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Leipzig: Silvester bei „Arsen und Spitzenhäubchen“

Leipzig: Silvester bei „Arsen und Spitzenhäubchen“

Joseph Kesselrings Erfolgskomödie als Serien-Reminiszenz

Die erlebte Vorstellung fand am Silvesterabend in einem ausverkauften Haus vor einem vom Intendanten persönlich mit gelungenem Frage-Antwort-Spiel fröhlich abgeholten Publikum statt. Menschen, die sich ihrem Theater verbunden fühlen und eigene Glücksmomente mit ihm teilen. Erwartungsgemäß langanhaltend der Applaus.

Von Moritz Jähnig

Seit 1939 hält sich Joseph Kesselrings einzige Erfolgskomödie auf den Bühnen. Der deutschstämmige Autor hatte es 1941 danit mit ihr bis auf den Broadway in New York geschafft. Die Leipziger Inszenierung von Tina Lanik zaubert daraus heute ein Präsentkorb mit vielen Unterhaltungsangeboten. Greifen Sie zu, greifen Sie zu! Ihrer Einladung folgt das Publikum gern. Der Möglichkeiten dafür gibt es viele.

Flottes (Fernseh-)Spiel voller Slapstick-Einlagen

Wir genossen das Stück als amerikanische Fernsehserie von anno dunnemals in unserer Schulzeit. Die Bühne in der Bosestraße ist von leuchtenden Neonröhren gerahmt, was die Anmutung eines Bildschirms nahelegt. Die Spielwiese ist grotesk und übertrieben: Viel Slapstick, viel eifriges Gelaufe, viele übertriebene Gestik.
Das passt von der Spielhaltung alles sehr gut zusammen mit dem Sechziger/Siebziger-Jahre-Schick der Ausstattung von Stefan Hageneier. Die Wohnungseinrichtung und die Kostüme persiflieren die heile, bunte Welt in jenen Tagen, als sie noch in Ordnung schien. Die im Zentrum stehenden beiden alten Schwestern Abby und Martha Brewster, Anne Cathrin Buhtz und Bettina Schmidt, die aus Mitgefühl alles morden, was ihnen einsam erscheint, sind noch total flotte Bienen, wie – Teufel auch – vormals Duo Baccara.
Andreas Keller als Dr. Einstein kommt wie Meister Proper daher, und die irren Brüder Brewster – Teddy, gespielt von Christoph Müller, und Jonathan, verkörpert von Julius Forster – setzen dem grotesken Maskenspiel die komödiantische Krone auf. Es ist absolut glaubhaft, wenn Forster alias Jonathan an einer Stelle im Trubel des Stücks ruft: „So eine Farce hab ich mir schon lange gewünscht.“ Oder rief das ein anderer? Egal. Munter wird weitergespielt.

Unterhaltsam, aber ohne Überraschungen

Nichts außer vielleicht der Bühnenaufbau erinnert an die Schwarz-Weiß-Bilder der legendären US-amerikanischen Filmkomödie „Arsenic and Old Lace“ mit Cary Grant als Mortimer Brewster. Die kam 1944 heraus und taucht wie das Bühnenstück unverdrossen in öffentlich-rechtlichen TV-Fernsehprogrammen auf.

Der Leipziger Mortimer, gespielt von Niklas Wetzel, legte eine ans Artistische grenzende, rasante Stolper-Slapstick-Nummer hin. Alle Schauspieler sind körperlich gefragt und arbeiten ihre Figuren heraus. Tiefsinnigkeit, Doppelbödigkeit, Innehalten – das strebt die Regie nicht an.
Der Abend bekommt Längen, weil nichts Überraschendes mehr passiert und die Handlung wie in den Fernsehserien voraussehbar weiterplätschert. Dennoch ist die Aufführung alles in allem unterhaltsam und eine Empfehlung.
Es bleibt auf dem Heimweg ein Gedanke: Warum macht uns ein Komödienstoff aus dem Geist und nach dem Geschmack der 40er Jahre, inszeniert auf einem bunten Zitatenteller der 70er, heute, 80 Jahre später, so sehr lachen?

Annotation

„Arsen und Spitzenhäubchen“ von Joseph Kesselring. Schauspiel Leipzig. Regie: Tina Lanik, Bühne und Kostüme: Stefan Hageneier, Komposition: Jörg Gollasch, Choreographie: Romy Avemarg, Einspielung musikalische Aufnahmen: Max Eisinger (Violine), Lukas Fröhlich (Trompete), Dramaturgie: Julia Buchberger

Besetzung

Anne Cathrin Buhtz als Abby Brewster, Bettina Schmidt als Martha Brewster, Niklas Wetzel als Mortimer Brewster, Christoph Müller als Teddy Brewster, Julius Forster als Jonathan Brewster, Vanessa Czapla als Elaine Harper, Andreas Keller als Dr. Einstein, Tilo Krügel als Dr. Harper / Leutnant Rooney, Denis Grafe als Polizist Brophy / Mr. Gibbs Denis Petković als Polizist und Theaterautor O’Hara

Premiere 23.11.2024; besuchte Vorstellung 31.12.2024; veröffentlicht 3.1.2025

Credits

Text: Moritz Jähnig, freier Theaterkritiker Leipzig, Herausgeber

Fotos: © Rolf Arnold

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