„Die Zirkusprizessin“ als Theaterspass zu den Schlossgarten Festspielen inszeniert von Jasmin Solfaghari
Der Name des alljährlichen Theaterereignis in Neustrelitz lautet „Festpiele im Schlossgarten“. Anders als der Titel vermuten lässt, gibt sich das Fest léger und einem Publikum aus dem Kreis der Kurgäste zugewand. Die Damen mit Sommerhut oder in großer Garderobe blieben auf dem Grünen Hügel der kleinen Residenzstadt einsam. Wobei ein Hauch Rafinesse den Festspielen in der Stadt der edlen Strelizie gut täten. – Fast 900 Besucher waren zur Premiere der diesjährigen Operettenproduktion gekommen. Nach drei Stunden zogen sie begeistert wieder abwärts.
Von Moritz Jähnig

Operette als Publikumsliebling: Die Zirkusprinzessin in guter Gesellschaft
Ein Blick in die Werkstatistik des Deutschen Bühnenvereins räumt schnell mit dem Mythos auf, Emmerich Kálmáns Zirkusprinzessin sei an deutschsprachigen Theatern eine Rarität. Im vergangenen Jahr war sie etwa in Bautzen zu erleben sowie in einer charmanten Inszenierung der Landesbühnen Sachsen in Radebeul, wo die Puppentheatersparte mit phantasievollen Zirkuselementen das Stück federleicht in eine kindlich-verspielte Welt überführte.
Gemessen an den Besucherzahlen rangieren Kálmáns Operetten nach Johann Strauß und Franz Lehár auf einem stabilen dritten Platz. Wer also Die Zirkusprinzessin inszeniert, spielt auf Nummer sicher. Nach vergleichsweise weniger bekannten Werken wie Viktoria und ihr Husar und Ein Walzertraum setzen die Schlossgarten Festspiele Neustrelitz in diesem Jahr wieder gezielt auf bewährten Publikumserfolg.
Farbenfroher Operettenspaß mit Pyrotechnik und Zirkuszauber
Die in Leipzig und darüber hinaus durch den Richard-Wagner-Nachwuchswettbewerb bekannte Regisseurin Jasmin Solfaghari – im Schwarzwald geboren und neben anderem auch versiert im Operettenfach – inszenierte die 1926 in Wien uraufgeführte Operette als turbulenten Sommerspaß. Ein großes, final zündendes Feuerwerk krönt diese bunte Revue im Grünen.
Das Bühnenbild von Walter Schütze zeigt eine goldgelbe Zirkuszeltkulisse mit zahlreichen Spielorten und Ebenen, die gleichzeitig bespielt, besungen und betanzt werden. Die musikalische Leitung übernahm der in Tokio geborene 1. Kapellmeister Kenichiro Kojima, der der Neubrandenburger Philharmonie mit jugendlichem Zugriff Schwung, Drive und prägnante Akzente verlieh. Vor allem die orchestrale Brillanz der Zwischenmusiken und Ensembles bleibt noch lange nach dem Schlussapplaus im Ohr.

Szenische Vielfalt mit Humor, Tanzlust und detailverliebter Lebendigkeit
Das Libretto – eine Geschichte zwischen gesellschaftlichem Sturz, Liebesgeheimnis und Zirkusromantik mit ganz, ganz leichten sozialkritischen Anklängen – wird in all ihrer charmant überzogenen Operettenlogik breitestens dargeboten. Eine selbstbewusste Fürstin, die durch die Rache eines gekränkten Liebhabers gesellschaftlich ruiniert werden soll, findet ihr Glück schließlich beim geheimnisvollen Zirkusreiter Mister X – in Wahrheit ein russischer Adliger, der sie schon immer liebte und ihr Ehemann ist.
Auf der Bühne wird nahezu pausenlos umgebaut, geöffnet, umarrangiert. Sessel, Postamente, Vorhänge, Sektgläser, Briefe – alles ist in Bewegung. Mister X selbst reitet zur Freude des Publikums mit Zorro-Attitüde durchs Geschehen.
Besonders bemerkenswert sind die zahllosen Chorensemble, in dem jede Sängerin und jeder Sänger, ebenso das Ballett eigene kleine Geschichten spielt und ausdrucksstark tanzt (Choreografie: José Caba). Die Profis der Deutschen Tanzkompanie Neustrelitz setzen zusätzlich mit genderfluid-verspielten Ballettgrillen Akzente, die der Aufführung moderne Impulse geben.

Zwischen Zar und Präsident: Wenn Librettos aus der Zeit gefallen sind
Betrachtet man das Stück mit heutigem Blick unserer unter erhöhtem Tugenddiktat stehenden Zeit, stößt man auf problematische Aspekte im Geist der 1920er Jahre. Die ersten beiden Akte spielen im russischen St. Petersburg. Erst in Wien natürlich breitet sich im 3. Akt Harmonie und Hochzeitsglückseligkeit aus.
Im Original ist es Zar Nikolaus II., der einen Hochzeitserlass rausgibt – in Neustrelitz ersetzt durch einen namenlosen „Präsidenten“, was die politische Fallhöhe stark senkt. Eine satirische Kommentierung teilt sich nicht mit. Die Triggerwarnung vor der einem Chor über das männliche Weltbild der Kosaken – geschenkt!
Dass Operettenstoffe dramaturgisch zuweilen auf wackligem, zeitgeschichtlich unreflektiertem Fundament stehen, ist nicht neu – und wird die Dramaturgien auch künftig vor Herausforderungen stellen.
Starke Ensembleleistung trotz dramaturgischer Stolperstellen
Dem Publikum wäre zu empfehlen, sich im Vorfeld mit dem Handlungsverlauf vertraut zu machen. Denn nicht alle Motivationen der Figuren erschließen sich während der Aufführung klar, manche Handlungsstränge gehen im temporeichen Spiel verloren.
Die Reiterin Mabel, entzückend naiv gespielt und klangschön gesungen von Laura Scherwitzl, bleibt als Figur etwas unterbeleuchtet. Grit Kolpatzki bringt als Frau Schlumberger Küchenchaos mit Palatschinken auf die Bühne – eine Figur, die in anderen Inszenierungen mitunter die legendäre Frau Sacher evoziert.
Im dritten Akt werden zeitliche Bezüge aufgelöst, Handlungsfäden bleiben im Dunkeln. Die Zeitenwende dazwischen erklärt sich nicht. Dafür herrscht pure Heiterkeit: Markus Knopp gibt keinen grantelnden Oberkellner Pelikan, sondern einen floristischen Hotelbetreuer. Der quirlig-tänzerische junge Tenor Kyoungloul Kim als Toni sorgt für Spielfreude und Bewegung.
Mit Ryszard Kalus als Direktor Stanislawski und Lothar Dreyer als Clown Pinelli sind zwei starke Charakterdarsteller präsent. Auch die Adelsriege – Robert Merwald, Krzysztof Napierala und Ramin Varzandeh – überzeugt. Erst befeuern sie sich in ihrer Boshaftigkeit, jetzt wandeln sie als harmlose, sommerlich gestimmte Lebemänner durch den Wien-Akt.

Glanzlichter in Stimme und Spiel – und ein Blick auf die nächsten Festspiele
Im Zentrum des Geschehens stehen Fürstin Fedora Palinska und Mister X, alias Prinz Palinski. Laura Albert überzeugt mit strahlendem, souveränem Sopran. Der erfahrene, mit einem markant baritonalem Timbre gesegnete kolumbianische Tenor Andréss Felipe Orozco strahlt Ruhe aus und hat jene Schwermut, die seine Partie abnötigt. Ihr großes Duett „War’s nur ein Traum“ entfaltet unter freiem Himmel eine fast magische Wirkung.
Als Gast trat die Artistin Lea Toran Jenner alias ZirkusLea untergroßem Beifall mit ihrem Cyr-Rad auf. Das ist eine international gefragte Performance, die sie an Neustrelitz anschließend im Circus Roncalli darbieten wird.
Die „Zirkusprinzessin“ ist das Herzstück der diesjährigen Schlossgartenfestspiele. Weitere Vorstellungen folgen am 24., 25., 27. und 31. Juli sowie vom 1. bis 3. und 7. bis 9. August. Das übrige Programm bietet Vielfalt: Das Märchen Poseidon und die Plastiksee (22./23. 7.), eine konzertante Tosca (23.7.), die Udo-Jürgens-Revue Sahne Mixx (5.8.) und der „Elemente-Zyklus“ der Deutschen Tanzkompanie (6.8.).
Für 2026 steht erneut Kálmán auf dem Spielplan im Schlossgarten: Die Csárdásfürstin feiert am 3. Juli Premiere – eine Entscheidung der veranstaltenden Theater und Orchester GmbH Neubrandenburg/Neustrelitz, die auf ein Festivalprogramm des Probaten baut.
Annotation
„Die Zirkusprinzessin“. Operette von Emmerich Kalman, Libretto von Julius Brammer und Alfred Grünwald. Festspiele im Schlossgarten Neustrelitz 2025, Theater und Orchester GmbH Neubrandenburg / Neustrelitz. Musikalische Leitung: Kenichiro Kojima, Inszenierung: Jasmin Solfaghari, Bühnen- und Kostümbild: Walter Schütze, Choreographie: José Caba, Chor: Joseph Feigl, Dramaturgische Assistenz: Roland H. Dippel, Dramaturgie: Martin von Bargen
Besetzung
Fürstin Fedora Palinska: Laura Albert, Prinz Sergius Wladimir: Robert Merwald, Graf Sakusin, Rittmeister: Krzystof Napierala, Graf v. Petrowitsch, Leutnant: Ramin Varzandeh, Direktor Stanislawski: Ryszard Kalus, Mister X:Bernd Könnes / Andrés Felipe Orozco, Luigi Pinelli, Regisseur und Clown: Lothar Dreyer, Miss Mabel Gibson, Zirkusreiterin: Laura Scherwitzl, Carla Schlumberger, Hotelbesitzerin: Grit Kolpatzik, Toni, ihr Sohn: Kyoungloul Kim, Pelikan, Oberkellner: Markus Kopp, Mary, Barmädchen des Zirkus: Sylke Urbanek, Haushofmeister des Prinzen: Andreas Hartig
Zirkus-Act – Cyr Wheel: Lea Toran Jenner
Opernchor der TOG / Extrachor der TOG, Deutsche Tanzkompanie, Neubrandenburger Philharmonie
Credits
erlebte Vorstellung Premiere 18.7.2025; veröffentlicht 20.7.2025
Text: Moritz Jähnig, freier Theaterkritiker, Leipzig
Fotos: © Jörg Metzner
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