Wetzel mit seiner starken Körperlichkeit im Spiel tut dem menschlichen Auge wohl im Greenscreen-Gewimmel. Immer wieder kommentiert der Hamster erfrischend die jeweilige Erinnerungslage und schlurft dabei mit großen Augen unter einer Vokuhila-Matte in unsäglich trashigen Pantoffeln über die Szene. In dieser Figur finden grüne Experimentalanordnung und ewiges Theater im Lachen wieder zueinander.

Gibt es nun ein Weiterleben nach dem Tode? Die Wahrheit kostet 79,99 €.

Annotation

Goldie (UA). Ein digitales Requiem. Auftragswerk des Schauspiel Leipzig. Text & Regie: Emre Akal; Bühne & Kostüme: Sabine Born; VR-Design & Programmierung: Paul Schengber, Emma Chapuy Musik: Sophie Constanze Polheim, Henrik Rohde; Dramaturgie: Marleen Ilg; Licht: Mattheo Fehse; Video: Robert Gotthardt

Besetzung

Wenzel Banneyer, Alina Heipe, Niklas Wetzel, Nicole Widera

Premiere 13.1.2024; besuchte Vorstellung 12.12.2024, veröffentlicht 3.1.2024

Credits

Text: Moritz Jähnig, freier Theaterkritiker Leipzig, Herausgeber

Fotos: Rolf Arnold

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