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Leipzig: Nachhaltige Brutalität der Spitzenklasse

Leipzig: Nachhaltige Brutalität der Spitzenklasse

Ilaria Lanzino inszenierte selten gespielte „Mary, Queen of Scots“

Riesiger Applaus mit minimalen und deshalb ehrenden Missfallensspitzen, ein üppiges Opernhistorien-Epos und eine Primadonnen-Partie fast traditionellen Zuschnitts bei praktizierter Materialökonomie. Thea Musgraves „Mary, Queen of Scots“ (1977) ist eine weitgehend tonale Oper mit packenden Höhepunkten und fast thrillerhafter Hochspannung. Die italienische Regisseurin Ilaria Lanzino sezierte an der Oper Leipzig Machtkitzel-Drastik und ethische Absturzgefährdung in einem großartigen Schwarz-Weiß-Theater der Grausamkeit. Die Titelpartie geriet zum Triumph für die Sopranistin Nicole Chevalier. Das Gewandhausorchester näherte sich unter Matthias Foremny der teils berückend schönen, teils handlungsaffin schroffen Instrumentation mit Grandezza.

von Roland H. Dippel

Ein wichtiges Ziel der Oper Leipzig in der Intendanz von Tobias Wolff sind Klimaneutralität und Ressourcenschonung. Das betrifft auch den Thron für Thea Musgraves gut gebaute Oper „Mary, Queen of Scots“. Und es funktioniert: Trotz der goldgerahmten Lehnen ist dieser verführerische Schleudersitz kein Prunkstück. Gerade deshalb wird er zu einem an den verhängnisvollen Kreislauf der Geschichte und die Vergänglichkeit aller Dinge gemahnenden Zeichen. Dirk Becker, Klima-Schutzwart der Oper Leipzig, beweist in seinem Bühnenraum aber auch, was manchmal vergessen wird. Das beste Theater entsteht immer durch die Intensität der Menschen – und diese war beim Recycling des fast neoromantischen Opern-Reißers außerordentlich hoch.

Nach der Uraufführung 1977 durch die Scottish Opera in Edinburgh war „Mary“ wurde etwa 15 Jahre lang so etwas wie ein Erfolgsstück, unter anderem am Theater Bielefeld. Jetzt hat sie die Oper Leipzig wiederbelebt. Die inzwischen 95-jährige Komponistin schreibt gerade an ihrem nächsten Bühnenwerk „Orlando“ und scheute die Anreise zur Premiere aus New York. Ihr Sujet mit der Wucht einer Elisabethanischen Tragödie braucht Spiel- und Expansionsraum für Brutalitäten-Inflationen und nur selten liebevolle Erotik. Einen großen jubelnden Erfolg erntete die Premiere. Sie bestätigte zum Beispiel wie Brett Deans „Hamlet“ bei den Münchner Opernfestspielen, welche Wirkungskraft das Genre der abendfüllenden Historien- und Literaturoper mit linearer Handlung auch im neueren Schaffen haben kann. Mehrere operative Glückskonstellationen trafen in Leipzig aufeinander: Der seit Jahren am Haus geschätzte Dirigent Matthias Foremny und das Gewandhausorchester fanden in der überwiegend tonalen Partitur eine buntschillernde Aufgabe.

Annette Brauns bewusst schwarz konturierte und weiß fließende Stoffe machen den Deformierungsprozesse einer Regentin von zart zu hart noch sinnfälliger. Dirk Beckers klimaneutrales Bühnenbild mit hölzernen Tischen auf mehreren Ebenen erwies sich für die Szenenfolge nach dem Schauspiel „Moray“ der peruanischen Autorin Amalia Elguera als ideal. Dem Chor kommt in diesem mit harter Folgerichtigkeit sich vollziehenden Niedergang eine wichtige Aufgabe zu. Gerade bei der großen im Parkett gesungenen Szene fällt die durch Thomas Eitler-de Lint betriebene Präzisionsarbeit und gekonnte Klangschärfe auf. Versöhnliche Inseln baut vor allem die Musik, die von Lanzino hier wie Salz auf offene Wunden genutzt wird. „No future“ und „Stop Dreams“ steht auf den Overalls der Mary am Ende vom Thron stoßenden Hooligans.

Geschlossene Leistung im Sängerensemble

Mit Nicole Chevalier holte man eine Spezialistin für lyrische Koloraturpartien der Extremitäten-Extraklasse. Einer der Höhepunkte der sportiven wie anspruchsvollen Partie sind die handgreiflichen Macht-Streitigkeiten der hochschwangeren Mary mit ihrem Halbbruder James, dessen in schwierige Tenorlagen hochtreibenden Bariton-Part Franz-Xaver Schlecht hervorragend gestaltet. Insgesamt hat

Chevalier für dieses Gruppenbild mit Monarchin-Dame, die eine gute sein will, hervorragende Mitspieler. Rupert Charlesworth gibt Marys den seine Frustration mit Alkohol betäubenden Ehemann Darnley erst mit charmanter Virilität, später abstoßender Verletzlichkeit. Sejong Chang scheidet als gemeuchelter Liebesfrühling- und Liebestod-Sänger Riccio leider viel zu früh aus dem Geschehen. Guido Jentjens (Gordon), Randall Jakobsh (Cardinal Beaton), Richard Morrison (Morton) und Dan Karlström (Earl of Ruthven) sind Stimmen und Figuren im großen wie dunklen Machttheater, die das wenige von Mary und ihrer Sphäre strahlende Licht gnadenlos aus- und aufsaugen. Musgrave hat das in ihrer Partitur mit einem Frauenquartett gegen die fast immer in Einzelstimmen redenden Männer polarisiert (Augusta Kling, Leah Weil, Lena Herrmann, Katharina von Hassel sind Studierende der HMT).

Weil Sven Hjörleifsson als Mary vergewaltigender Bothwell kurzfristig ausfiel, sang der großartige Neue-Musik-Tenor Eberhard Francesco Lorenz von der Seite und sprang die Regisseurin selbst szenisch ein. Sogar die wenigen idyllischen Momente, aus denen weitere Tragödienblüten zu einem machiavellistischen Garten der Qualen aufsprießen, erhalten durch Lanzino einen harten wie gnadenlosen Rand. Mit dieser Produktion zeigt die Oper Leipzig, dass sie mit fulminantem Resultat zu weitaus mehr als gepflegt-dekorativem Musiktheater fähig ist.

Annotation

„Mary, Queen of Scots”. Oper in drei Akten von Thea Musgrave, Libretto von der Komponistin, nach dem Schauspiel „Moray“ von Amalia Elguera, Oper Leipzig. Musikalische Leitung Matthias Foremny, Inszenierung Ilaria Lanzino, Bühne Dirk Becker, Kostüme Annette Braun, Licht-Design Stefan Jennerich, Dramaturgie Marlene Hahn, Choreinstudierung Thomas Eitler-de Lint, Chor der Oper Leipzig, Gewandhausorchester zu Leipzig

Besetzung: Mary, Queen of Scots Nicole Chevalier; James Stewart, Earl of Moray Franz Xaver Schlecht; James Hepburn, Earl of Bothwell Sven Hjörleifsson; Henry Stuart, Lord Darnley Rupert Charlesworth; David Riccio Sejong Chang; Cardinal Beaton Randall Jakobsh; Lord Gordon Guido Jentjens; Earl of Morton Richard Morrison; Earl of Ruthven Dan Karlström; Mary Beaton Augusta Kling; Mary Seton Leah Weil; Mary Fleming Lena Herrmann; Mary Livingston Katharina von Hassel; Solo-Lord Marian Müller / Vincent Turregano

Premiere und besuchte Vorstellung 16.12.2023, geschrieben und veröffentlicht 18.12.2023, weitere Vorstellungen 20.12., 27.12.2023, 23.02.2024

Credits

Text: Roland Dippel, freier Theaterkritiker, Leipzig/München

Foto: © Tom Schulze

Szenenbilder

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