Wiederaufnahme unter musikalischer Leitung von Gewandhauskapellmeister Andris Nelsons im Rahmen des Schostakowisch Festival Leipzig 2025

Leipzig und Dmitri Schostakowitsch – das ist mehr als eine musikalische Affäre. Bereits 1950 inspirierte das persönliche Erleben der Bach-Festlichkeiten den sowjetischen Komponisten zu seinen „24 Präludien und Fugen“. 1965 brachte Leipzig mit „Katerina Ismailowa“ die DDR-Erstaufführung seiner Oper auf die Bühne am damaligen Karl-Marx-Platz. Gewandhauskapellmeister Kurt Masur setzte später mit einem Beethoven-Schostakowitsch-Zyklus Maßstäbe. Und nun, zum 50. Todestag des Komponisten ein Festival, das von einer Opernaufführung gekrönt wird, die der Gewandhauskapellmeister – der bislang aus Gründen, über die viel spekuliert wird, dem Leipziger Opernpult fern blieb, erstmals selbst dirigierte.
Von Moritz Jähnig

Andris Nelsons: Der Klangzauberer im Orchestergraben
Es war ein lange ersehntes Debüt: Andris Nelsons, seit Jahren Gewandhauskapellmeister, stieg erstmals in den Orchestergraben der Oper Leipzig – und was für ein Einstand! Ursprünglich für die Premiere 2024 vorgesehen, machte er nun die zwei ausverkauften Wiederaufnahme-Vorstellungen zum Festivalhöhepunkt.
Nelsons, der mit dem Boston Symphony Orchestra sämtliche Sinfonien und Bühnenwerke Schostakowitschs auf CD eingespielt hat, bringt eine tiefe Vertrautheit mit dessen Klangsprache mit.
So entlockt Nelsons jetzt auch seinem Gewandhausorchester feinste Nuancen, wie immer wieder warme die Holzbläserfarben, berührende Streicherklänge. Der Dirigent lässt den Klang atmen, phrasiert mit Sorgfalt und verleiht der Oper emotionale Tiefe, die sogar das Morbide mit flüchtiger Menschlichkeit auflädt. Selbst in dramatischsten Momenten hält er für die Bühne das Gleichgewicht zwischen musikalischer Opulenz, orgiastischem Geschehen und stimmlicher Präsenz. Das Orchester trägt, statt zu erschlagen.
Eine schockierende Oper
In „Lady Macbeth“ geht es um etwas Unerhörtes: eine Frau, die mordet, um sich zu befreien. Die unglückliche Kaufmannsgattin Katerina Ismailowa liebt, betrügt und meuchelt sich mit Rattengift aus der Enge eines tyrannischen Alltags. Die Musik Schostakowitschs überzeichnet ihre trostlose Welt grotesk, gnadenlos und voll hörbarem Sarkasmus. Verdeckte Emotionen, starke Gefühle, Macht und Verzweiflung drücken sich ausschließlich über die Musik aus. Eine Oper, die schon beim Hören schockiert, verstört, aber auch fasziniert – besonders dann, wenn sie so kraftvoll interpretiert und grandios bebildert wird wie in Leipzig.

Starbesetzung mit Glanz und Seele
Für das Schostakowitsch Festival wurde die Produktion prominent aufgewertet. Kristīne Opolais, lettische Star-Sopranistin gestaltet ihre Katerina mit ergreifender Intensität. Sie zeigt eine Figur im Spannungsfeld von Begehren und Schuld, mit kleinen stimmlichen Eintrübungen, aber großem darstellerischem Format.
An ihrer Seite: Pavel Černoch als Sergej – ein tschechischer Tenor, vertraut mit dem Repertoire seiner Heimat und dem italienischen Fach. Charmant kommt er daher. Ein Beau in der Provinz. Sein hell timbrierter Klang verleiht der Figur Leichtigkeit und Heimtücke zugleich.
Der russische Sänger Dmitry Belosselskiy setzt als Schwiegervater Boris mit seinem machtvollen Bass einen finsteren Kontrapunkt – seine brutale Autorität ist sängerisch und darstellerisch schlicht überragend. Die omnipräsente Ausstrahlung der Figur ein Erlebnis.

Auch Ensemblemitglieder wie Dan Karlström, Ivo Stanchev, Nora Steuerwald oder Franz Xaver Schlecht tragen entscheidend zum Erfolg des Abends bei. Der Chor, vorbereitet von Thomas Eitler de Lint, brilliert mit sattem Klang und präziser Artikulation. Auch der Chor ohne Frage festivaltauglich.

Regie und Bühne: Zwischen Groteske und Klarheit
Francisco Negrín Inszenierung arbeitet mit starken, oft surrealen Bildern und überlässt der Musik die stücktreibende Erzählung. Rifail Ajdarpasic entwarf ihm ein Bühnenbild voller Mühlen, Treppen und metaphorischer Räume: vom maschinellen Ausbeutungshaus bis zum timonischen Lager in Sibirien. Die Regie und Ausstattung verzichten auf jede plumpe Aktualisierung. Sie bleiben im Verweis. Der Deutungen sind viele möglich.
Auch Ariane Isabell Unfrieds Kostüme visualisieren soziale Hierarchien. Die stilisierte Polizeiwache mit ihren grotesken Schweinsmasken oder das überdimensionale Fabergé-Ei verankern die Inszenierung im Surrealen – ein stimmiges Spiegelbild der musikalischen Überzeichnung.
Ein Abend von großer künstlerischer Wucht
Diese „Lady Macbeth von Mzensk“ ist schmerzlich, brutal und menschlich packend. Dank der exzellenten musikalischen Leitung, einer hochkarätigen Besetzung und einer klugen, international lesbaren Inszenierung wurde sie zu einem der Highlights des Leipziger Schostakowitsch Festival.
Andris Nelsons gelang mit dem Gewandhausorchester in der Oper Leipzig ein Triumph. Er zeigt, was möglich ist und was geht. Wenn bei einem Festival Themen und Stars stimmen, führt es Publikum nach Leipzig.
So ist das crescendo beim Senken des Vorhang siinbildlich für einer Bewerbung.
Annotation
„Lady Macbeth von Mzensk“. Oper in vier Akten und neun Bildern von Dmitri D. Schostakowitsch, Libretto von Alexander G. Preis und vom Komponisten nach der gleichnamigen Erzählung von Nikolaj S. Leskow; Musikalische Leitung: Andris Nelsons, Inszenierung: Francisco Negrin, Movement Director Fin Walker, Bühne Rifail Ajdarpasic, Kostüme Ariane Isabell Unfried, Licht Michael Röger, Video & Canvas Design Piedra Muda LAB, Dramaturgie Marlene Hahn / Kara McKechnie,
Besetzung
Boris Timofejewitsch Ismailow: Dmitry Belosselskiy, Sinowij Borissowitsch Ismailow: Matthias Stier, Katerina Ismailowa: Kristine Opolais, Sergej: Pavel Černoch, Aksinja: Anke Krabbe, Der Schäbige: Dan Karlström, Verwalter / Wächter: Timothy Edlin, Hausknecht: Christian Moellenhoff, 1. Vorarbeiter / Kutscher: Daniel Arnaldos, 2. Vorarbeiter / Lehrer Sven Hjörleifsson, 3. Vorarbeiter Einar Dagur Jónsson, Bote (Mühlenarbeiter) Marian Müller, Pope: Ivo Stanchev , Polizeichef Franz Xaver Schlecht, Polizist Vincent Turregano, Betrunkener Gast Ki Jun Jung / Jin Young Jang, Sergeant Frank Wernstedt / Kwangmin Seo, Sonjetka Nora Steuerwald, Alter Zwangsarbeiter Peter Dolinšek, Zwangsarbeiterin Kamila Dziadko, Geist des Boris Timofejewitsch Dmitry Belosselskiy, Chor und Zusatzchor der Oper Leipzig, Gewandhausorchester
Unsere Rezension der Premiere 2024
Credits
Premiere 25.4.2024; besuchte Vorstellung Wiederaufnahme 29.5.2025; veröffentlicht 30.5.2025
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